Ein Denkmal für die Aktie
400 Jahre Weltwirtschaft in Papierform: In Olten ist das weltweit grösste Wertpapier-Museum eröffnet worden.
Die Sammlung mit 7000 Exponaten aus allen Kontinenten gibt Einblick in die Welt des «schönen Scheins».
Das Zentrum des Schweizer Kapitalismus liegt in der Provinz. 50 Meter in das Grundwasser versenkt befindet sich mitten in Olten ein turnhallengrosser Betonquader, in dem sämtliche Schweizer Aktien gelagert werden.
Dort, wo früher die Joghurtgläser der Oltner Zentralmolkerei gewaschen wurden, hortet die SIS Group, die zentrale Abwicklungsorganisation für Wertschriftentransaktionen in der Schweiz, Wertpapiere mit einem Geldwert von rund 1,4 Billionen Franken.
Elektronischer Handel statt Papier
Auch in Zeiten elektronischer Abwicklungssysteme liegen noch immer rund 70 Prozent der Schweizer Aktien physisch vor, wie der Chef der SIS-Gruppe, Heinz Haeberli, erklärt.
Dennoch ist der Trend zur Abstraktion unverkennbar: Bei Börsengängen verzichten die Firmen heute meist darauf, ihre Aktien auszudrucken. Die Papiere selber interessieren nur noch Nostalgiker.
Früher von Künstlern gestaltet
In den Anfängen des Kapitalismus war dies anders. «Für die Gestaltung der Aktien wurden vielfach die besten Künstler und bekanntesten Illustratoren engagiert», sagt der passionierte Wertpapiersammler Jakob Schmitz und präsentiert stolz eine vom portugiesischen Jugendstilkünstler Rafael Bordallo-Pinheiro gestaltetes Papier.
Die Gründeraktie der Fabrica de Faiancas das Caldas da Rainha ist das kunsthistorische Prunkstück aus Schmitz‘ Sammlung mit 7000 Aktien. Diese wurde vor knapp zwei Jahren von der SIS für einen einstelligen Millionenbetrag übernommen.
Im neu eröffneten Museum «Wertpapierwelt», einen Steinwurf vom unterirdischen SIS-Tresor entfernt, ist ein Teil davon künftig der Öffentlichkeit zugänglich.
Erste Aktiengesellschaft 1602
«Die Welt des schönen Scheins» – so Schmitz – dokumentiert die Entwicklung des modernen Kapitalismus von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Im Jahr 1602 schlossen sich die grossen niederländischen Handelshäuser zur Vereinigten Ostindischen Compagnie zusammen, der ersten Aktiengesellschaft der Wirtschaftsgeschichte.
In der Ausstellung befindet sich eine Anleihe zur Finanzierung von Projekten dieser Gesellschaft sowie eine Aktie der englischen East India Company, mit der die Engländer Jahre später dem holländischen Beispiel nacheiferten.
Keine Grossprojekte ohne AG
«Wertpapiere sind der Motor für die Entwicklung der Weltwirtschaft in den letzten 400 Jahren», sagt Haeberli. Ohne die Möglichkeit der anonymen und auf eine Vielzahl von Aktionären verteilten Finanzierung hätten die Grossprojekte der Wirtschaftsgeschichte gar nie realisiert werden können.
Den Siegeszug rund um die Welt trat die Aktie allerdings erst mit der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert an. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Schweizer Aktiengesellschaften. In der Ausstellung sind diese Pioniere mit Maggi und der Rigibahn vertreten.
Historische Papiere wertvoller als ursprüngliche Aktie
Gut dokumentiert ist auch die Epoche der grossen Tycoons der US-Wirtschaft mit Namen wie Henry Ford, Rockefeller oder Guggenheim.
Mit einem Wert von rund 80’000 Franken das wertvollste Stück der Sammlung ist eine vom US-Eisenbahnkönig Vanderbilt signierter Anteilsschein der Erie-Eisenbahn. Auf einen ähnlichen Wert wird die Erstausgabe von Charlie Chaplins United Artists geschätzt.
«Viele Aktien haben in ihrem zweiten Leben als historische Aktien einen viel höheren Wert als in ihrem ersten Leben als Anteilsscheine», sagt Schmitz.
Mit seiner Sammlung habe er «ein Denkmal für die Aktie» setzen wollen, sagt der Düsseldorfer. Abgesehen von Wall Street hätte er sich keinen besseren Standort als die Schweiz wünschen können: «Die Schweiz ist noch immer das Symbol für Kapital und Geld», sagt er.
swissinfo und Agenturen
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