Illegale Bischofsweihe: Darum setzt die Piusbruderschaft auf Konfrontation
Die Piusbruderschaft lässt ihren alten Streit mit dem Vatikan eskalieren. Mit einer illegalen Bischofsweihe in der Schweiz erregt sie weltweit Aufmerksamkeit. Das war wohl Absicht – Werbung für das Angebot der Extrem-Katholiken. Eine Einordnung.
Woher kommt die Piusbruderschaft?
Die Bruderschaft geht auf den 1905 geborenen Fabrikantensohn Marcel Lefebvre zurück. Dem rechtskatholisch geprägten französischen Erzbischof waren die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 1960er Jahren zu modern. Bald verkörperte er innerhalb der katholischen Kirche den Widerstand dagegen.
Die Gründung der Piusbruderschaft 1970 war eine Folge davon; sie wurde unter seiner Führung zum Sammelbecken von reaktionären Geistlichen und Laien. Die Bruderschaft ist benannt nach Papst Pius X., der bereits um 1910 einen Kampf gegen die Einflüsse der Moderne führte.
Vordergründig drehte sich der Streit zwischen Erzbischof Lefebvre und Rom um die Art der Messefeier und den Erhalt traditioneller Frömmigkeitsformen. Lefebvre bezeichnete den römisch-katholischen Ritus als «Bastard-Messe», zelebriert von «Bastard-Priestern», und hielt am opulenten tridentinischen Ritus fest. Dabei feiert man die Messe auf Latein, wobei der Priester der Gemeinde den Rücken zuwendet.
Was glauben die Mitglieder der Piusbruderschaft?
Doch hinter dem Streit um die Messordnung steckten von Beginn an tiefere Gründe. Der Glaube der Anhänger dieser Bruderschaft ist ein ultratraditionalistischer Katholizismus.
Die Piusbrüder verehren die Gottesmutter Maria mit besonderer Frömmigkeit. Sie sehen in ihr auch die Mutter der Kirche und leiten daraus ab, dass sie mit ihrem Verständnis der katholischen Kirche die einzig wahre Kirche verteidigen.
Daraus schliessen sie unter anderem, dass Menschen ausserhalb dieser Kirche abtrünnig sind und bekehrt werden müssen. Sie verlangen auch, dass Gott über den Staat und die Gesellschaft regieren soll. Zudem lehnen Piusbrüder jede Gleichberechtigung der Geschlechter ab und verteufeln die Homosexualität.
Was unterscheidet sie von der katholischen Kirche?
Zu den Änderungen, die Lefebvre nicht akzeptierte, gehört die Anerkennung der Kirche, dass auch andere Religionen eine Wahrheit enthalten und dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religion frei zu wählen.
Ebenso verurteilte Lefebvre die Ökumene, also die Annäherungen der verschiedenen christlichen Kirchen untereinander sowie den Dialog mit nichtchristlichen Religionen. Lefebvre sagte: «Protestanten können nicht in den Himmel kommen.»
Sie lehnen zudem eine der wichtigsten Reformen der katholischen Kirche ab, nämlich die Verurteilung aller Formen des Antisemitismus. Im Gegenteil halten sie alle Juden auch heute noch für mitschuldig an der Ermordung von Jesus.
Écône: Welche Rolle spielt die Schweiz?
Als Lefebvre den konservativen Widerstand gegen das Zweite Vatikanische Konzil anführt, wird er in französischen Kirchenkreisen isoliert. 1969 verlegt er seinen Wohnsitz in die Schweiz, nach Freiburg. Türöffner ist der damalige Bischof von Freiburg, ein Vertrauter Lefebvres aus früherer Zeit.
Lefebvre-treue Priesteranwärter aus Frankreich folgen ihm an die Universität Freiburg. Doch die Vorlesungen dort sind der Gruppierung zu modernistisch. Lefebvre radikalisiert sich, Rom interveniert. So beschliesst er, ein Priesterseminar ausserhalb des Einflusses von Rom aufzubauen. In Écône im Kanton Wallis findet er den passenden Ort dafür. Für seine Aktivitäten gründete er die Piusbruderschaft.
