Höchstes Vertrauen: Warum schauen nicht mehr Länder auf die Schweiz?
Das gesellschaftliche Vertrauen in öffentliche Institutionen stabilisiert sich international. Dies zeigt eine Befragung in 38 Ländern. Doch viele fühlen sich weiterhin nicht von ihrer Regierung gehört. Ausgenommen ist die Schweiz, wo auch das Vertrauen in politische Lösungen gross ist. Eine Analyse von Benjamin von Wyl.
Obwohl die Schweiz in der in Bezug auf das Vertrauen in öffentliche Institutionen Spitzenwerte aufweist, war sie bei der Online-Präsentation der Studie in 38 Ländern Externer Link kaum Thema. Auch von der Schweizer Regierung war niemand da.
Stattdessen sprach der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez darüber, dass sich der Anteil der Menschen in Spanien mit hohem oder moderatem Vertrauen in die Regierung gesteigert hat – auf über 40%. In Mexiko vertrauen gar 53% der Regierung, deutlich mehr als der internationale Schnitt.
Entsprechend hielt auch Mexikos Ministerin für Korruptionsbekämpfung, Raquel Buenrostro Sánchez, eine Ansprache.
Sichtlich erfreut war der australische Regierungsvertreter Patrick Gorman über die 51%, die seiner Regierung in Australien vertrauen. Er sieht es als Bestätigung für das Social Media-Verbot für Jugendliche: Australische Eltern hätten dieses gefordert – die Regierung habe zugehört und stelle sich nun der Konfrontation mit den grossen Tech-Unternehmen.
Zwei von drei Schweizer:innen fühlen sich gehört
Doch auch in Australien – das zeigt sich auf Seite 133 der Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) – haben weniger als die Hälfte der Menschen das Gefühl, das politische System erlaube «Leuten wie ihnen» eine Mitsprache dabei, was die Regierung tut.
Über alle Länder hinweg sind es sogar nur etwa ein Drittel der Leute, die diesen Eindruck haben. Das Ergebnis zeige «die wachsenden und unerfüllten Erwartungen der Bürger:innen an ein Mitspracherecht bei Entscheidungen jenseits von Wahlen», heisst es in der Studie.
Die Schweiz ist die einzige Ausnahme. Hier haben 65% das Gefühl, das System gebe Leute wie ihnen Mitsprache.
Das Land steht auch punkto Vertrauens in die öffentlichen Institutionen im internationalen Vergleich einsam an der Spitze: Das Vertrauen in die Schweizer Regierung blieb stabil bei 62% der Bevölkerung mit hohem oder moderatem Vertrauen.
Mehr Vertrauen in Polizei, Medien und Parteien
Das überrascht wenig: Das gesellschaftliche Vertrauen ist in der Schweiz traditionell hoch. Das zeigte beispielsweise auch die jährliche Studie «Sicherheit»Externer Link der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). Doch so positiv und vertrauensselig waren die Schweizer:innen noch kaum je, wie der Vergleich zur letzten OECD-Studie zeigt. Ob Polizei, Justiz, Medien oder Kantonsregierung: Die Menschen in der Schweiz zeigten 2025 mehr Vertrauen als 2023.
So entwickelte sich das Vertrauen international
Die OECD-Studie kommt zu einer positiven Analyse: So sei das Vertrauensniveau im Schnitt «robust». Die Abnahme von Vertrauen in den Vorjahren konnte gestoppt oder in einigen Ländern gar ins Positive gelenkt werden.
In den OECD-Ländern haben 2025 im Schnitt vier von 10 Personen ihrer Regierung vertraut. Allerdings ist der Anteil jener, die tiefes oder kein Vertrauen haben mit 43% leicht höher.
Eher positiv waren die Ergebnisse in Island (59%), Norwegen (57%) und Luxemburg (55%).
Eher tiefes Vertrauen hat sich in Bulgarien (16%), Peru (20%) und Frankreich (22%) gezeigt.
Wer die verbissenen Diskussionen und gegenseitigen Anschuldigungen in Schweizer Abstimmungskämpfen von nahem verfolgt, reibt sich gerade angesichts des Vertrauensgewinns der politischen Parteien die Augen. Immerhin fast die Hälfte der Menschen in der Schweiz vertrauen den Parteien.
Im Vergleich sind die 49% ein Ausnahmewert: In Nachbarländern wie Frankreich (15%), Italien (22%) und Deutschland (25%) gibt es nur eine verschwindende Minderheit, die ihren Parteien vertrauen.
Vertrauen in CO2-Abbau und KI-Gesetze
Die Schweizer Vertrauensseligkeit reicht aber über die Institutionen hinaus.
Auch im Hinblick auf die grossen Herausforderungen unserer Zeit überwiegt der Optimismus: Mehr als die Hälfte der Menschen in der Schweiz glauben, dass die Schweiz den CO2-Ausstoss reduzieren kann. Nur in Brasilien und Finnland teilt eine Mehrheit diese Zuversicht – im internationalen Vergleich sind es 38%. In der Schweiz glaubt eine Mehrheit auch, dass es gelingen wird, die Interessen heutiger und künftiger Generationen auszubalancieren, unpopuläre Gesetze zu ändern und neue Technologien wie die Künstliche Intelligenz «angemessen» zu regulieren.
