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An der Biennale setzt sich die Schweiz mit dem Zusammenleben auseinander

Der Eingang zum Schweizer Pavillon auf der Biennale in Venedig.
Der Eingang zum Schweizer Pavillon an der Biennale in Venedig. Keystone / Christian Beutler

Für die Biennale von Venedig, die vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 stattfindet, hinterfragt die Schweiz einen ihrer Gründungsmythen: das Zusammenleben.

Der Schweizer Pavillon in Venedig besticht durch das Projekt «The Unfinished Business of Living Together». Dabei handelt es sich um eine kritische Auseinandersetzung mit den Dynamiken des Zusammenlebens und den Spannungen, die eine von Unterschieden geprägte Gesellschaft durchziehen.

In einem Land, das sich oft als «Willensnation» bezeichnet, also als eine Nation, die dank des Willens zum Zusammenleben existiert, kommt diesem Thema eine besondere Bedeutung zu. Wie der Titel bereits andeutet, bietet die Ausstellung keine endgültigen Lösungen.

«Das Zusammenleben ist unvollendet und muss vielleicht auch unvollendet bleiben, um ernst genommen zu werden», erklärt Gianmaria Andreetta, einer der Kuratoren des Schweizer Beitrags, vor den im Schweizer Pavillon in den Giardini versammelten Journalistinnen und Journalisten.

Es ist eine Aussage, die den Ton für das gesamte Projekt setzt. Hier ist das Zusammenleben kein beruhigender Wert, sondern ein Terrain, das von Reibungen, Spannungen und ständigen Verhandlungen durchzogen ist.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Schweizer Beteiligung wurde der nationale Beitrag im Rahmen eines offenen Wettbewerbs ausgewählt, bei dem insgesamt 140 Bewerbungen eingereicht wurden. Die Jury unter dem Vorsitz von Pro-Helvetia-Direktor Philippe Bischof entschied sich für ein generationsübergreifendes und mehrsprachiges Kollektiv bestehend aus den Kuratoren Gianmaria Andreetta und Luca Beeler, der britischen Künstlerin Nina Wakeford sowie den Künstler:innen Miriam Laura Leonardi, Lithic Alliance und Yul Tomatala.

Zurück zu den Bildern, um die Gegenwart zu verstehen

Im Mittelpunkt des Projekts in Venedig stehen Fernsehbilder aus der Vergangenheit. Zwei Schweizer Sendungen – «Telearena» (SRF, 1978) und «Agora» (RTS, 1984) – bilden den Ausgangspunkt für eine zeitübergreifende Reflexion.

Damals behandelten diese Sendungen live und auf bahnbrechende Weise verschiedene Themen, darunter das, was damals als «Problem der Homosexualität» bezeichnet wurde. Es handelte sich nicht um einfache Talkshows: Sie basierten auf kurzen Theaterszenen, die Alltagssituationen inszenierten, um eine Debatte im Studiopublikum anzuregen.

Ein Raum im Pavillon
Ein Raum im Pavillon, kuratiert von der Künstlerin Nina Wakeford. Keystone / Christian Beutler

Heute werden diese Bilder wieder aufgegriffen, zerlegt und neu aktiviert. Nicht aus Nostalgie, sondern um zu verstehen, wie ein «öffentliches Problem» entsteht. «Was bedeutet es, zusammenzuleben, wenn die Verschiedenheit zu etwas wird, das eine Gesellschaft organisieren, zulassen, eindämmen oder zur Schau stellen muss?», fragt Andreetta erneut.

Diese Frage richtet sich weniger an die Vergangenheit als vielmehr an die Betrachter:innen. Auf der Biennale ist das Publikum eingeladen, sich selbst zu hinterfragen: Welches Publikum sind wir heute in der Lage zu sein?

Ein Archiv, das nicht aufhört zu wirken

Der Ansatz des Schweizer Pavillons im Umgang mit Archivmaterial ist innovativ. Das Projekt ist im wahrsten Sinne des Wortes kollektiv: Die Werke von Nina Wakeford, Miriam Laura Leonardi, Lithic Alliance und Yul Tomatala begleiten das Archiv nicht nur, sondern bringen auch andere Rhythmen, andere Körper, andere Formen der Sprache und der Erinnerung ein.

Parallel zu den beiden Schweizer Fernsehsendungen, so Andreetta, «arbeiten die Werke der Künstler:innen mit ähnlichen Verschiebungen: Theateraufnahmen, Drag, Zeitsprünge, Reenactments, Bilder in anderen Bildern.»

Der Hauptsaal.
Der Hauptsaal des Schweizer Pavillons mit den Videoinstallationen. Keystone / Christian Beutler

Mithilfe dieser Techniken wird das Fernseharchiv reaktiviert und «unterbrochen», wodurch seine ideologischen Mechanismen und zeitgenössischen Resonanzen offengelegt werden. Die Ausstellung arbeitet nicht mit Darstellung, sondern mit Beharrlichkeit. In diesem Sinne ist das Archiv keine Vergangenheit. Es ist etwas, das weiterhin wirkt, das in der Gegenwart nachhallt.

Dieser Ansatz deckt sich perfekt mit der Begründung der Pro-Helvetia-Jury, die das Projekt für seine Fähigkeit prämierte, «Medienarchivmaterial als Ausgangspunkt für eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Gegenwart zu nutzen» und dabei «einen wunden Punkt unserer Zeit» zu treffen.

Gemeinsam gestalten – nicht ohne Schwierigkeiten

Auch die Entstehungsgeschichte des Projekts spiegelt seinen Inhalt wider. Das Kollektiv vereint Künstler:innen aus verschiedenen Sprachregionen der Schweiz und aus internationalen Kontexten.

«Eine Ausstellung, die vom Zusammenleben handelt, muss die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit überwinden», bemerkte Andreetta während der Pressekonferenz. Die Unterschiede werden nicht geglättet, sondern zu einem integralen Bestandteil des Prozesses.

Das Ergebnis ist eine Art «gemeinsame Grammatik», die die Unterschiede nicht auslöscht, sondern in Spannung hält.

Zusammenleben als politische Frage

Im aktuellen Schweizer Kontext erhält «The Unfinished Business of Living Together” eine starke kritische Bedeutung. Die Ausstellung stellt das Bild eines Landes in Frage, das sich gerne durch Konsens, Neutralität und Stabilität charakterisiert.

Das Fenster an der Wand, die zum Garten hinausgeht.
Das Fenster in der Wand, das für diese Ausgabe der Biennale errichtet wurde und auf den Garten hinausgeht. Keystone / Christian Beutler

Hier ist das Zusammenleben jedoch nicht neutral, sondern ein System, das Unterschiede ordnet und festlegt, was akzeptiert wird und was am Rande bleibt.

In diesem Szenario wird auch die sprachliche Dimension zu einem Schauplatz der Auseinandersetzung. «In einer Ausstellung, die von Sichtbarkeit und öffentlichem Raum handelt, ist Sprache politisch», sagt Andreetta. Sprache legt fest, wer sprechen darf und wer nicht.

Letztendlich bietet der Schweizer Pavillon keine Antworten, sondern zwingt das Publikum dazu, Stellung zu beziehen: dazu, wie wir heute bereit sind – oder auch nicht –, zusammenzuleben, und zu den Bedingungen, die dieses Zusammenleben tatsächlich ermöglichen.

Editiert von Daniele Mariani, aus dem Italienischen mithilfe von KI: Balz Rigendinger

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