Zu alt, um eine Wohnung zu mieten: Wie die Schweizer Immobilienbranche Senioren diskriminiert
Ein Rentnerehepaar berichtet, dass es trotz AHV-Renten, Ersparnissen und keinen finanziellen Problemen von Immobilienverwaltungen systematisch abgelehnt werde. Werden ältere Menschen auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert?
Laut dem Bundesamt für Wohnungswesen sind im Jahr 2022 nur 2% der über 75-Jährigen umgezogen. Diese besonders niedrige Rate lässt sich vor allem durch die derzeit hohen Mietpreise und die digitalen Barrieren erklären, die sie gegenüber der jüngeren Bevölkerung benachteiligen.
Seit zwei Jahren ist ein Rentnerpaar aus dem Kanton Waadt, das anonym bleiben möchte, auf der Suche nach einer kleinen Wohnung, die ihren Bedürfnissen entspricht. Ihre AHV-Renten sind ausreichend, sie besitzen Ersparnisse und haben weder Schulden noch Betreibungen. Dennoch wird ihr Antrag immer wieder mit dem Argument abgelehnt, dass ihr Einkommen nicht ausreiche.
Lesen Sie zum Thema Wohnen auch:
Mehr
Wohnungsnot in der Schweiz: Wie schlimm es wirklich steht
Stereotype in Bezug auf Einkommen und Gesundheit
Werden Senioren auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert? Ja, sagt die Vereinigung der Senioren- und Selbsthilfeorganisationen der Schweiz (VASOS). Der Verband hat eine Petition gegen Altersdiskriminierung lanciert.
Bea Heim, die Präsidentin des Verbandes, erklärte gegenüber RTS, dass Senioren auf dem Wohnungsmarkt mit Stereotypen behaftet sind, die insbesondere mit ihrer Gesundheit zusammenhängen. Das führt dazu, dass Vermieter:innen sich für Bewerbende entscheiden, die als weniger riskant gelten.
Der Beitrag des westschweizer Fernsehens (in Französisch):
«Es gibt ein allgemeines Problem mit der Anspannung auf dem Wohnungsmarkt. Und wenn man ins Rentenalter kommt, sinkt das Einkommen tendenziell. Die Vermieter haben so viel Auswahl in Bezug auf die Kandidaten, die sich für Wohnungen bewerben, dass sie die wirtschaftlich vorteilhaftesten Dossiers nehmen», sagt Carole Wahlen, Fachanwältin für Mietrecht gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS.
Weiter sagt sie, dass die Kündigung eines Mietvertrags für langjährigen Mieter:innen, deren Mieten bisher unter dem aktuellen Marktniveau lagen, eine Katastrophe sein kann.
Aber das ist noch nicht alles: «Vielleicht denken die Vermieter, dass, wenn diese Personen in der Wohnung bleiben und irgendwann sterben, der Mietvertrag per Gesetz an ihre Nachkommen übergeht, was ihnen nicht passt».
Mehr
Gesellschaftsthemen von SWI swissinfo.ch kompakt
Im Fall des Rentnerehepaars sind die Finanzen zwar kein Problem, aber das Paar wird trotzdem immer wieder abgelehnt. Was können sie tun? «Vielleicht könnte eine Übernahme des Mietvertrags helfen. Wenn ein Mieter vor Ablauf seines Vertrags ausziehen will und einen Nachfolger finden muss, könnte ein Dossier vielleicht besser durchkommen», so Wahlen.
Ein grundsätzliches Problem
Die Anwältin sieht das Problem vor allem in den Mietpreisen, die in den letzten Jahren explodiert sind: «Ältere Menschen bleiben in zu grossen Wohnungen, in denen auch Familien wohnen könnten, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Das betrifft nicht nur Senioren, sondern alle Bevölkerungsgruppen, denn in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Schweizer Bevölkerung nicht mehr umzieht, zumindest nicht in den städtischen Gebieten. Die Menschen bleiben in Wohnungen, die ihnen nicht unbedingt zusagen, weil sie Schwierigkeiten haben, etwas zu finden.»
Mehr
Talente springen ab: In Zürich beklagen selbst Firmen die Wohnungsnot
Übertragung aus dem Französischen mit der Hilfe von KI/ml
Für bestimmte Inhalte nutzen wir automatische Übersetzungstools. Dabei wird jeder übersetzte Artikel von einer Journalistin oder einem Journalisten auf seine inhaltliche Richtigkeit geprüft. Erfahren Sie hier mehr darüber, wie wir mit KI arbeiten.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch