Zehn Jahre nach dem Brexit spricht Grossbritannien wieder über das «Schweizer Modell»
Vor einem Jahrzehnt galt die Schweiz den Euroskeptikern in Grossbritannien als Modell für ein Leben fern von Brüssel. Im Jahr 2026 sehen nun plötzlich die Proeuropäer in der Schweiz ein Vorbild dafür, der EU näherzurücken. Wie konnte es dazu kommen. Eine Analyse.
Seit dem Votum des Vereinigten Königreichs für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) vor zehn Jahren hat der Begriff «Brexit» eine bewegte Karriere gemacht. Weit mehr als ein aussenpolitischer Entscheid wurde der Brexit zum Synonym für die tiefste Bruchlinie der britischen Politik und spaltete die Nation in die Lager der «Remainers» und «Leavers».
Im Ausland befeuerte er ähnliche Debatten: Grexit, Frexit, Swexit. Da viele Britinnen und Briten mit dem Lauf der Dinge unzufrieden sind, macht neuerdings auch die Wortschöpfung «Bregret» die Runde.
Ein weiterer Begriff mit einem ereignisreichen Jahrzehnt hinter sich ist das «Schweizer Modell». Dieses ist im Gegensatz dazu nicht neu: Die einzigartige Art der Schweiz, mit der EU umzugehen, existiert seit Jahrzehnten. Doch der Brexit verlieh ihm plötzlich Bedeutung.
Aus britischer Sicht war die Schweiz der Beweis – ob gut oder schlecht –, dass es in Europa ein Leben jenseits von Brüssel gibt. Die Schweiz ist kein EU-Mitglied und schafft es dennoch, mit ihren Nachbarn Handel zu treiben, zu interagieren und davon zu profitieren. Könnte Grossbritannien dasselbe tun?
Bislang hat es nicht funktioniert. Brexit-Britannien wurde Brexit-Britannien. Und doch ist die Diskussion über das Schweizer Modell nie verstummt. Zunächst waren es rechte Figuren wie Nigel Farage, die den Vergleich bemühten. Heute, zehn Jahre später, da die EU und das Vereinigte Königreich eine «Neuausrichtung» der Beziehungen anstreben, sind es plötzlich linke ThinktanksExterner Link und Kolumnisten der Financial TimesExterner Link.
Was steckt hinter der anhaltenden Anziehungskraft des Schweizer Modells nach dem Brexit, obwohl das Land mit so vielen eigenen Herausforderungen konfrontiert ist?
Ein missverstandenes Modell?
Eine halb ernst gemeinte Antwort lautet, dass niemand wirklich versteht, was das Schweizer Modell eigentlich ist. Selbst in der Schweiz ist das nicht immer klar. Für manche ist es eine «massgeschneiderte Quasi-Mitgliedschaft» in der EUExterner Link, für andere ist es der Kern des alten Kampfs, sich von ihr fernzuhalten.
Doch in einem aufgeheizten Kontext wie dem Brexit-Referendum kann Unklarheit von Vorteil sein. Die Schweiz schien schlicht das zu bekommen, was das Vereinigte Königreich schon immer wollte: «Die wirtschaftlichen Integrationsgewinne maximieren und die Souveränitätsverluste minimieren», wie Sandra Lavenex von der Universität Genf es ausdrückt.
«In den Anfängen gab es jedoch eindeutig ein gewisses Missverständnis über die Einschränkungen des Schweizer Modells», sagt Lavenex. Der Zugang zum EU-Binnenmarkt ist nicht kostenlos. Im Rahmen ihres Netzes bilateraler Verträge übernimmt die Schweiz grosse Teile des EU-Rechts, ohne wirklich an dessen Entstehung mitzuwirken.
Sie akzeptiert auch die Personenfreizügigkeit – eine klare rote Linie für das Vereinigte Königreich nach dem Brexit. Und trotz ihres Images politischer Stabilität sind die EU-Beziehungen seit Jahren ein heisses Eisen in der Schweizer Politik – ganz zu schweigen von Brüssel selbst.