Heute unterhält die Bruderschaft in der Schweiz über 30 religiöse Stätten. Écône im Wallis gilt als spirituelles Zentrum der Bewegung. Ebenfalls in der Schweiz, in einem Schloss im Kanton Zug, findet sich der Hauptsitz der Organisation. Dort residiert Davide Pagliarini, der Generalobere der Vereinigung; die «Neue Zürcher Zeitung» bezeichnet ihn als «Gegenpapst».
Lefebvre: Welche Rolle spielt Frankreich?
Der Schweizer Theologe Urban Fink ist ein Kenner und Kritiker der Organisation. Er sieht traditionalistische und monarchistische Kreise in Frankreich als Motor hinter den Piusbrüdern, von Beginn an bis heute. In diesen Kreisen vermuten Expert:innen auch die Hauptsponsoren der Vereinigung, die nicht von Kirchensteuern lebt.
«Es geht diesen Leuten nicht nur um die alte Kirchenordnung, sondern auch um die alte Gesellschaftsordnung – also um jene Zeit vor der französischen Revolution, die Freiheit und Gleichberechtigung für alle brachte», sagt Urban Fink.
Gründer Marcel Levebvre stand zeitlebens in der ideologischen Tradition der monarchistischen «Action française», die den Rechtsextremismus der französischen Vorkriegszeit verkörperte. Die Piusbruderschaft zog in Frankreich später entsprechend das Milieu an, das mit den Überresten der Action française und dem kollabierenden Vichy-Regime verflochten war. Noch heute beherbergt Frankreich die grösste Gefolgschaft der Piusbrüder, mit geschätzten 30’000 Leuten.
Wie gross ist die Piusbruderschaft?
Es gibt nur Schätzungen. Die letzten Zahlen der Organisation oder des Vatikans datieren rund zwanzig Jahre zurück. Oft wird die Zahl von weltweit 600 000 Laien, also regelmässigen Gottesdienstbesuchern, verbreitet. Diese ist aber zweifelhaft, wie der katholische Blog «The Pillar» vorrechnetExterner Link.
Die Autoren dort schlagen die Zahl von 320’000 Laien vor und halten die Zahl der Gotteshäuser für die einzig verlässliche Grösse: Es sind – nach Angaben der Organisation – weltweit rund 450 Gebetsstätten. Die Organisation zählt rund 750 Priester.
Wie kam es zur Abspaltung der Piusbruderschaft?
Bereits 1976 gingen Lefebvres Aktivitäten in der Schweiz dem Vatikan zu weit. Er hatte Priester geweiht, ohne dazu berechtigt zu sein. Zudem sah Rom in seiner Ablehnung der Konzilsbeschlüsse die Einheit der Kirche verletzt. Der Papst suspendierte ihn vorerst von allen Ämtern. Zahlreiche Einigungsversuche zwischen Rom und Lefebvre bleiben in den folgenden Jahren erfolglos.
1988 folgt die Eskalation. Lefebvre weiht gegen den Willen Roms vier Priester zu Bischöfen. Darauf reagiert Rom prompt und exkommuniziert den Traditionalisten sowie die von ihm Geweihten. Doch 2009 hebt Papst Benedikt diese Exkommunikation im Rahmen eines erneuten Annäherungsversuchs wieder auf.
Mit der illegalen Weihe von vier Bischöfen führt die Vereinigung am 1. Juli 2026 erneut die Eskalation herbei. Papst Leo warnt vergeblichExterner Link mit einem biblischen Bild, das die Einheit der Kirche umschreibt: «Das Zerreissen des nahtlosen Gewandes Christi ist eine Sünde von äusserster Schwere.» Doch die Bruderschaft zieht ihre pompöse Bischofsfeier in Écône durch. Darauf reagiert Rom mit der Exkommunikation aller Mitglieder der Vereinigung.
Kann man von einem Schisma sprechen?
