Christian Bolt fordert Michelangelo heraus: «Liebe und Tod faszinieren mich»
Der Bündner Bildhauer interpretiert Michelangelos «Sterbenden Sklaven» neu, der heute im Louvre in Paris ausgestellt ist. Seine Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit der Grenze zwischen Leben und Tod – und mit der Bedeutung der Bildhauerei in der Gegenwart.
Die mühsame Entstehungsgeschichte von Michelangelos «Gefangenen» – einer Gruppe von sechs unvollendeten Statuen, die ursprünglich für das Grabmal von Papst Julius II. bestimmt waren – hallt heute im zeitgenössischen Schaffen von Christian Bolt nach.
Der Schweizer Bildhauer hat einen dieser Gefangenen, die aus dem leblosen Marmor hervorzutreten scheinen, intensiv studiert. Es handelt sich um den «Sterbenden Sklaven» (1513–1515), den Bolt in seiner ganzen unruhigen Harmonie nachbildet. Die 2,15 Meter hohe Skulptur wird seit 1794 zusammen mit dem «Rebellischen Sklaven» im Louvre ausgestellt.
Der «Sterbende Sklave» ist von aussergewöhnlicher Schönheit: Die Figur ist stehend dargestellt, der Körper weich und gelöst. Eine Pose, die den Übergang vom Leben in den ewigen Schlaf festhält. Die Fesseln schnüren ihm die Brust ein. Sein linker Arm ist erhoben, während das Handgelenk das Gewicht des herabsinkenden Kopfes zu tragen scheint.
Ursprünglich hatte Papst Julius II. bei Michelangelo 47 grosse Figuren aus Carrara-Marmor für sein monumentales Grabmal in Auftrag gegeben. Das ehrgeizige Projekt wurde jedoch durch einen weiteren päpstlichen Auftrag unterbrochen: die Fresken der Sixtinischen Kapelle.
Der «Sterbende Sklave» verkörpert das Begriffspaar Eros und Thanatos – eines der mächtigsten und ältesten Konzepte des westlichen Denkens. In diesem nackten, sinnlichen und zugleich erlöschenden Körper scheint sich der gesamte Zyklus menschlicher Existenz zu spiegeln – geprägt vom Dualismus gegensätzlicher Triebe. Vom leidenden und zugleich vollkommenen Gesicht geht ein Gefühl der Trennung aus.
«Die Spannung zwischen Verfall und Blüte spiegelt das moderne Leben wider»
Bolt, 1972 in Uster geboren und heute in Klosters tätig, betont, dass das Prinzip des Kontrasts die Grundlage seines künstlerischen Schaffens bildet. Der «Sterbende Sklave» habe ihn schon seit seiner Jugend bewegt: «Ich war immer davon fasziniert, wie ein Moment des Todes so lebendig, kraftvoll und ästhetisch exquisit dargestellt werden kann».
Für ihn ist es «ein widersprüchliches Werk, da es eine Spannung zwischen Verfall und Blüte erzeugt. Und dieses innere Drama spiegelt meiner Ansicht nach wesentliche Aspekte des modernen Lebens wider».
Warum er heute eine Kopie dieses geheimnisvollen Werks schaffen will? Eine besondere Verbindung zur Grabkunst habe er nicht, sagt Bolt, «obwohl das Sterben zum Leben gehört». Nie zuvor habe er daran gedacht, eine Skulptur des Renaissancegenies nachzubilden, da seine Aufmerksamkeit bisher auf der Entwicklung seiner eigenen künstlerischen Sprache lag, deren Fokus auf dem «Entwicklungspotenzial des Menschen» liege.
Der «Sterbende Sklave» ermögliche ihm nun, das Spirituelle in der Kunst weiter zu erforschen. Zugleich sei es eine Möglichkeit, sich dem «Geheimnis eines grossen Meisters zu nähern, seine intellektuelle Kraft greifbar zu machen».
