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Neun Monate Waffenstillstand haben die humanitäre Krise in Gaza nicht beendet

Ein Kind läuft durch eine völlig zerstörte Stadt
Die zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Gazastreifens leben heute in einem schmalen Küstenstreifen, der durch zwei Jahre Krieg zerstört wurde. Der Wiederaufbau steht noch aus, während die politischen Gespräche ins Stocken geraten sind. Copyright 2026 The Associated Press. All Rights Reserved.

Trotz des seit fast neun Monaten geltenden, fragilen Waffenstillstands verschlechtern sich die Lebensbedingungen in Gaza weiter. NGOs prangern die israelischen Beschränkungen bei der Einfuhr lebenswichtiger Güter an, besonders von medizinischem Material.

«Seit vielen Monaten hört die Welt, dass in Gaza ein Waffenstillstand gilt. Doch für palästinensische Kinder hat sich dieser vermeintliche Waffenstillstand in eine Illusion verwandelt – in eine grausame und tödliche», sagte James Elder, Sprecher von Unicef, in einem kürzlichen Pressebriefing in Genf.

Seit dem Inkrafttreten des Waffenstillstands am 10. Oktober 2025 sind in der palästinensischen Enklave rund 265 Kinder ums Leben gekommen, also «durchschnittlich eines pro Tag», fügte er hinzu.

Er präzisierte, dass «nahezu alle» von israelischen Streitkräften getötet worden seien. Gemäss den Zahlen des Gesundheitsministeriums von Gaza, die von der UNO weitergegeben wurdenExterner Link, beläuft sich die Gesamtzahl der palästinensischen Opfer in diesem Zeitraum auf 1053 Tote und 3406 Verletzte.

Lesen Sie hier den Bericht eines palästinensischen Journalisten aus Gaza:

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«Die Hölle auf Erden»

«Trotz des Waffenstillstands bleibt die humanitäre Lage äusserst kritisch», sagt Joan Tubau, Missionschef von Médecins sans frontières (MSF) – Ärzte ohne Grenzen – für die besetzten palästinensischen Gebiete. Er bedauert den Rückgang der medialen und politischen Aufmerksamkeit, die sich nun auf den Krieg im Iran und dessen globale Auswirkungen konzentriert.

«Es ist die Hölle auf Erden», fasst er zusammen. «Die Bevölkerung lebt entweder in Zelten oder in halb zerstörten Häusern, zusammengepfercht auf einem Drittel dessen, was einst eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt war. Sie hat keinen ausreichenden Zugang zu Wasser und Nahrung und es gibt keine Abfallentsorgung.»

Die mehr als zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Gazas leben heute auf einem schmalen Küstenstreifen, der vor zwei Jahren durch den Krieg verwüstet wurde.

Und obwohl die Bombardierungen nicht mehr so intensiv sind wie auf dem Höhepunkt des Konflikts, gehen die Bevölkerungsvertreibungen weiter, während die israelische Armee ihre Kontrolle über die Enklave ausdehnt.

Eine Landkarte
Grafik: Kai Reusser, Swissinfo

Einfuhrbeschränkungen

Seit mehreren Wochen häufen sich die Warnungen der UNO-Agenturen und der in Genf vertretenen NGOs vor den von Israel auferlegten Beschränkungen bei der Einfuhr bestimmter Güter nach Gaza.

Diese betreffen Güter mit «doppeltem Verwendungszweck» (dual use), also solche, die nach Ansicht der israelischen Behörden von der Hamas für militärische Zwecke missbraucht werden könnten.

Laut den Hilfsorganisationen umfasst diese Kategorie unterdessen nicht nur Generatoren, Treibstoff und Motorenöl, sondern auch Insektizide, Zeltmaterial, Rollstühle sowie verschiedene medizinische Geräte.

«Es ist manchmal sehr schwer zu verstehen, was die Begründung für das Verbot dieser Güter ist», sagt Tubau. Wie andere Mitarbeitende im humanitären Sektor prangert er den «willkürlichen» und «unberechenbaren» Charakter dieser Beschränkungen an.

