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Waffen aus Solothurn für Hollywood?

Waffenfabrik Solothurn um 1930
Einstellung und Arbeiten an der 20-mm-Automatikkanone S5-100 in der Waffenfabrik Solothurn, um 1930. Museum Altes Zeughaus

Die Waffenfabrik Solothurn AG fand sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur auf der Schwarzen Liste der Alliierten wieder, sondern wurde auch in einen langwierigen Liquidationsprozess verwickelt. Was sollte mit den eingelagerten Waffen geschehen? Ein verlockendes Angebot kam 1951 unverhofft aus Hollywood.

SWI swissinfo.ch publiziert regelmässig Artikel aus dem Blog des NationalmuseumsExterner Link, die historischen Themen gewidmet sind. Die Artikel sind immer in deutscher und meistens auch in französischer und englischer Sprache verfasst.

1951: Die Waffenfabrik Solothurn AG existierte eigentlich nur noch auf dem Papier, als Aktiengesellschaft. Nach einem langen Liquidationsprozess, welcher 1946 eingeleitet wurde, konnte das Fabrikgelände in Zuchwil, im Kanton Solothurn, 1950 an die Gebrüder Sulzer AG aus Winterthur verkauft werden, welche eine Webmaschinenfabrik aufbaute.

Die Belegschaft der Waffenfabrik war bis auf einzelne Wenige entlassen worden, für die Aktienpakete fanden sich keine Interessenten und immer noch befanden sich noch grosse Mengen an Waffen und Munition im Besitz der Gesellschaft. Was sollte nun damit geschehen?

Zum besseren Verständnis für die Misere, in der die Waffenfabrik Solothurn AG 1951 steckte, folgt hier ein kurzer Einblick in die Firmengeschichte, der den Sachverhalt erhellen soll.

Die Geschich­te der Waffen­fa­brik Solothurn AG

Die Geschichte begann im Frühjahr 1929, als die Firma Waffenfabrik Solothurn AG als Tochterunternehmen der deutschen Rheinischen Metalwaaren- und Maschinenfabrik Actiengesellschaft, kurz Rheinmetall AG, gegründet wurde. Die Rheinmetall AG mit Ablegern in Düsseldorf, Sömmerda und Berlin Tegel stieg während des Ersten Weltkrieges zu einem der bedeutendsten Rüstungsbetriebe im deutschen Kaiserreich auf.

Nach dem Weltkrieg wurde Deutschland durch den Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919 starke Restriktionen auferlegt. Sowohl das deutsche Militär wurde massiv beschnitten, als auch die Rüstungsindustrie praktisch verboten. Die Entwicklung und Herstellung von Waffen waren in Deutschland praktisch unmöglich geworden, so dass die Industrie, mit Unterstützung des noch existierenden Militärs, Auswege suchte, um den Anschluss an die internationale Rüstung nicht zu verlieren.

Um die Einschränkungen des Vertrages von Versailles zu umgehen, investierten deutsche Rüstungsunternehmen im neutralen, deutschfreundlichen Ausland in bereits existierende Firmen und Fabriken oder bauten neue Ableger auf. Die deutsche Rüstung sollte im Schatten von Versailles weiter betrieben werden. Das Ziel war eine «Schattenrüstung».Somit gründete die Rheinmetall AG in Zuchwil (SO) eine Waffenfabrik, in welcher Infanteriewaffen aus dem Hause Rheinmetall gebaut, getestet und zur Serienreife gebracht werden konnten.

Durch den Einsatz des Solothurner FDP-Nationalrates und späteren Bundesrats Hermann Obrecht und des österreichischen Rüstungsindustriellen Fritz Mandl konnte die Rheinmetall AG für den Standort Zuchwil gewonnen werden. In den Fabrikhallen der ehemaligen Patronenfabrik Solothurn AG, in welcher Obrecht und Mandl bereits stark involviert waren, wurde eine neue Waffenfabrik eingerichtet.

Aufgestellte Panzerabwehr-Arkebusen
Einsatzbereite 20-mm-Panzerabwehr-Arkebusen vom Typ S18-150 mit Zubehör, um 1934/35. Museum Altes Zeughaus

Zunächst liefen die Geschäfte der neuen Waffenfabrik Solothurn gut und lukrative Aufträge konnten eingefahren werden. Dies änderte sich jedoch rasant ab 1933, als die nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) unter deren Führer Adolf Hitler die Macht in Deutschland an sich reissen konnte, sukzessive die Einschränkungen des Versailler-Friedensvertrages ignorierte und die Aufrüstung Deutschlandes offen vorantrieb.

