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Testosteron-Hype bei Schweizer Männern – doch die Ärzteschaft ist skeptisch

Ein Mann geht auf einem zugefrorenen See
Der Testosteronspiegel von Männern ist zwischen 1972 und 2019 um rund 54% gesunken. Keystone / Urs Flüeler

In den USA wird sie bereits häufig verschrieben – nun findet die Testosteron-Ersatztherapie (TRT) auch in der Schweiz immer mehr Anhänger. Dies setzt Ärzt:innen hierzulande unter Druck, denn die Diagnose ist komplex.

N.U. fühlte sich nicht mehr wohl in seiner Haut. Müdigkeit, mangelnde Libido sowie verminderte geistige und körperliche Leistungsfähigkeit machten ihm das Leben schwer. Der 47-jährige Mann aus der Schweiz, der anonym bleiben will, vermutete einen niedrigen Testosteronspiegel als Ursache für seine Symptome.

Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon, das die Pubertät auslöst und Muskelmasse, Knochendichte, Sexualtrieb und Spermienproduktion steigert. Ein niedriger Testosteronspiegel kann zu Müdigkeit führen und sich negativ auf Sexualtrieb und Muskelmasse auswirken.

Im Juli wurde eine neue wissenschaftliche Analyse veröffentlichtExterner Link, die Daten aus zwölf Studien in sieben Ländern mit über 100’000 Teilnehmern ausgewertet hat. Ergebnis: Der Testosteronspiegel der untersuchten Männer hat zwischen 1972 und 2019 um rund 54% abgenommen.

Mitverantwortlich für die Abnahme dürften laut den Autor:innen der Studie Adipositas und Diabetes sein, unter den weiteren Verdächtigen finden sich Chemikalien in der Umwelt und in Haushaltprodukten.

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Über eine Google-Suche gelangte N.U. auf die Website von «TRTDoc», einer Schweizer Online-Arztpraxis, die sich auf die Diagnose und Behandlung von Testosteronmangel spezialisiert hat.

Die Beratungsplattform wird in Teilzeit von Ärzt:innen betrieben, die in ihrer regulären Praxis einen Anstieg an Patienten verzeichneten, die sich nach einer Testosteronersatztherapie (TRT) erkundigten.

«Ich habe die Symptome ausgiebig im Internet recherchiert und mir Forschungsergebnisse angesehen. Dabei fiel mir auf, dass in der Schweiz kaum über dieses Thema gesprochen wird und die Ärzt:innen darüber nur beschränkt Bescheid wissen. Ich wurde von keinem Arzt darauf hingewiesen, dass meine Symptome die Folge eines niedrigen Testosteronspiegel sein könnten», sagt N.U.

Der Mann vereinbarte über Zoom eine Online-Konsultation bei «TRTDoc» und liess in einer Klinik in seiner Nähe wie empfohlen zwei Blutuntersuchungen im Abstand von zwei Wochen durchführen.

Beide Tests ergaben sehr niedrige Hormonspiegel. «TRTDoc» stellte aufgrund der vorliegenden Symptome die Diagnose «Hypogonadismus», also ein niedriger Testosteronspiegel, und N.U. wurde eine Testosterontherapie verschrieben, die er sich nun selbst spritzt.

Die TRT habe seine Lebensqualität verbessert, und seine Libido sei zurückgekehrt, berichtet N.U. Er habe zudem wieder mehr Energie und sei produktiver. Sein Fazit: «Ich würde es nochmal machen.»

Andreas Gutwein ist einer der drei leitenden Ärzte bei «TRTDoc». Die meisten seiner Patienten sind Männer mittleren Alters, arbeiten in einem sehr anspruchsvollen Beruf und suchen nach einer Lösung, um tagsüber mehr Energie zu haben.

Gutwein vermutet, dass diese Männer im Schweizer Gesundheitssystem nicht die Hilfe erhalten haben, die sie brauchen. Sie hätten oft das Gefühl, ihr Hausarzt schlage ihre Bedenken einfach in den Wind.

«Die Männer erhalten oft zu wenig Unterstützung. Während einige aus Scham nicht über ihre Symptome sprechen, gehen andere zum Hausarzt. Dort entsteht jedoch der Eindruck, dass ihre Anliegen nicht ernst genommen werden oder der Arzt, die Ärztin mit dem Thema nicht ausreichend vertraut ist», sagt Gutwein.

USA: Trendbehandlung Testosteron

Bruno Lunenfeld ist Experte für Testosteronmangel. Der heute 99-Jährige studierte von 1945 bis 1954 in Genf Medizin und ist emeritierter Professor für Endokrinologie an der Bar-Ilan-Universität in Israel.