Mehr als 50% der Schweizer:innen denken gemäss OECD-Studie, dass gewählte Politiker:innen auf «bedeutsame Art» auf eine Kontaktaufnahme reagieren würden – nirgendwo sonst glaubt das mehr als die Hälfte.
Worauf das Vertrauen gründet
Sind die Schweizer:innen schlicht naiv oder schöpfen sie begründet Vertrauen? Vertrauen bedeutet die Abgabe von Kontrolle. Diese Kontrollabgabe ist in der Schweiz weniger absolut als in anderen Ländern: Sind die Menschen unzufrieden, müssen sie nicht Jahre auf den nächsten Wahltermin warten, um dies zum Ausdruck zu bringen.
Es ist naheliegend, dass der demokratische Optimismus der Schweizer:innen auch mit der direkten Demokratie zusammenhängt. Sie können zum Beispiel fast sicher sein, dass unpopuläre Gesetze in einer Volksabstimmung keine Mehrheit finden. Da alle grossen Parteien Vertretende in die Schweizer Konkordanzregierung entsenden, wissen die Menschen in der Schweiz zudem, dass sehr wahrscheinlich jemand im Gremium mitwirkt, die oder der die eigenen Werte teilt.
Das Gefühl gehört zu werden, geht über das politische Feld hinaus: Um die 60% in der Schweiz glauben, dass die Verwaltung ihren Service nach einer Beschwerde verbessert. Und wenn alle Stricke reissen, engagiert man sich oder geht selbst in die Politik: Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, wo eine Mehrheit das Gefühl hat, dass sie sich selbst politisch engagieren könnten.
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Die Lücken in der Schweizer Gesellschaft
In der Schweiz fühlt sich also eine Mehrheit gehört – doch nicht alle. Denn in einer Frage ist die Schweiz ein negativer Ausreisser: Während etwa vier von fünf Gutausgebildete – Studierte an Universitäten, Fachhochschulen oder Höheren Fachschulen – in die Regierung vertrauen, sind es nur etwa 45% der Menschen mit Berufslehre oder keiner Ausbildung.
Diese Lücke stellt die Schweizer Gesellschaft vor eine Herausforderung. Schliesslich kann es sich gerade ein Land, das auf Ehrenamt und Partizipation fusst und stolz ist auf die Qualität seiner Berufsausbildung, nicht leisten, dass sich Nichtstudierte abgehängt fühlen. Auch haben in der Schweiz jene, die «grosse finanzielle Sorgen» haben, ein tieferes Vertrauen als jene ohne Geldsorgen – und Frauen seltener Vertrauen als Männer. Hier sind die Unterschiede aber weniger gross als bei der Bildung.
Sanfter Optimismus bei der OECD
Vertrauen ist essenziell für Demokratien. In den letzten Jahren haben viele Demokratien populistische Erschütterungen und Demokratieabbau erlebt. Weltweit sehen viele Politikwissenschaftler:innen diesen Abbau mit einer Vertrauenskrise verbunden: Wer kein Vertrauen hat, nimmt es eher hin, wenn Partizipation und Rechte eingeschränkt werden. Womöglich, weil man diese Rechte dann ohnehin als leere Versprechen sieht.
Die OECD versprühte anlässlich der Präsentation ihrer Studie dennoch sanften Optimismus. Zwar haben über die untersuchten Länder hinweg nur 40% der Menschen hohes oder moderates Regierungsvertrauen – der Wert hat sich nach einem Einbruch davor aber stabilisiert.
Man kann diesen Wert tief finden. Doch die OECD-Studie hat untersucht, wer Vertrauen und wer keines hat.
Die Abwesenheit von Vertrauen ist aber nicht dasselbe wie Misstrauen. Nicht alle, die «wenig oder kein Vertrauen» haben, hängen Verschwörungserzählungen nach oder sind empört. Man kann auch die Frage stellen, ob es nicht auch positive Seiten hat, wenn Bürger:innen ihrer Regierung kritisch begegnen – so lange sie sich als Teil des demokratischen Systems fühlen.
Bedauernswerter als die tieferen Vertrauenswerte ist also, dass ausserhalb der Schweiz nirgends eine Mehrheit das Gefühl hat, dass «Leuten wie sie» im politischen System mitreden können.
Die Studie solle nicht nur informieren, sondern ein «wichtiges Instrument für Regierungen» sein, sagte Elsa Pilichowski von der OECD beim Launch. Entsprechend stellt sich wirklich die Frage, wieso man dem Land mit den höchsten Vertrauenswerten nicht mehr Beachtung schenkt.
Sollten sich Regierungsbehörden von anderswo also auf Bildungsreise in die Schweiz begeben? Wahrscheinlich nur, wenn sie auch bereit sind für Konkordanz und Föderalismus im Zusammenspiel mit direkter Demokratie.
Diese Bereitschaft fehlt wohl. Vielleicht ist ja das der Grund, warum das hohe Vertrauen in der Schweiz international nicht mehr Aufmerksamkeit bekommt.
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