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Amerika-Schweizer und die USA

Walter Liniger, Professor an der Universitiy of South Carolina. cla.sc.edu

Vor der Präsidentenwahl wächst die Spannung auch unter den rund 71'000 Schweizerinnen und Schweizern in den USA. Etwa 40'000 von ihnen können an der Wahl teilnehmen.

swissinfo fragte bei Amerika-Schweizern nach, wie sie die vier Jahre seit der Wahl von George W. Bush erlebten.

«Dieses Jahr haben die Anschläge und der Krieg in Irak eine völlig neue Situation geschaffen: Die Aussenpolitik ist zum zentralen Thema der Wahlkampagnen geworden. Das ist in der Geschichte dieses Landes einzigartig.»

Mit diesen Worten umreisst Matthias Meyer, der heute wieder in der Schweiz lebt, die Lage. Meyer hatte zuvor mehrere Jahre als Exekutiv-Direktor der Weltbank in den USA gelebt und gearbeitet. Darunter in der prägenden Periode nach den Anschlägen vom 11. September 2001, die das Land in seinen Grundfesten erschüttert hatten.

Im Vorfeld der letzten Wahlen von vier Jahren hatte swissinfo Meyer und andere Ausland-Schweizer getroffen. Nun wollten wir wissen: Wie haben sie die vergangenen vier Jahre erlebt? Auf welchen Kandidaten setzen sie heute – und weshalb?

Angewiderter Beobachter

Bernard Nussbaumer, Kinoproduzent in Dallas, Texas, dem Geburtsstaat von George W. Bush, hat diese vier Jahre als «missbrauchter und angewiderter Beobachter» erlebt.

«Die Hälfte des Landes ist eingeschläfert und blind», sagt Nussbaumer. Er glaube nicht, dass Bush selber ein unehrlicher Mensch mit schlechten Absichten sei. «Aber seine Werte sind die falschen, er schadet seinem Land schwer und sein Land merkt es nicht.»

Für Matthias Meyer waren die letzten vier Jahre ausserordentlich. Geprägt durch die Attentate vom 11. September und der darauf folgenden Sicherheits-Manie und dem wachsenden Patriotismus.

Der 11. September und seine Folgen hätten einen – aufgrund der Wahlumstände – anfänglich schwachen Staatschef stark gemacht. Der Präsident sei zum Garant der Stabilität geworden und habe dadurch in der Bevölkerung an Rückhalt gewonnen.

Es gibt kein «ausgewähltes Volk» mehr

«Ich schäme mich für meine US-Staatsanghörigkeit», sagt der Musiker und Blues-Professor Walter Liniger in West Columbia in South Carolina. «Daher werde ich nicht für, sondern gegen einen Kandidaten stimmen.»

Für Liniger ist das «Schlimmste, dass die USA nicht wissen, was zu tun ist. Sie sind völlig desorientiert durch Angst und Terror, sind gelähmt und verstehen nicht, was passiert.»

Und Bernard Nussbaumer fügt hinzu: «Im Verlauf von drei Jahren sind die Amerikaner vom Opfer und Modell zum Aggressor mutiert.»

Nach Ansicht von Walter Liniger krallen sich die Amerikaner an ihre Überzeugung, ein «auserwähltes Volk» zu sein. Und merkten nicht, dass dies nicht länger der Fall sei, auch wenn ihnen Bush doch eigentlich den Spiegel voller unschöner Sachen vorhalte, die auf ihn zurückgingen.

Katastrophale Sozialbilanz

Was die Innenpolitik angeht, hat unter Präsident Bush vor allem der Sozialbereich gelitten, wie Bernard Nussbaumer unterstreicht. «In Umwelt-Fragen, im Sozialbereich, bei den Menschenrechten sind wir in dieser Ära um Dutzende von Jahren zurückgeworfen worden. Ein Beispiel ist das Recht auf freie Meinungsäusserung.»

Walter Liniger weist zudem auf die Erosion der Mittelschicht hin, die normalerweise kritischer und liberaler sei als die ärmsten Bevölkerungsschichten, die durch die Botschaften der Angst einfacher zu manipulieren seien.

Seiner Ansicht nach dürften die ärmsten Schichten daher Bush folgen und diesen wählen. Wie auch die reichsten Schichten, die unter Bush noch reicher geworden seien.

Um der weiteren sozialen Erosion einen Riegel zu schieben, brauchte es nach Ansicht von Liniger unbedingt einen Sieg der Demokraten. Er bedauert, dass es ihm nicht gelinge, auch seine Studenten von dieser Sicht der Dinge zu überzeugen.

Europa macht einen Fehler

Auf der Suche nach einem Supporter für den bisherigen Präsidenten stösst swissinfo auf Peter Jordi, einen Schweizer in New York, der bedingungslos hinter George W. Bush steht.

«Ich bin völlig mit dem einverstanden, was er macht.» Dabei verweist der Geschäftsmann Jordi unter anderem auf die von den Republikanern verfügten Steuersenkungen.

Einverstanden ist Jordi auch mit Bushs Aussenpolitik und dem «Krieg gegen die Terroristen und gegen den Islam». Letzterer müsse sich «einer globalen Welt anpassen». Es gehe darum, zu verhindern, dass der Islam «die Kontrolle eines Teils der Welt übernimmt, wie dies die Kommunisten getan hatten».

Peter Jordi weiss, dass man darüber in Europa anders denkt. «Meiner Ansicht nach ist die europäische Sicht der Dinge sehr defätistisch.» Und Bush, zeigt sich der Auslandschweizer Jordi überzeugt, werde die Wahl gewinnen.

Bush Sieger

Dies denkt auch Bernard Nussbaumer, ja paradoxerweise wünscht er sich fast einen Sieg von Bush. «Wenn sie ihn nochmals wählen, hätten die Amerikaner keine Entschuldigungen mehr, sie müssten dann gewisse Entscheide fällen, fast so wie Kinder, die lernen müssen.»

Für den Waadtländer in Dallas muss man darauf warten, dass der republikanische Abszess platzt – erst dann werde man sich an die Heilung machen können. Nussbaumer bedauert aber den tiefen Graben, der das Land heute durchzieht.

«Es ist wie ein gigantischer Eisberg, der in zwei Teile zerfällt. Und die beiden Teile folgen ihren eigenen, sich zuwiderlaufenden Strömungen.»

swissinfo, Isabelle Eichenberger
(Übertragen aus dem Französischen von Rita Emch)

Ende 2003 lebten rund 612’562 Schweizer Staatsangehörige im Ausland.
Davon etwa 71’000 in den USA.
Von diesen sind rund zwei Drittel Doppelbürger und können auch in den USA ihre Wahlstimme abgeben.

Im Vorfeld der Präsidenten-Wahl in den USA sprach swissinfo mit Schweizer Doppelbürgern, die schon vor vier Jahren dort lebten, über ihre Einschätzungen zu den ersten vier Jahren Bush-Administration. Und über ihre Präferenzen für George W. Bush oder dessen demokratischen Herausforderer John Kerry.

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