Zehn Jahre später: Ist das Verständnis besser? Rechtsnationalistische Brexiteers haben die Alpenreferenzen zumindest etwas abgekühlt. Farage sagte einst, die Schweiz sei eine «Inspiration» für den Brexit; inzwischen hat er ein Schweizer Modell mit einem «Verrat» gleichgesetzt (er scheint auch von Forderungen nach direkter Demokratie abgerückt zu sein).
Was neuere Ideen zu einer «dynamischen Angleichung» der Schweiz betrifft, weiss Martin Wolf von der Financial Times normalerweise, wovon er spricht. Doch glaubt er, dass diese Option von der EU – oder von den «Leavers» im Vereinigten Königreich – akzeptiert würde?
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Ein Modell mit etwas für alle?
Das lenkt den Blick auf ein weiteres Merkmal des Schweizer Modells: Es wird verstanden, aber selektiv. Anfangs lagen die Souveränitätsaspekte im Trend, denn in der Hitze eines Referendumswahlkampfs ist die Idee einer kleinen Nation, die Brüssel widersteht – à la Wilhelm Tell – eingängig.
«Das war hauptsächlich Rhetorik, die instrumentell dazu diente, einen Punkt zu machen», sagt Giorgio Malet von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). «Wie die Unterstützung für die direkte Demokratie verpuffte sie schnell.»
Die Schweizer Option wurde bald zu anderen Zwecken verwendet. Vom rechten Ideal wurde sie zum rechten Schreckgespenst – ein Warnmodell, das von Gegnerinnen und Gegnern jeder Brexit-Umsetzung genutzt wurde, die diese für zu liberal hielten.
Der Chequers-Plan der damaligen Premierministerin Theresa May aus dem Jahr 2018, der einige Ähnlichkeiten mit dem Schweizer Modell aufwies, sorgte für Aufruhr in der Konservativen Partei.
Zwei Jahre später wählte das Vereinigte Königreich unter Boris Johnson den harten Brexit. Malet sagt, die Schweiz sei in diesem Zusammenhang «viel stärker integriert, als das Vereinigte Königreich es akzeptiert hätte».
Und 2026? Mit einer europafreundlicheren Labour-Regierung in London erlebt das Schweizer Modell eine Renaissance als sinnvolle wirtschaftliche Option für turbulente Zeiten. Ohne alle roten Linien aufzugeben, lautet das Argument: Warum nicht schweizerischer vorgehen und sektorale Tauschgeschäfte mit der EU machen?
Dies könnte Zugeständnisse bei Themen wie der Personenfreizügigkeit beinhalten. Laut dem «Labour Movement for Europe»Externer Link könnten «politische Schmerzen» durch «wirtschaftliche Gewinne» über den Zugang zu europäischen Lieferketten und Märkten ausgeglichen werden.
Auch hier könnte es sich teilweise um politische Positionierung handeln, besonders angesichts der Ankündigung von Premierminister Keir Starmer am Montag, von seinem Posten zurückzutreten.
«Positionen zu Europa werden von potenziellen Führungsfiguren genutzt, um aus innenpolitischen Gründen ein Signal zu setzen», sagte Anand Menon vom Thinktank «UK in a Changing Europe» im Januar dem ObserverExterner Link. Was das Schweizer Modell betrifft, so Menon: «Wir reden unter uns über etwas, das die EU uns nicht unbedingt geben wird.»
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Ein Modell, dessen Zeit gekommen ist?
Mit seiner Skepsis steht Menon nicht allein. Ob die Schweiz und das Vereinigte Königreich vergleichbar sind, ist die eine Sache. Eine andere ist, dass die EU seit dem Brexit klargemacht hat, dass sie keinen weiteren «Rosinenpicker» möchte, also kein Nicht-Mitglied, das von den besten Teilen des Clubs profitiert.
Sie ist es sogar leid, dass die Schweiz dies tut. Das neue Paket der EU-Schweiz-Abkommen, das derzeit in Bern debattiert wird, ist das Ergebnis eines langen Stillstands über die Durchführbarkeit des Schweizer Modells.
Für Malet war der logischste Zeitpunkt, um über ein Schweizer Modell für das Vereinigte Königreich zu sprechen, genau um das Votum von 2016 herum, also, bevor das Vereinigte Königreich seine roten Linien zementierte und bevor die Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU selbst in stürmisches Fahrwasser gerieten.