Eine «Schattenrüstung» wurde zusehends unnötig und der Aussenstandort der Rheinmetall AG im Kanton Solothurn büsste für die deutsche Firma an Bedeutung ein.Um diesen Tendenzen entgegen zu wirken, setzte die Solothurner Waffenfabrik ab 1934/35 auf ein neues Produkt, welches in Solothurn entwickelt und hergestellt werden sollte, eine sogenannte «Tankbüchse», ein schweres Infanteriegewehr mit Kaliber 20mm, womit Panzer bekämpft werden konnten.

Diese Tankbüchse mit der Bezeichnung S18-100 und ihre Weiterentwicklungen sollten den Betrieb in Solothurn international wieder neu auf dem Waffenmarkt verorten. Jedoch füllten sich die Auftragsbücher bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 nicht wie erhofft, so dass die Solothurner Fabrik finanziell durch die Rheinmetall über Wasser gehalten werden musste.

Ein Schütze und zwei Ingenieure um eine alte Panzerabwehrwaffe herum
Schiessprobe mit der Panzerabwehrarkebuse S18-150 auf dem Schiessstand Solothurn-Zuchwil, um 1934–35. Im Hintergrund rechts der technische Leiter des Werks, der österreichische Ingenieur Wolfgang Rossmanith. Museum Altes Zeughaus

Ab 1940 konnten grössere Aufträge eingeholt werden, wurden jedoch durch den fortschreitenden Krieg immer wieder gefährdet. So bestellte zum Beispiel die Niederlande über 700 weiterentwickelte Tankbüchsen aus Solothurn, aber der Vertrag wurde nach der deutschen Besetzung des Landes im Sommer 1940 sistiert.

Der grösste Auftrag konnte 1941 mit dem faschistischen Italien geschlossen werden, welcher der Solothurner Firma Arbeit und Geld über Jahre mit der Lieferung von 2000 Tankbüchsen inklusive dazugehörigen Lafetten in Aussicht stellte. Aber auch dieser Vertrag wurde nach dem Sturz des italienischen Diktators Benito MussoliniExterner Link im Jahr 1943 eingestellt und die Fabrik blieb auf Waffen und Schulden sitzen.

Die Lage war bis zum Ende des Kriegs so schlecht, dass ab 1944 praktisch keine Waffen mehr in Solothurn produziert wurden. Man versuchte sich alternativ mit der Produktion von Werkzeugmaschinen über Wasser zu halten. Aber auch da blieb der grosse Erfolg aus.

Rüstungswerk in den 1930er Jahren
Herstellung von Lafetten in der Waffenfabrik Solothurn, um 1930. Museum Altes Zeughaus

Als Tochterfirma der Rheinmetall AG geriet die Waffenfabrik Solothurn AG auf die Schwarze Liste der Alliierten. Firmen und Unternehmen in der Schweiz, Schweden, Portugal und weiterer Staaten, welche eng wirtschaftlich und unternehmerisch mit NS-Deutschland verbunden waren, wurden auf solchen Listen aufgeführt und blockiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit dem Washingtoner Abkommen vom 25. Mai 1946 ein Staatsvertrag zwischen der offiziellen Schweiz und den Alliierten Mächten der USA, Frankreich und dem Vereinigten Königreich geschlossen. Darin wurden die Zahlungen der Schweiz am Wiederaufbau Europas festgelegt, sowie die Registrierung und Liquidation deutscher Vermögenswerte in der Schweiz geregelt.

Diesem Vertrag entsprechend wurde in der Folge bestimmt, dass die Waffenfabrik Solothurn AG liquidiert werden sollte. Diese Aufgabe übernahm die Schweizerische Verrechnungsstelle mit Sitz in Zürich. Sämtliche geschäftlichen und finanziellen Angelegenheiten der Solothurner Firma mussten ab 1946 von dieser Verrechnungsstelle während des Liquidationsprozesses geprüft und genehmigt werden.

Die Ausschreibung der Aktienpakete brachten keinen Erfolg, jedoch konnte das Fabrikgelände, wie eingangs erwähnt, 1950 verkauft werden.

Wohin mit den Waffen?

Während des Liquidationsprozesses wurde auch versucht, die während den Kriegsjahren hergestellten und unverkauften Tankbüchsen zu veräussern. Allerdings stellte sich hier das Problem, dass diese Waffen bereits während des Krieges veraltet waren, da diese mit der raschen Entwicklung der gepanzerten Kampffahrzeuge zwischen 1939 und 1945 nicht Schritt halten konnten. 1948 versuchte die Waffenfabrik Solothurn über einen Waffenliefervertrag mit Äthiopien ihre Tankbüchsenbestände abzubauen. Dieser Deal wurde von den Bundesbehörden jedoch nicht genehmigt.

