Warum Rechenzentren in der Schweiz so umstritten sind – in fünf Grafiken
Digitale Dienste und künstliche Intelligenz machen mehr und immer grössere Rechenzentren erforderlich. Fünf Grafiken zeigen, warum diese Infrastrukturen auch in der Schweiz so umstritten sind.
Seit Jahrzehnten sorgen Rechenzentren für den Betrieb des Internets, ohne wirklich sichtbar zu sein. Doch nun, da sie in Zahl und Grösse zunehmen – vor allem, um die steigende Nachfrage nach Dienstleistungen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) zu befriedigen –, stossen sie zunehmend auf Widerstand in den Standortgemeinden.
Bürgerinnen und Bürger auf der ganzen Welt sind besorgt über den hohen Strom-, Wasser- und Flächenverbrauch, den ihr Betrieb mit sich bringt.
Auch in der Schweiz, die zu den Ländern mit der weltweit höchsten Dichte an Rechenzentren gehört, zeichnen sich ähnliche SpannungenExterner Link ab. So haben kürzlich Umweltaktivistinnen und -aktivisten ein Protestcamp in der Nähe des geplanten Rechenzentrums in BeringenExterner Link im Kanton Schaffhausen errichtet.
Die Befürchtungen der Öffentlichkeit sind nicht unbegründet. Laut einem aktuellen Bericht der UNOExterner Link könnte KI bis 2030 so viel Wasser verbrauchen, wie 1,3 Milliarden Menschen benötigen, und jährlich eine Strommenge verbrauchen, die dem dreifachen Gesamtverbrauch von Pakistan, Bangladesch und Nigeria entspricht.
Dennoch steigen die Investitionen weiter an. So investierten die weltweit grössten Technologieunternehmen im Jahr 2025 rund 400 Milliarden Dollar in Rechenzentren – mehr als die gesamten Investitionen im Energiesektor Afrikas im selben Jahr. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA)Externer Link dürfte diese Zahl im Jahr 2026 die Marke von 700 Milliarden Dollar überschreiten.
In den Vereinigten Staaten haben mehrere Bundesstaaten über Beschränkungen oder Moratorien für neue Projekte diskutiert. Der Widerstand lokaler Gemeinden hat dazu beigetragen, dass zahlreiche bereits geplante Rechenzentren gestrichen wurden. Ähnliche Debatten gab es auch in Irland, den Niederlanden, Deutschland und Brasilien.
Diese fünf Grafiken erklären, warum Rechenzentren zu einer der derzeit umstrittensten digitalen Infrastrukturen geworden sind und warum die Debatte nun auch die Schweiz erreicht hat.
1. Die Schweiz ist bereits ein Land der Rechenzentren
Weltweit gibt es mehr als 11’000 Rechenzentren. Laut Angaben der UNOExterner Link befinden sich die mit Abstand meisten davon in den Vereinigten Staaten, gefolgt von Grossbritannien, Deutschland und China. In absoluten Zahlen liegt die Schweiz hinter vielen ihrer europäischen Nachbarn zurück.
Bezieht man die Zahl jedoch auf die Einwohnerzahl, gehört die Schweiz zu den Ländern mit der weltweit höchsten Rechenzentrumsdichte. Tatsächlich gibt es etwa 13 Rechenzentren auf eine Million Einwohner (in den USA sind es etwa 12).
Der Anteil des Stromverbrauchs der Rechenzentren am nationalen Stromverbrauch in der Schweiz gehört bereits jetzt zu den höchsten in Europa:
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Diese Konzentration ist kein Zufall. Rechenzentren benötigen eine zuverlässige Stromversorgung, Hochgeschwindigkeits-Internetverbindungen sowie politische Stabilität. All diese Voraussetzungen bietet die Schweiz. Die Betreiber profitieren zudem von der Nähe zu den wichtigsten europäischen Märkten und von einem vergleichsweise kostengünstigen und CO₂-armen Strommix.
Auch die Präsenz grosser Technologieunternehmen im Raum Zürich trägt zum Boom der Rechenzentren bei. Die politische Neutralität der Schweiz und ihre strengen Vorschriften zur Datenhoheit ziehen zudem Unternehmen an, die nach Alternativen zur Datenspeicherung in den USA, China oder der Europäischen Union suchen.