MSF gehört zu den 37 NGOs, deren Tätigkeit in Gaza von Israel Anfang des Jahres verboten wurde. Der jüdische Staat hatte unter anderem verlangt, dass die Organisation Informationen über ihr palästinensisches Personal liefert, was diese aus Sicherheits- und Neutralitätsgründen abgelehnt hat.

MSF setzt seine Arbeit in der Enklave fort, kann aber keine internationalen Mitarbeitenden mehr dorthin entsenden und auch kein Material direkt einführen.

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Auswirkungen auf das Gesundheitssystem

Die Folgen sind besonders gravierend im Gesundheitsbereich, wo sich das Spitalsystem kaum erholen kann. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind heute rund die Hälfte der Spitäler in Gaza nur teilweise funktionsfähig und keines arbeitet mit voller Kapazität.

«Einer der Hauptgründe, warum sie nicht normal funktionieren, ist, dass sie mit einem kritischen Mangel an medizinischem Material konfrontiert sind», kritisierte Renee Van de Weerdt, WHO-Vertreterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Ende Mai an einer Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf.

Ein vorgefertigtes Spital steckt seit Monaten in Jordanien fest und auch Laborausrüstung, Reagenzien, Sauerstoffkonzentratoren oder orthopädische Artikel können immer noch nicht geliefert werden, führte sie aus.

«Es handelt sich um Ausrüstungen, die wir brauchen, um Leben zu retten, Krankheiten zu erkennen und die Welt auf mögliche Epidemien aufmerksam zu machen», sagte die Verantwortliche.

Dieser Mangel tritt zu einem Zeitpunkt auf, an dem der medizinische Bedarf weiterhin kritisch ist. Laut der UNOExterner Link haben in den letzten Wochen Krankheiten im Zusammenhang mit Wasser, Hygiene und Abwasser zugenommen, während die Behandlung von chronischen Krankheiten, Traumata und psychischen Störungen nach wie vor stark beeinträchtigt ist.

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Israel weist die Vorwürfe zurück

In einem im Juni veröffentlichten Dokument, das Antworten auf häufig gestellte Fragen auflistetExterner Link, weist die israelische Regierung die Behauptungen zurück, sie würde die Einfuhr humanitärer Güter verhindern.

Sie bezeichnet diese als «parteiisch, wiederholt und irreführend, losgelöst von der Realität vor Ort». Diese Informationen würden mit dem Ziel verbreitet, Israel zu verleumden und den falschen Eindruck einer humanitären Krise im Gazastreifen zu erwecken.

Laut den israelischen Behörden wurden alle Anträge auf Einfuhr von Medikamenten ohne mengenmässige Beschränkungen genehmigt. Die Einfuhr in den Gazastreifen erfolge kontinuierlich.

In die Schusslinie genommen und beschuldigt, nur eine begrenzte Menge medizinischer Güter zu koordinieren, werden die UNO und internationale Organisationen.

Was Güter mit doppeltem Verwendungszweck betrifft, gibt Israel an, die Umsetzung von Alternativlösungen zu erleichtern, die «den gleichen zivilen medizinischen Bedürfnissen entsprechen, ohne die Sicherheit zu gefährden».

Externer Inhalt

Rückgang der Finanzierung

Während die politischen Diskussionen über die nächste Phase des von US-Präsident Donald Trump entworfenen Friedensplans auf Eis liegen, wächst unter den Hilfsorganisationen eine neue Sorge: dass die Finanzierung versiegen könnte.

«Wir sehen bereits, dass einige NGOs ihre Wasserverteilung aus Mangel an Finanzmitteln reduzieren, obwohl die Versorgungsengpässe gravierend sind und der Sommer beginnt», stellt Tubau von MSF mit Bedauern fest. Er fügt hinzu: «Meine Mitarbeitenden und ich sind sehr besorgt um die Zukunft. Wir sehen kein Licht am Ende des Tunnels.»

Ende Juni war der humanitäre Reaktionsplan der UNO für die besetzten palästinensischen Gebiete, der auf vier Milliarden Dollar veranschlagt wird, nur zu 25% finanziertExterner Link. Ein Niveau, das mit jenem für den Sudan oder Haiti vergleichbar ist – Krisen, die NGOs als «vergessen» bezeichnen.

Editiert von Samuel Jaberg/livm, Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub

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