Wenn Private die Entwicklungshilfe übernehmen
Liebe Leserin, lieber Leser
Erstaunliches hat sich diese Tage ereignet. Das Schweizer Aussendepartement kündigte im Juni an, bei der Entwicklungszusammenarbeit weiter zu kürzen. Im Gegenzug soll mehr Geld für humanitäre Soforthilfe bereitstehen. Damit wird sich die Schweizer Entwicklungshilfe aus ganzen Weltgegenden komplett zurückziehen, so etwa aus Lateinamerika. (Die Schweiz geht da mit dem Trend: Immer mehr westliche Länder reduzieren ihre Entwicklungshilfe.)
Daraufhin haben sich fast 30, teils sehr finanzstarke philanthropische Stiftungen beschwert – die Glaubwürdigkeit der Schweiz stehe auf dem Spiel. Besonders weil vor allem längerfristig angelegte Projekte von den Kürzungen betroffen sind.
Kritik von links hat man erwartet. Aber hier geht es unter anderem um die Stiftungen der Milliardenkonzerne Zurich und Swiss Re und um jene von Tennis-Star Roger Federer. Die Entwicklungshilfe sei eine «Investition in Prävention, Stabilität und Sicherheit», die heute besonders notwendig sei, so die Stiftungen. Es gebe zwar mehr philanthropische Projekte, aber diese «können und sollen die öffentliche internationale Zusammenarbeit nicht ersetzen».
Interessant ist vor allem, wieso es eine Zunahme von solchen privaten Initiativen gibt: In erster Linie, weil sich immer mehr Vermögen bei einigen Wenigen sammelt. In der Schweiz verfügt der Stiftungssektor ein Vermögen von 160 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Das jährliche Budget der Schweizer Entwicklungshilfe umfasst bisher 2,4 Milliarden.
Einzelne haben den Willen, Kapital in Projekte zu speisen – darauf basiert Philanthropie im Wesentlichen. Weil es immer mehr Superreiche gibt, erwarten Expert:innen, dass auch die Philanthropie ausgeweitet wird.
Das muss nicht negativ für die Qualität der Projekte sein. Aber es liegt auf der Hand, dass es sich um eine Machtverschiebung handelt: weg vom Staat, hin zu Privaten. Das mögen einige begrüssen. Aber die Beschwerde zeigt, dass den grossen Stiftungen selbst diese Entwicklung nicht ganz geheuer ist.
Wie sehen Sie das – ist die Auslagerung von Entwicklungshilfe eine positive Entwicklung? Sie können mir wie immer schreiben auf giannis.mavris@swissinfo.ch
Mit freundlichen Grüssen,
Giannis Mavris
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