Ein Schisma bezeichnet eine Kirchenspaltung. Rom legt aber Wert auf die Feststellung, dass die Kirche nicht gespalten sei. Der Luzerner Kardinal Kurt Koch sagt gegenüber dem katholischen Portal CommunioExterner Link: «Ich bin nicht so ganz sicher, ob man schon von einem Schisma reden kann. Auch 1988 hat Papst Johannes Paul II. von einem ’schismatischen Akt‘ gesprochen. Das ist nicht unbedingt deckungsgleich, weil ein schismatischer Akt diejenigen betrifft, die ihn vollzogen haben.»
Der Schweizer Theologe Urban Fink bezeichnet die Piusbrüder gegenüber Swissinfo als eine Abspaltung. «Sie schneiden ein Stück aus dem Kuchen heraus, der klassische Fall einer Sekte.»
Wie entschlossen und geradezu feindselig sich die Piusbrüder gegenüber dem Vatikan positionieren, zeigt die AnspracheExterner Link, die Michael Goldade, einer der vier in Écône geweihten Bischöfe hielt. Die römisch-katholische Kirche liege in «Trümmern» und sei «eine Wüste», «eine Krankheit» sagte er: «Sie tötet alles, was sie berührt.»
Welche Motive stecken hinter der Bischofsweihe in Écône?
Nach Darstellung der Piusbrüder steckt hinter der Bischofsweihe der Personalbedarf der Vereinigung. Zwei Bischöfe würden nicht ausreichen, um die Gläubigen weltweit zu betreuen. «Es geht ums Überleben. Sie brauchen Bischöfe, um ihre Vereinigung weiterzuführen», sagt auch Urban Fink.
Für Fink gibt es aber auch ein weiteres Motiv: die Breitenwirkung des als rebellisch dargestellten Akts. «Solche Grossveranstaltungen sind auch ein Werbespot», sagt er. Er vermutet hinter der Inszenierung der verbotenen Bischofsweihe eine Wachstumsstrategie. «In einer zutiefst unsicheren Welt gibt es ein Segment von Menschen, deren Sehnsüchte und Wünsche die Piusbruderschaft zu bedienen vermag», sagt er.
Welche Rolle spielen die USA?
20 Prozent der Christen in den USA sind Katholiken. Die Bruderschaft ist in den USA bereits etabliert, aber vergleichsweise winzig. SchätzungenExterner Link kommen auf 25’000 Laien. Das sind ähnlich viele wie im Land mit den meisten Anhängern: Frankreich. Mit Michael Goldade erhalten die US-Anhänger nun erstmals einen eigenen Bischof.
Goldade ist überzeugt, dass mit dem reaktionären Kurs «ein schönes Wachstum in den Pfarrgemeinden und Schulen» möglich sei. In Écône sagte erExterner Link: «Wir werden viele neue Berufungen sehen, viele Junge, die sich für die heilige Mutter Kirche opfern wollen.»
Tatsächlich hat der konservative Katholizismus in den USA zuletzt eine neue Anziehungskraft entwickelt. Seit 2023 verzeichnet die katholische Kirche einen Zuwachs an Konvertierten. «Vor allem junge Männer fühlen sich angezogen, sie suchen bewusst das Konservative», sagt Claudia Franziska Brühwiler, Professorin für Amerika-Studien, gegenüber Swissinfo.
Ein Grund dafür ist, dass die katholische Kirche als älteste Institution der Welt den Irrungen und Wirrungen des Zeitgeists stets widerstanden hat. «In dieser Zeit des Umbruchs, in der alles infrage gestellt wird, hat dieses Beständige, das sich nicht am Zeitgeist orientiert, etwas Attraktives und bietet Orientierung», erklärt die Wissenschaftlerin.
Dass die USA deswegen zum fruchtbaren Boden für die Piusbrüder werden kann, glaubt Brühwiler jedoch nicht. «Man muss als Konservativer in den USA nicht auf Konfrontationskurs mit der Weltkirche gehen, es gibt bereits sehr viele entsprechende Angebote», sagt sie. So gäbe es beispielsweise wieder verbreitet lateinische Messen, die wegen ihrer betonten Feierlichkeit gerade bei protestantisch sozialisierten Gläubigen Anklang finden.
Editiert von Samuel Jaberg
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