Wie die IEA feststellt, ziehen bereits etablierte Rechenzentren weiterhin neue Investitionen an. Das Ergebnis ist eine zunehmende Konzentration von Rechenzentren in wenigen Ländern – darunter auch in der Schweiz.
2. KI treibt die Stromnachfrage auf Rekordniveau
Der weltweite Strombedarf von Rechenzentren ist im vergangenen Jahr um 17 Prozent gestiegen – fast sechsmal so schnell wie der Gesamtstrombedarf, schätzt die IEA. Bis 2030 könnte sich ihr Energieverbrauch gegenüber dem aktuellen Niveau mehr als verdoppeln.
KI ist einer der Haupttreiber dieses Wachstums. Laut der IEA wird sich allein der Stromverbrauch der für KI eingesetzten Server bis 2030 verdreifachen. Ein einzelnes, für KI optimiertes Server-Rack verbraucht so viel Strom wie 65 Haushalte in einem Jahr.
Das Trainieren und der Einsatz grosser Sprachmodelle erfordern eine enorme Rechenleistung. Für das Training von GPT-4 wurden Schätzungen zufolge Dutzende Gigawattstunden Strom benötigt. Zudem verbraucht eine KI-gestützte Suche laut der UNO etwa zehnmal so viel Strom wie eine normale Websuche.
Bislang war die Schweiz diesem Trend weniger ausgesetzt als andere Länder, da die meisten bestehenden Rechenzentren in erster Linie Cloud-Dienste und nicht das Training von KI-Modellen unterstützen. Dennoch investiert auch die Schweiz in KI-Projekte. So wird der Supercomputer von Lugano zum Trainieren des Schweizer Sprachmodells Apertus genutzt und in Basel wurde kürzlich ein neues Hochleistungsrechenzentrum für KI eingeweiht.
Auch wenn es offiziell nicht als KI-Rechenzentrum bezeichnet wird, sieht das umstrittene Projekt in BeringenExterner Link vor, Rechenlasten mit hoher Dichte zu bewältigen – darunter auch solche im Zusammenhang mit KI.
Laut einer Interpellation des Schaffhauser Stadtrats Maurus PfalzgrafExterner Link könnte der geplante Standort, der etwa zweieinhalb Fussballfeldern entspricht, bei Volllast eine Strommenge verbrauchen, die 75% des gesamten Strombedarfs des Kantons ausmacht.
Andere europäische Länder setzen sich bereits mit dem Problem des Energiebedarfs von Rechenzentren auseinander. So wurden in Irland seit mehreren Jahren neue Anschlüsse für Rechenzentren im Raum Dublin begrenzt, da Befürchtungen hinsichtlich einer übermässigen Belastung des Stromnetzes und möglicher Stromausfälle bestehen.
Derzeit wird im Land über die Einführung von Massnahmen wie einer Steuer auf Rechenzentren diskutiert, um die hohen Energiekosten auszugleichen, die indirekt auf die Stromrechnungen der Haushalte umgelegt werden.
3. Der Boom der Schweizer Rechenzentren wird von den Hyperscalern vorangetrieben
Die neuen Anlagen werden immer grösser, energieintensiver und konzentrierter.
Eine vom Bundesamt für Energie (BFE) in Auftrag gegebene StudieExterner Link zeigt, dass der Strombedarf der Schweizer Rechenzentren seit 2019 um fast 20% gestiegen ist. Im Jahr 2024 machten die Rechenzentren bereits 3,6 % des nationalen Stromverbrauchs aus – fast so viel wie die Schweizerischen Bundesbahnen SBBExterner Link benötigen, um alle Züge in der Schweiz ein ganzes Jahr lang zu betreiben.
Laut der BFE-Studie könnten die Schweizer Rechenzentren bis zum Ende des Jahrzehnts über 5% des Stroms des Landes verbrauchen. Dieser Anstieg entspricht dem Jahresbedarf von rund 180’000 Haushalten.
Fast das gesamte Wachstum ist auf die grössten Rechenzentren, die sogenannten «Hyperscale»-Rechenzentren, zurückzuführen, die von Giganten wie Amazon, Microsoft, Google und Meta betrieben werden. Ihr Stromverbrauch in der Schweiz dürfte sich bis 2030 fast verdoppeln, während der Verbrauch kleinerer, spezialisierter Rechenzentren weitgehend stabil bleiben wird.