Bekannt wurde er für seine Pionierarbeit zur Rolle von Hormonen bei Frauen nach der Menopause und zur hormonellen Behandlung von Unfruchtbarkeit. Lunenfeld erkannte, dass mit zunehmendem Alter auch Männer unter ähnlichen Problemen litten.

Ein 99-jähriger Mann im Anzug, der einen orangefarbenen Drink in der Hand hält und sehr gesund wirkt
Bruno Lunenfeld, Pionier der Altersforschung, gönnt sich seit fast drei Jahrzehnten eine Testosterontherapie. Bruno Lunenfeld

«Es zeigten sich Symptome wie verminderter Sexualtrieb, Muskelabbau und Müdigkeit. Mit zunehmendem Alter sank der Testosteronspiegel bei Männern auf Werte, die Hypogonadismus vermuten lassen. Wir konnten letztlich nachweisen, dass die Lebensqualität von Männern mit Testosteron wiederhergestellt werden kann», sagt er.

Lunenfeld gründete 1997 im Vereinigten Königreich die «International Society for the Study of the Aging Male» (ISSAM), um die Forschung zur Gesundheit von Männern über 30 Jahren voranzubringen. Bis 2024 war er zudem Herausgeber der offiziellen Fachzeitschrift der ISSAM, Aging Male.

Gesellschaft und Fachzeitschrift trugen durch ihre Forschungsarbeit dazu bei, die Stigmatisierung von Testosteron bei der Behandlung von altersbedingtem Hypogonadismus abzubauen, indem sie Zweifel an Testosteron in Bezug auf Lebertoxizität, Prostatakrebs und Herz-Kreislauf-Problemen widerlegten.

Der in Österreich geborene israelische Staatsbürger lebt heute in Delray Beach, Florida – und geht selbst mit gutem Beispiel voran: Seit seinem 70. Lebensjahr vor bald 30 Jahren nimmt Lunenfeld nun schon Testosteron ein.

Seine zweite Frau, die 20 Jahre jünger ist als er, verabreicht ihm per Injektion alle drei Monate «Nebido», eine Darreichungsform von Testosteron mit Langzeitwirkung. Lunenfeld ist überzeugt, dass Testosteron und die Fürsorge seiner Frau seine Lebensqualität verbessert und es ihm ermöglicht haben, um die ganze Welt zu reisen.

«Ich habe meinen 99. Geburtstag auf einer Kreuzfahrt von Melbourne nach Singapur verbracht. Im September plane ich schon die nächste Kreuzfahrt und hoffe, dass ich meinen 100..Geburtstag mit meiner Familie feiern kann», so Lunenfeld.

Studien und Umfragen lassen darauf schliessenExterner Link, dass in den USA rund 40% der Männer unter 40 Interesse an einer Testosterontherapie (TRT) haben und fast 14% eine solche anwenden oder bereits angewendet haben.

Zwar haben die US-Krankenversicherung «Medicare» und private Krankenversicherer strenge Kriterien an die Kostenübernahme für die TRT definiert. Gleichwohl hat die Zahl der mit Testosteron behandelten Personen zwischen 2018 und 2022 um 27% zugenommen, wobei der Grossteil dieses Anstiegs nach dem Ausbruch der Coronapandemie 2020 zu verzeichnen war.

Forschende vermuten, dass die stark gestiegene Anzahl neuer TRT-Patienten Behandlungen ausserhalb der medizinischen StandardprotokolleExterner Link zuzuschreiben sein könnte, die von leicht zugänglichen Direktvermarktungs-Plattformen angeboten werden.

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«Für eine Testosteron-Ersatztherapie braucht es Zeit, eine individuelle Betreuung und eine engmaschige Nachsorge», sagt Gutwein.

Er glaubt, dass Männer deshalb auf spezialisierte Kliniken nach US-amerikanischem Vorbild ausweichen, weil sie mit der von ihrem Gesundheitsdienstleister angebotenen Behandlung nicht rundum zufrieden sind.

«Öffentliche Spitäler verfügen oft nur über begrenzte Ressourcen für solche langfristigen, personalisierten Therapien, was die Verlagerung hin zu privaten Anbietern begünstigt.»

Zurückhaltung in der Schweiz

Wie in den USA erstatten auch Schweizer Krankenkassen die Kosten einer Testosteron-Ersatztherapie nur, wenn sie von einem Arzt verschrieben wird. Vergütet wird ausschliesslich «Nebido», das Präparat mit Depotwirkung, das pro 4-ml-Dosis etwa 83 Franken kostet.

Bei anderen Produkten wie dem kurz wirksamen «Testoviron» (eine Packung mit drei Ampullen à insgesamt 250 mg kostet rund 52 Franken und reicht für zwei bis vier Wochen) oder Testosteron-Gels muss der behandelnde Arzt einen Sonderantrag beim Versicherer stellen, oder es ist eine Zusatzversicherung erforderlich.