Um dieses Ziel zu erreichen, setzt sich Bolt mit einer real existierenden skulpturalen Figur auseinander – ein Prozess, der sich stark von seiner unabhängigen Arbeit unterscheidet. «Die Kunst hat mir beigebracht, sehr viel zu lernen und mich niemals von ihr einfangen zu lassen», betont er.
Ein Meisterwerk Michelangelos taucht in Klosters wieder auf
Wo die Skulptur nach ihrer Fertigstellung im Atelier in Klosters stehen wird? «Zunächst arbeite ich für mich selbst. Was danach geschieht, wird sich zeigen», sagt Bolt.
Das Modell entstand in Carrara im renommierten Bildhaueratelier Studi d’Arte – Cave Michelangelo, mit dem Bolt seit Jahren zusammenarbeitet. «Es ist mir gelungen, sie zur Mitarbeit an der Schaffung dieser einzigartigen Skulptur zu motivieren», sagt der Künstler.
«Sie haben sich um die Vorbereitungsphase gekümmert, während ich mich der detaillierten Ausarbeitung sowie den intellektuellen und philosophischen Aspekten des Werks widme – auf Grundlage weiterer Studien des Originals im Louvre.»
Aus Michelangelos «non finito» zu schöpfen – aus Werken also, die scheinbar darum ringen, aus dem rohen Marmor hervorzutreten –, sei eine konzeptuelle, philosophische und ästhetische Entscheidung. Gerade diese antagonistischen Spannungen faszinierten ihn.
«Es ist ein klassisches Konzept, das Machtdynamiken erzeugt und Vitalität hervorruft», sagt Bolt. «Die Interaktion der Gegensätze findet sich in der Form selbst wieder.»
Was ihn zur Bildhauerei als Ausdrucksform hingezogen habe? Bolt spricht von «Tastsinn» und «Kontakt». «Für mich ist die Bildhauerei, die direkteste Kunstform, Berührung», sagt er.
Schon als Kind sei er von den Werken Rodins und Riemenschneiders verzaubert gewesen. Den Entschluss, Bildhauer zu werden, fasste er jedoch erst während der ersten Gymnasialjahre in Zürich – nach ersten Erfahrungen in einem Bildhaueratelier am Nachmittag.
Die Arbeit an der Seite eines über achtzigjährigen Bildhauers im Alter von nur fünfzehn Jahren habe ihn stark geprägt. Seine Ausbildung sei klassisch-akademisch gewesen. «Ich habe meinen Weg in diese Richtung dank der Anleitung einiger italienischer Professoren geschmiedet», sagt er.
Nach dem Studium in Carrara zog Bolt nach Florenz, wo er an der Accademia di Belle Arti seinen Abschluss machte. 2014 wurde er dort zum Professor für Bildhauerei an der Accademia delle Arti del Disegno ernannt – der ältesten Kunstakademie der Welt.
Auch seine Schweizer Identität spiele in seiner Künstlerbiografie eine wichtige Rolle: «Meine kulturellen Wurzeln bedeuten mir sehr viel. Ich fühle mich tief mit meinem Land, seinen Menschen und dem Schweizer Boden verbunden. Ein gesundes Bewusstsein für die eigene Kultur fördert eine offene Haltung gegenüber anderen.»
Bolt hat sich intensiv mit Alberto Giacometti beschäftigt. «Diese fadendünnen, gebrochenen, ja verletzten Oberflächen haben mich tief beeindruckt und bewegt. Diese besondere Art, wie die Skulptur mit dem Raum atmet, hat mich fasziniert, aber dann habe ich mich bewusst von der existentialistischen Philosophie distanziert», erzählt er.
Der Einfluss von Giacometti und der Natur
Der künstlerische Prozess Giacomettis – die obsessive Reduktion der Materie, um zur Essenz der menschlichen Figur vorzudringen und ihre Fragilität sichtbar zu machen – wird bei Bolt zu einem konstruktiven System der Formentwicklung.
