Schweizer Diplomatie macht Schule
Im Oktober ist das schweizerische Wissenschafts-Konsulat in Boston (USA) genau ein Jahr alt. Es ist derart erfolgreich, dass andere Nationen dieses Modell der neuen Diplomatie schon kopieren.
Ziel dieses weltweit ersten Wissenschaftskonsulates ist es, die wissenschaftliche und vor allem wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und den USA zu fördern. Denn seit Forschung und Bildung in die Nähe von Business gerückt sind, seit Erkenntnisse unmittelbar in Technologien umgesetzt werden und einen materiellen Gewinn bringen müssen, dreht sich alles nur noch ums Unternehmertum.
Jeder spricht von Entrepreneurship. Das komplizierte Wort ist die Zauberparole der New Economy. Und so sind es hauptsächlich schweizerische Jungunternehmer, Experten der New Economy, die von dieser neuen Art der Diplomatie profitieren.
Im «Swiss House for Advanced Research and Education», kurz SHARE genannt, lernen sie unternehmerisches Bewusstsein, das Aufstellen eines Businessplans, entwickeln ein Gespür für den Markt und knüpfen Kontakte.
Wissen – der Motor der Wirtschaft
Initiiert und gegründet wurde SHARE vom ehemaligen Wissenschaftskonsul in Washington, Xavier Comtesse: «Wissenschaft und Technologie sind die heutigen Motore unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft. Sie treiben die Entwicklungen voran.»
«In Amerika hat man dies erkannt. Selten aber in anderen Staaten wie der Schweiz. Die Regierungen verhalten sich im allgemeinen sehr passiv und sehen nicht, dass man sich um die jungen Experten der Wissenschaft und Technologie bemühen muss, damit man in Zukunft konkurrenzfähig bleibt. Aus diesem Grunde haben wir etwas Neues versucht und hier in Boston dieses Konsulat gegründet. Es soll helfen, die kommende Generation zu fördern», erklärt der Wissenschaftskonsul.
In Zeiten der Globalisierung wird Vernetzung und Know How immer wichtiger. SHARE fördert zwischen der Schweiz und den USA diese Vernetzung von Forschung, Wirtschaft, Innovation und Ausbildung, indem Interessierte ganz konkret mit Tipps und Ratschlägen versorgt werden.
Verschiedene Programme unterstützen den Wissenstransfer, motivieren Schweizer Wissenschaftler zum Aufbau neuer Unternehmen, vermitteln unternehmerische Ausbildung und Kontakte. Dabei soll jedoch nicht der Exodus der schweizerischen Experten unterstützt, sondern im Gegenteil, das Band zur Heimat gestärkt werden.
USA – attraktives Auswanderungsland für Akademiker
In den USA studieren und forschen jedes Jahr mehr und mehr Schweizerinnen und Schweizer. Momentan sind rund 5’000 Studierende aus der Schweiz an amerikanischen Universitäten eingeschrieben. Etwa 2’000 Schweizer Wissenschaftler arbeiten in amerikanischen Forschungszentren.
Dass diese akademische Elite eben nicht gänzlich amerikanisiert wird, sondern wieder zurückkommt oder zumindest, enge professionelle Beziehungen zum Heimatland bewahrt – das ist die Vision von SHARE, sagt Comtesse: «Heutzutage ist Wissen die teuerste Ware auf dem Markt. Besonders in Ländern wie der Schweiz, wo es keine Rohstoffe gibt. Man muss also vorsichtig mit diesem Gut umgehen. Man kann jedoch diese Experten der Wissenschaft und Technologie nicht einfach zwingen, wieder in die Schweiz zurückzukehren.»
Man müsse, so der Wissenschaftskonsul, einen subtileren Weg finden, der den Akademikern diene und ihnen helfe, die Verbindung zur Schweiz aufrecht zu erhalten. «Unser Problem ist nicht nur, sie wieder in die Schweiz zu holen, sondern – und das scheint mir viel wichtiger – sie im Ausland zu begleiten.»
Partnerschaft mit Privatwirtschaft
Comtesse’s Idee stiess in Bern auf positives Echo. Nicht zuletzt, weil das Projekt hauptsächlich von der Privatwirtschaft finanziert wurde – und noch wird. Die Genfer Privatbank Lombard & Odier stellte über 2 Mio. Dollar für den Aufbau von SHARE zur Verfügung. Weitere Finanzierungspartner waren und sind die Wissenschaftsstiftung Gebert Rüf, Novartis, Nestlé und die Credit Suisse.
Das Konsulat befindet sich in einer alten Gewürzhandlung. Das eingeschossige Ziegelsteingebäude wurde in eine ultramoderne Begegnungsstätte umgewandelt. Die Büros sind bloss durch Glaswände vom Hauptraum getrennt. Inmitten dieses Raumes steht der monumentale Sitzungstisch. Und am Ende des Raumes das Schmuckstück von SHARE: eine kleine Arena mit einer grossen Leinwand, die mit Internet, Video und Fernsehen gekoppelt ist. So sieht man die Schweiz gerne: modern, perfekt, elegant und irgendwie sehr international. Besser könnte man kaum Präsenz markieren.
SHARE hat jedenfalls schon Schule gemacht: 27 Nationen haben bis anhin das Schweizer Wissenschaftskonsulat besucht. Einige zeigten sich derart fasziniert vom Projekt, dass sie es kopieren. England, Frankreich und Südkorea planen ähnliche Konsulate. Deutschland eröffnet weltweit gleich zwanzig derartige Institutionen.
Carole Gürtler
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