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De Botton kehrt in eine veränderte Schweiz zurück

Alain de Botton: "Die Schweiz hat sich stets durch insulares Denken eingeengt."

(Keystone)

Der Beststellerautor Alain de Botton ist in sein Heimatland Schweiz zurückgekehrt, um den europäischen Essay-Preis Charles Veillon 2003 für sein jüngstes Buch “Kunst des Reisens” in Empfang zu nehmen.

Mit swissinfo sprach er über das Schreiben, den Erfolg und den Platz der Schweiz in der Welt.

Der in Zürich geborene und in London lebende Schriftsteller erhielt am Samstag den Preis für seine Gedanken zur Bedeutung des Reisens.

Das Buch “Kunst des Reisens” wurde weltweit bereits über 400’000 Mal verkauft. Botton hat bisher sieben Bücher geschrieben, darunter “Der Trost der Philosophie” – ein Blick auf die Weisheit der Philosophen – und verschiedene Romane.

Sein neues Buch “Status Anxiety” soll nächstes Jahr herauskommen. Aber trotz einem äusserst strengen Arbeitszeitplan interessiert de Botton nach wie vor sehr, was in der Schweiz läuft – und manchmal findet er es beunruhigend.

swissinfo: Überrascht Sie der Erfolg Ihres Buches “Kunst des Reisens”?

Alain de Botton: Ja. Man erwartet nie, Erfolg zu haben. Man hofft zwar darauf, ist aber auf das Schlimmste vorbereitet. Eigentlich dachte ich, dieses Buch werde besonders wenig Erfolg haben, betrachtet es doch einen Aspekt unseres Lebens, der nicht unbedingt als ernsthaft oder wichtig gilt.

Ausserdem ist es ein Essay, es schweift oft ab, ist leicht meditativ und melancholisch. Deshalb war ich sehr überrascht, dass etwas, das mir sehr persönlich scheint, auf so viel Echo stiess.

swissinfo: Dieses Jahr wurden Sie in die Liste des Weltwirtschaftsforums aufgenommen, in der die 100 einflussreichsten Leute zusammengefasst sind. Wie fühlen Sie sich dabei?

A.d.B: Als Kind denkt man immer, die Leute ganz oben in der Gesellschaft wüssten genau, was sie tun und hätten gute Gründe für ihr Handeln. Aber wenn man älter wird, realisiert man, dass das immer weniger stimmt. Und man merkt, dass man ebenso viele Ideen über den Lauf der Welt haben kann wie ein Firmenchef. Das bedeutet nicht ‘Ich bin super’, sondern vielmehr ‘Mein Gott, eigentlich weiss niemand genau, was vor sich geht’.

Dieser Gedanke bringt uns eine gewisse Freiheit, denn sie öffnet die Möglichkeit zum Dialog: Nur weil jemand Macht hat, bedeutet das nicht, dass wir nichts verändern können. Die Gesellschaft scheint flexibler geworden zu sein.

swissinfo: 2003 war für die Schweiz politisch recht ereignisreich – was denken Sie über diese Entwicklungen?

A.d.B: Wie viele Schweizer mache ich mir wohl manchmal etwas Sorgen über einige Entwicklungen in diesem Land.

Von aussen gesehen muss sie sich dem Druck den Veränderungen in Europa, der Globalisierung und so weiter anpassen. Sie hat eine furchtbar stolze, unabhängige Geschichte. Sie sucht irgendwie einen Weg, um die guten Dinge zu erhalten und sich die schlechten vom Leib zu halten. Das ist gut so. Aber es kann zu einigen unangenehmen Reaktionen führen.

Und die automatische Reaktion ist natürlich, sich abzuschotten, den internationalen Organisationen usw. fern zu bleiben. Wie viele Schweizer glaube ich nicht, dass dies die Antwort ist, aber ich kann jene verstehen, die das richtig finden.

Ich glaube, am besten war die Schweiz immer, wenn sie sich global verhielt und den Blick nach aussen richtete, und viele Schweizerinnen und Schweizer funktionieren am besten, wenn sie weltweit operieren. Meiner Ansicht nach wurde die Schweiz immer von ihrem einengenden Denken verfolgt.

Leider meinte man darin die Grösse der Schweiz zu erkennen – ich glaube aber nicht, dass die Grösse der Schweiz je in ihrer Provinzialität lag.

swissinfo: Bei den Bundesratswahlen vom 10. Dezember hat die Schweizerische Volkspartei (SVP) einen zweiten Regierungssitz gewonnen. Wie haben Sie darauf reagiert?

