Kiew jagt in der Schweiz versteckte Oligarchengelder
Ukrainische Firmenchefs leiten ihre Dividenden über Zypern ab, um sie anschliessend auf Schweizer Bankkonten zu deponieren. Kiew hat Bern in nicht weniger als sieben Fällen ersucht, diese Art von Konstruktionen offenzulegen.
Yuriy Kosyuk, 57, ist ein «Held der Ukraine», das ist die höchste vom Staat verliehene AuszeichnungExterner Link. Er bekleidete 2014 unter Petro Poroschenko ein hochrangiges Amt in der Präsidialverwaltung, überstand alle politischen Umwälzungen und gehört auch heute unter Wolodymyr Selenskyj zu den mächtigsten Männern der Ukraine. Sein Unternehmen MHP ist der grösste Geflügelproduzent des Landes.
Seit dem 13. März 2026 weiss Kosyuk: Er kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Schweiz seine Steuergeheimnisse vor Kiews Aufmerksamkeit schützt.
Yuriy Kosyuk ist das jüngste Ziel einer Welle von Amtshilfeersuchen in Steuersachen der Ukraine an die Schweiz. In einem kürzlich ergangenen UrteilExterner Link wies das Schweizer Bundesgericht (BGer) die Beschwerde von sieben Gesellschaften der MHP-Gruppe ab. Diese wollte verhindern, dass die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) Informationen aus einer Schweizer Bank an Kiew übermittelt.
Welle von Gesuchen an die Schweiz
Der Fall Kosyuk ist jedoch nur einer von vielen. Recherchen von Gotham City in den Archiven des Bundesverwaltungsgerichts (BVGer) und des Bundesgerichts zufolge hat die ukrainische Staatssteuerbehörde (STSU) seit 2021 nicht weniger als sieben Amtshilfeersuchen an die Schweiz gestellt, davon fünf allein im Jahr 2024.
Sechs Gesuche betreffen ein sehr spezifisches Konstrukt zur Steuervermeidung, das es grossen ukrainischen Unternehmen ermöglicht, die auf Dividenden und Zinsen in Kiew geschuldeten Steuern massiv zu reduzieren.
Zypriotische Briefkastenfirma
Anstatt ihre Gewinne direkt an Aktionäre in der Ukraine auszuschütten – was eine Quellensteuer von 15% auslösen würde – zahlen die Unternehmen diese an eine in Zypern ansässige Gesellschaft, die offiziell als Aktionärin oder Gläubigerin auftritt. Das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Kiew und Nikosia senkt den Steuersatz dann auf nur 2 oder 5%.
Doch diese zypriotische Gesellschaft ist lediglich eine leere Hülle, deren einzige Funktion darin besteht, das Geld aufzufangen. Und ihre Bankkonten befinden sich nicht in Zypern, sondern in der Schweiz. Dort liegen die Dokumente – Kontoauszüge, Vollmachten, Identität des tatsächlichen Eigentümers –, die belegen, dass der wirtschaftlich Berechtigte ukrainisch ist und dass eigentlich der Satz von 15 % hätte angewendet werden müssen.
Kiew setzt sich durch
Die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts zeichnen ein Muster, das sich wiederholt hat. In einem Fall, über den im April 2026 entschieden wurde, forderte die STSU die Bankauszüge von vier Tochtergesellschaften eines ukrainischen Konzerns, die zwischen 2019 und 2023 Zinsen zu einem Vorzugssatz von 2 % an eine zypriotische Briefkastenfirma gezahlt hatten. In einem anderen Fall wurden nahezu 13 Millionen US-Dollar an Zinszahlungen zwischen 2018 und 2021 überprüft. In einem dritten geriet ein Rohstoffhändler ins Visier.
In allen sieben Verfahren traf die Schweizer Justiz Entscheidungen zugunsten Kiews. Vier Beschwerden wurden vollständig abgewiesen, drei weitere nur teilweise aus formellen Gründen gutgeheissen. Und auch im einzigen Fall, der bis vor das Bundesgericht gelangte – derjenige von MHP –, setzte sich im März erneut die ukrainische Steuerbehörde durch.
Kriegsanstrengung
Der Grund für diese Steuerjagd liegt auf der Hand. Seit der russischen Invasion ist die ukrainische Steuerverwaltung kein gewöhnlicher Verwaltungsdienst mehr, sondern ein zentraler Bestandteil der Verteidigungslogistik. Jeder Arbeitnehmer finanziert die ukrainische Verteidigung über eine Militärsteuer von 5 %, die direkt vom Lohn abgezogen wird.
Im Jahr 2025 zog die SteuerbehördeExterner Link 2,9 Milliarden Franken aus dieser Militärsteuer ein – das entspricht etwa den Verteidigungsausgaben von 22 Tagen. Diese Abgabe von 5%, die im Dezember 2024 eingeführt wurde (zuvor 1,5%), betrifft nicht die UnternehmensgewinneExterner Link: Sie belastet sämtliche Einkommen von Privatpersonen – vor allem Löhne, aber auch Bankzinsen, Mieteinnahmen und in der Ukraine ausgeschüttete Dividenden.
Während die Militärsteuer von 5% jedoch auf jeder ukrainischen Lohnabrechnung lastet, erfasste sie die Dividenden, die Konzerne wie MHP über eine zypriotische Briefkastenfirma in die Schweiz abführten nicht – zumindest bislang.
Über 12’000 SteuerprüfungenExterner Link wurden in den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 durchgeführt, 4500 sind für das Jahr 2026 bereits geplant.
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