Patienten mit Anzeichen eines niedrigen Testosteronspiegels werden vor der Diagnose für zwei Blutuntersuchungen aufgeboten, da die Werte durch Krankheiten oder Schlafmangel verfälscht werden können.

Doch selbst wenn die Symptome den Ärzt:innen bekannt sind, bleibt die Diagnose laut Gutwein heikel, da es an strengen und allgemein anerkannten Grenzwerten für einen niedrigen Testosteronspiegel fehlt. Besonders bei weniger erfahrenen Ärzt:innen kann dies Unsicherheit auslösen und dazu führen, dass Patienten ungenügend abgeklärt werden.

In den meisten Schweizer Labors gilt ein Wert zwischen 10 und 30 Nanomol Testosteron pro Liter (etwa 288 bis 865 Nanogramm pro Deziliter) als Normalbereich, sagt Endokrinologe Georgios E. Papadakis vom Universitätsspital Lausanne (CHUV).

Er würde bei einem Mann unter 40 Jahren einen Wert von mindestens 12 bis 14 Nanomol pro Liter Testosteron erwarten, wobei der Grenzwert vom Alter abhängt.

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Erschwerend kommt hinzu, dass bei Blutuntersuchungen lediglich das Gesamttestosteron bestimmt wird. Der biologisch aktive Anteil, das so genannte freie Testosteron (zwischen 1% und 3% des Gesamttestosterons), ist viel schwieriger zu ermitteln und hängt von den Werten anderer Hormone im Körper ab.

Papadakis weist darauf hin, dass es eine Grauzone gibt, in der Patienten beim Gesamttestosteron im Grenzbereich liegen und gewisse Symptome zeigen, ein Zusammenhang mit einem Testosteronmangel jedoch nicht belegt ist.

«Manchmal behandeln wir solche Grenzfälle während sechs Monaten und beobachten, ob sich Wohlbefinden, Symptome und Lebensqualität verbessern. Wir führen dann jeweils zunächst einen Versuch mit einem Testosteron-Gel durch, das eine kurze Wirkungsdauer aufweist und die körpereigene Testosteronproduktion nicht unterbindet», sagt Papadakis.

Nachteil dieser Behandlungsmethode: Die Gels müssten täglich angewendet werden.

Nutzen versus Risiken

Papadakis behandelt mit seinem Team in Lausanne rund 500 Männer mit Testosteron. Seine Klinik verzeichnete in den letzten zehn Jahren eine Zunahme von Patienten um 50% – was jedoch nur die Spitze des Eisbergs sein dürfte. Papadakis geht davon aus, dass die Mehrheit der Patienten mit Testosteronersatztherapie (TRT) über keine ärztliche Verschreibung verfügt und das Präparat im Internet gekauft hat.

«Die eigentliche Gesundheitskrise ist der übermässige Einsatz von Testosteron. Das war in den USA natürlich schon vor 20 Jahren der Fall, wiederholt sich nun aber auch in Europa. Dazu tragen auch all die Theorien bei, wonach Testosteron dabei helfe, Führungsqualitäten zu entwickeln und die eigene Männlichkeit wiederzuentdecken», kritisiert Papadakis.

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Nur wenige Männer seien sich bewusst, dass das Spritzen von Testosteron die eigene Hormonproduktion verringert und sich zudem negativ auf die Fruchtbarkeit auswirkt. Eine Überdosierung von Testosteron über längere Zeit regt die Bildung von übermässig vielen roten Blutkörperchen an, was wiederum zu Herz-Kreislauf-Problemen und Schlaganfällen führen kann.

«Das Problem bei der Testosteronbehandlung ist, dass sie sicher ist, solange sie beim richtigen Patienten angewendet und von einem erfahrenen Arzt verschrieben wird – aber sie muss überwacht werden. Ausserdem kann man eine TRT nicht einfach abbrechen», so Papadakis.

Ärzt:innen tasten sich deshalb vorsichtig an die Testosteron-Ersatztherapie heran. Bei Patienten kann dadurch der Eindruck entstehen, die Mediziner:innen zögerten und nähmen ihre Symptome nicht ernst. Tatsache ist, dass eine Testosteron-Ersatztherapie nur bei den allerwenigsten Männern angezeigt ist.

Andreas Gutwein: «Ich schätze mal, dass nur etwa 10% für eine TRT in Frage kommen. Unsere Hauptarbeit besteht darin, den Patienten zu vermitteln, dass sie gar kein Problem haben. In den meisten Fällen sollten sie ihr Übergewicht und andere Probleme bekämpfen, nicht einen Testosteronmangel.»

Editiert von Virginie Mangin/ds, Übertragung aus dem Englischen: Lorenz Mohler

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