Weitere wichtige Bezugspunkte der Moderne seien Rodin, Camille Claudel und Monet gewesen. Unter den grossen Meistern der klassischen Epoche hätten neben Michelangelo auch Donatello und Andrea del Sarto Spuren hinterlassen.
Unter den zeitgenössischen Kunstschaffenden nennt Bolt besonders Anselm Kiefer mit seiner materialbetonten, beinahe alchemistischen Kunst sowie Cy Twombly mit seiner archaischen Malerei. «Wenn ich mich der visuellen Sprache eines anderen Künstlers mit meiner Technik nähere, erweitert sich meine Sprache. Für mich ist Entwicklung immer mit meinen Mitmenschen verbunden», erklärt er.
Zentral sei auch die unmittelbare Beziehung zwischen Bildhauer, Raum, lokalen Materialien und Natur. Ohne die Bäume und den Wind von Klosters würde Bolt seinen Werken kein Leben einhauchen. Sein Atelier Bolt – ein Ort für Ausstellungen, Lesungen und klassische Konzerte – ist dabei zugleich Rückzugsort und Inspirationsquelle.
«Das Leben in den Bergen hat meine Kunst geprägt», sagt Bolt. «Die Natur hat auch deshalb eine so tiefe Wirkung, weil bei uns alles intensiver erlebt wird. Die Umgebung mit ihren imposanten und majestätischen Bergen gibt mir das Gefühl, mitten in gigantischen Skulpturen zu leben. Je nach Licht und Jahreszeit besitzen sie eine unbeschreibliche Erzählkraft, die mich von innen heraus regeneriert.»
Dieses Umfeld verleiht seiner Arbeit Kraft. Bolt arbeitet mit unterschiedlichsten Materialien: lokale Hölzer, Ton, Gips, Wachs, Marmor, Bronze und Kalk.
In seinem Atelier hat er zudem die Renaissancetechnik der «terra secca» wiederbelebt, nachdem er in den Depots der Accademia di Belle Arti in Florenz eine unveröffentlichte Skulptur Michelangelos entdeckt hatte – einen lebensgrossen Torso. «Es handelt sich um eine Version des Flussgottes, die mit dieser Technik hergestellt wurde», präzisiert der Künstler.
Ziel sei nun, die Idee dieses Prozesses experimentell mit den Mitteln und Möglichkeiten der Gegenwart neu zu entdecken. Bolt plant, innerhalb von zwei Jahren lebensgrosse Figuren in dieser Technik zu schaffen – während er gleichzeitig intensiv an seinem «Sterbenden Sklaven» arbeitet.
Bündner Ton und Kalk
Bolt experimentiert mit komplexen Formen aus lokalem Ton, der nach dem Trocknen eine besondere materielle Wirkung entfaltet. Dem Ton mischt er Kalk und gelöschten Kalk bei, die sich chemisch gut verbinden.
Die von ihm entwickelten Formeln werden von Materialwissenschaftler:innen in den hochmodernen Labors der ETH Zürich analysiert und getestet.
«Ich bin froh, dass ich in meiner Region Tonvorkommen und kalkbasierte Bindemittel entdeckt habe, die für mein Projekt geeignet sind», sagt Bolt. Das Thema Nachhaltigkeit in der Kunst faszinierte ihn sehr. «Die Bildhauerei führt direkt zur Materie und zu den Materialien selbst. Und ich bin zutiefst bewegt von der Schönheit und Erhabenheit der natürlichen Materialien unseres Planeten.»
Sein Verständnis von Schönheit präge seine Ästhetik, «ebenso wie mein Glaube an Gott, den ich als Quelle der Schönheit betrachte».
Editiert von Sara Ibrahim und Eduardo Simantob, Übertragung aus dem Italienischen mithilfe von KI: Janine Gloor
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