Insgesamt ist Malet der Meinung, dass die Modelle vergleichbar sind, da das Vereinigte Königreich und die Schweiz ähnlichen Dilemmata gegenüber Europa gegenüberstehen. «Aber die Ausgangspunkte und Ziele sind sehr unterschiedlich.»
Gleichzeitig ändert sich in Europa einiges, fügt er hinzu. Der Krieg in der Ukraine hat einige Staaten näher an die EU herangeführt. Unter anderem erwägen Island und Norwegen eine Mitgliedschaft, was der Aussenminister Norwegens auf den Wandel von einer «wohlwollenden Welt» zu einer «verrückten Welt» zurückführt.
Malet zufolge ist die EU in diesem geopolitischen Kontext auch «etwas flexibler» geworden, was seiner Einschätzung nach auch der Schweizer Abwarte-Strategie gegenüber dem Block zugutekommen könnte.
Da das Vereinigte Königreich die wirtschaftlichen Folgen des Brexit zunehmend spürt, versucht es, sich Europa wieder anzunähern. So ist es dem Erasmus+-Studierendenaustausch wieder beigetreten. Im Handel testet es bereits einen Ansatz der «dynamischen Angleichung», der stark an das Schweizer Modell erinnert: In bestimmten Sektoren werden EU-Regeln befolgt, um Unternehmen von Bürokratie zu entlasten.
Vor einem EU-UK-Gipfel im Sommer schrieb der Economist kürzlichExterner Link, das Vereinigte Königreich würde «Brexit still und leise rückgängig machen» – und bezog sich dabei erneut auf das Schweizer Modell.
Ein Modell für verwirrende Zeiten – oder ein Modell der Verwirrung?
Ob die EU für britisches Werben offen ist, bleibt unklar. Eine aktuelle Umfrage zeigt jedochExterner Link, dass sich auch die öffentliche Stimmung im Vereinigten Königreich wandelt: Zehn Jahre nach dem Brexit bereut eine Mehrheit diesen Schritt. Nur 31% wollen, dass die Dinge mit Brüssel so bleiben, wie sie sind, während 56% sogar wieder der EU beitreten möchten.
Ist es Zeit für eine spektakuläre Rückkehr in den Schoss der EU? Für den ehemaligen Unterhaus-Sprecher John Bercow ist das nicht unmöglich, aber «äusserst unwahrscheinlich» in den nächsten fünf Jahren, wie er kürzlich der Neuen Zürcher Zeitung sagteExterner Link. «In der Politik brauchen die Dinge Zeit», sagte er.
Was andere Formen der Annäherung betrifft, verweist Lavenex von der Universität Genf auf einen Vorteil des britischen Systems der repräsentativen Demokratie. Theoretisch könnte es für das Vereinigte Königreich einfacher sein, jetzt Abkommen mit Brüssel über heikle sektorale Fragen zu schliessen, ohne die Bedrohung durch ein Referendum wie in der Schweiz.
Gleichzeitig sind die Grenzen dieses politischen Spielraums angesichts der starken Umfragewerte der Reform-UK-Partei von Farage klar. In wenigen Jahren könnte alles schon wieder anders sein.
Das wirft die Frage nach dem wiederkehrenden Gespräch über den Schweizer Ansatz auf. Modelle bieten bekanntlich Orientierung in einer verwirrenden Realität. Angesichts des Wandlungstempos in der britischen und europäischen Politik im vergangenen Jahrzehnt überrascht es kaum, dass so viele Modelle aufgetaucht sind – ob Norwegen, Kanada, die Türkei oder die Schweiz.
Momentan, da das Schweizer Modell selbst Veränderungen unterliegt – eine Volksabstimmung über das neue Paket bilateraler Abkommen könnte nächstes Jahr stattfinden –, ist es vielleicht nicht der klarste Bauplan. In unsicheren Zeiten könnte jedoch selbst ein wackeliger Bezugspunkt besser sein als keiner.
Sie versuchen immer noch herauszufinden, ob das Schweizer Modell wirklich gut zu Grossbritannien passen würde? Einige Ratschläge aus dem Jahr 2022:
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Liebe Britinnen und Briten, begrabt den Traum vom Schweizer Modell!
Editiert von Mark Livingston/gw, Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub
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