A.d.B.: Es ist unbestritten, dass die Wahl Blochers fürs Image der Schweiz im Ausland nicht gut ist. Es gibt Vergleiche mit Haider in Österreich. Ich glaube aber nicht, dass die Wahl Blochers so problematisch ist. Und dies aus zwei Gründen. Erstens: Das Extremste seiner Politik wird nicht bis in die Landesregierung vordringen. Zweitens: Der Trend in Richtung europäische Politik ist stärker als ein einziger Mann; und dieser Trend läuft in Richtung grössere Integration.

Das Interessante an der Wahl von ein bisschen unheimlichen Politikern ist die Tatsache, dass ihre Ideen sofort einem Test unterzogen werden. Das zwingt sie, sich – einmal in der Regierung – gegen die Mitte hin zu bewegen. Das beste, was man mit einer Oppositionspartei also machen kann, ist ihre Einbindung in die Regierung. Dort wird ihr eine Anpassungskur verpasst, je nach Komplexität des anstehenden Geschäftes.

In einer Perspektive von zehn Jahren wird Blochers Sieg wie ein allerletzter Versuch aussehen, gewisse unausweichliche Entwicklungen im Leben der Schweiz zu verhindern; und hoffentlich auch wie ein Auftakt zu einer Wiederbelebung der Schweiz, welche die Türen nicht zu macht, sondern sie weit öffnet.

swissinfo: Denken Sie also, dass es gut ist, wenn die Schweiz international aktiver wird, zum Beispiel, indem sie den alternativen Friedensplan für Nahost unterstützt?

A.d.B: Genau das sollte die Schweiz tun. Ich denke, die kleinen, wohlhabenden Länder mit gut ausgebildeten Arbeitskräften sollten irgendwie ihre denkerische Kraft und ihr diplomatisches Geschick auf solch nützliche Art einsetzen.

Ich freute mich riesig über die Rolle der Schweiz im Friedensplan – gerade solche Dinge sollte sie unbedingt tun.

swissinfo: Wie sehr beunruhigt Sie das, was in den internationalen Medien als das Erstarken der Rechten in der Schweiz beschrieben wird?

A.d.B: So weit ich sehe, ist die Rechte in der Schweiz etwas ganz anderes als die Rechte in Österreich zum Beispiel, und viel weniger alarmierend – aber in der internationalen Presse wird sie nicht gut dargestellt. Sie steht der Wirtschaft näher, die eher zu Mässigung tendiert – was die Kundschaft im Ausland stört, stört uns alle.

Wenn Leute gewählt werden, die etwas Angst machen, ist das gut, denn sie sind dann schnell gezwungen, sich gegen die Mitte hin zu bewegen, und das stellt ihre Ideen auf die Probe. Das Beste, das man mit einer Partei tun kann, die von aussen kritisiert, ist, sie einzubinden und sie quasi dazu zu erziehen, die Komplexität aller Probleme zu erkennen.

swissinfo-Interview: Vanessa Mock
(Übertragung aus dem Englischen: Charlotte Egger)

In Kürze

Der Schriftsteller und Essayist Alain de Botton hat für "Die Kunst des Reisens" den europäischen Essay-Preis Charles Veillon 2003 erhalten. Die mit 30'000 Frankenh dotierte Auszeichnung wurde am 13. Dezember in Lausanne überreicht.

Der Preisträger war 1969 in Zürich geboren worden. Schul- und Studienzeit verbrachte de Botton in Grossbritannien, wo er bis heute lebt. Alain de Botton ist Autor von sieben Werken, die er in englischer Sprache verfasst hat. Sein Bestseller "Wie Proust Ihr Leben verändern kann" (1997) wurde in 20 Sprachen übersetzt.

Der europäische Essay-Preis Charles Veillon wird zum 29. Mal verliehen. Letztes Jahr ging er an den Literaturwissenschaftler Peter von Matt.

Stiftung und Preis waren 1975 im Gedenken an den Wadtländer Geschäftsmann und Mäzen Charles Veillon geschafffen worden. Der Preis geht jährlich an ein Werk, das "ein Zeugnis unserer Zeit oder eine fruchtbare Kritik der zeitgenössischen Gesellschaften, ihres Lebensstils und ihrer Ideologien" darstellt.

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