4. Der Wasser-Fußabdruck der Rechenzentren in der Schweiz gehört zu den höchsten weltweit
Zudem haben Rechenzentren einen erheblichen Wasser-Fussabdruck, da sie einerseits Wasser zur Kühlung verbrauchen und andererseits die Stromerzeugung oft von Wasserressourcen abhängt.
So dürfte das Rechenzentrum in Beringen in der Schweiz jährlich etwa 55’000 Kubikmeter Wasser zur Kühlung verbrauchen – eine Menge, die dem Wasserverbrauch von rund 1000 Haushalten entspricht.
Weltweit wurde der Stromverbrauch von Rechenzentren im Jahr 2025 mit einem geschätzten Wasserfussabdruck von 4500 Milliarden Litern in Verbindung gebracht. Bis 2030 könnte sich diese Zahl mehr als verdoppeln. Laut der UNO würde sie dann ein Niveau erreichen, das mit dem jährlichen Grundwasserbedarf aller 1,3 Milliarden Einwohner:innen Subsahara-Afrikas vergleichbar ist.
In verschiedenen Teilen der Welt spüren lokale Gemeinschaften bereits die Folgen des enormen Wasserbedarfs dieser Einrichtungen. In Mexiko beispielsweiseExterner Link hat der von der Regierung geförderte Rechenzentrumsboom dazu geführt, dass viele Einwohner:innen mit Wasserrationierungen und Stromausfällen zu kämpfen haben.
Die Schweiz stellt ein Paradoxon dar. Ihr Strommix gehört dank der Wasserkraft zu den saubersten der Welt. Dies führt jedoch zu einem der höchsten Wasserfussabdrücke pro Stromeinheit weltweit: Gemäss UNO ist er mehr als doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt.
Der Süsswasserverbrauch der Schweizer Rechenzentren könnte den Jahresbedarf von 400’000 bis 800’000 Menschen decken:
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KI-Rechenzentren setzen Schweizer Wasserressourcen unter Druck
Die Umleitung von Wasser zur Stromerzeugung kann die Durchflussmenge einiger Flüsse verringern. Zudem können Stauseen in den heissesten und trockensten Perioden erhebliche Mengen an Wasser durch Verdunstung verlieren.
Das bedeutet, dass auch Rechenzentren, die einen Null-Wasserverbrauch für die Kühlung angeben, durch den von ihnen verbrauchten Strom einen indirekten Wasser-Fussabdruck haben können.
5. Schweizer Rechenzentren stossen weniger CO₂ aus. Anderswo ist das nicht der Fall.
Obwohl Rechenzentren enorme Mengen an Energie verbrauchen, hängt ihre Auswirkung auf das Klima massgeblich davon ab, wie der Strom erzeugt wird.
In dieser Hinsicht sticht die Schweiz hervor: Unter den weltweit führenden Standorten für Rechenzentren hat sie den geringsten CO₂-Fussabdruck. Dies ist auf die Nutzung von Wasserkraft und Kernkraft zurückzuführen, die keine CO₂-Emissionen verursachen. Nur etwa 3% des Schweizer Stroms stammen aus fossilen Brennstoffen.
Weltweit sieht das Bild jedoch ganz anders aus. Nach Angaben der UNO verursachte der Stromverbrauch von Rechenzentren im Jahr 2025 rund 189 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent. Trotz erheblicher Investitionen in erneuerbare Energien und andere emissionsarme Energiequellen könnten sich die Gesamtemissionen im Zusammenhang mit dem Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln.
Das bedeutet, dass die Debatte in der Schweiz sich teilweise von der in Ländern unterscheidet, die noch stark von Kohle oder Erdgas abhängig sind. In der USA bringt eine kürzlich für die Washington Post Externer Linkdurchgeführte Analyse die Dieselgeneratoren von Rechenzentren mit Luftverschmutzung, Atemwegserkrankungen und vorzeitigen Todesfällen in Verbindung.
Angesichts des anhaltenden Ausbaus von Rechenzentren und des wachsenden Widerstands in der Bevölkerung wird die Debatte über die Auswirkungen von Rechenzentren auf die natürlichen Ressourcen und die öffentliche Gesundheit so schnell nicht abklingen.
Editiert von Gabe Bullard/VdV, Übertragung aus dem Italiensichen: Melanie Eichenberger
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