1951 schien sich diese Frage plötzlich von selbst zu lösen. Ein US-Amerikaner namens Leo Lippe wurde bei der Leitung der noch existierenden Rumpfbelegschaft und Aktiengesellschaft in Solothurn vorstellig. Mister Lippe stellte sich als Filmemacher aus Hollywood vor, der auf der Suche nach Waffen aus dem Weltkrieg war. Für künftige Kriegsfilme, welche nun in Hollywood produziert werden würden, seien grosse Mengen an Filmrequisiten und eben auch Waffen von Nöten.

Zum grossen Erstaunen der Verantwortlichen in Solothurn war Leo Lippe bereit, sämtliche noch vorhandenen Tankbüchsen, rund 450 Stück an der Zahl, für damals rund 2,5 Millionen Schweizer Franken aufzukaufen. Geld schien kein Problem gewesen zu sein. Per Handschlag wurde der Handel geschlossen, das Geld bezahlt, die Waffen in Transportkisten verpackt und für die Ausfuhr nach New York beschriftet.

Auf dem Güterbahnhof Solothurn wurden die Kisten in Eisenbahnwagen verladen und die Ausfuhrgenehmigung beim Bund beantragt. Aber auch hier machten die Bundesbehörden dem Handel wie schon 1948 einen Strich durch die Rechnung. Aufgrund unzureichend nachgewiesener Zahlungsformalitäten wurde das Geschäft gestoppt und die Kisten mussten wieder abgeladen und dem Amerikaner das Geld zurückerstattet werden.

Holzkiste für eine Panzerabwehrarkebuse
Transportkiste mit einer Lieferadresse in New York, die 1951 in die Vereinigten Staaten verschickt werden sollte. Die Kiste enthielt eine Panzerabwehrarkebuse, deren Zubehör sowie eine Radlafette. Museum Altes Zeughaus

Der Filmemacher aus den USA nahm das Ganze scheinbar sportlich. Er liess sich auch von den verschiedenen Werkzeugmaschinen überzeugen, welche ebenfalls in der ehemaligen Waffenfabrik hergestellt wurden. Nun konnten mit einem klar verfassten Kaufvertrag und den entsprechenden Formalitäten mehrere Maschinen in die USA verkauft werden.

Wer war Leo Lippe wirklich?

Leo Lippe war tatsächlich im Filmgeschäft tätig, war aber nicht ein «Medienmogul» aus Hollywood, sondern ein dort akkreditierter Kameramann für Spezialeffekte. In der Bronx von New York geboren, hatte Lippe scheinbar früh die Schule abgebrochen, so dass er Zeit seines Lebens Lese- und Schreibprobleme hatte.

Seine bekannteste Arbeit in der Traumfabrik ist die Anfangssequenz des Filmdramas Crime Without Passion von 1934. Die surreale Filmmontage mit drei Furien, welche aus dem Blut ermordeter Frauen emporsteigen und Unheil verbreiten, wurden durch Lippe gefilmt, während der bekannte US-amerikanische Filmemacher Slavko Vorkapic bei diesen Szenen Regie führte.

Wie kommt jedoch ein Kameramann dazu, für Millionenbeträge Waffen im Europa der 1950er-Jahre zu kaufen?

Eröffnungsszene des 1934 erschienenen Films «Crime without Passion», gedreht von Leo Lippe:

Externer Inhalt

Die Antwort liegt weit weg von der Filmwelt in Kalifornien, nämlich mitten in Washington D.C. Dort hatte bis 1959 die Central Intelligence Agency (CIA) ihren Hauptsitz. Leo Lippe wurde vom Auslandsgeheimdienst der USA als Strohmann engagiert, um in Europa grosszügig Waffen aus Weltkriegsbeständen aufzukaufen. Diese sollten der CIAExterner Link dazu dienen, antikommunistische Kräfte vor allem im asiatischen Raum auszurüsten.

Lippe wurde zu diesem Zweck nach Genf geschickt und residierte dort in einer Hotelsuite und gab den Medienmogul aus Hollywood. Das eingesetzte Geld stammte von der CIA, welches über ein Konto auf eine Genfer Bank überwiesen wurde. Da Lippe nichts von Waffen verstand, wurde ihm ein Sachverständiger zur Seite gestellt, ein 24-jähriger Mann aus Philadelphia namens Samuel «Sam» Cummings.

Cummings, bereits seit seiner Jugend ein begeisterter Waffensammler, oblag es, Europa nach Waffenbeständen zu durchstreifen und die Händel aufzugleisen, während Lippe in Washington das Geld beantragte und die Zahlläufe quittierte. Auf diese Weise sollen, laut einem Interview mit Cummings aus den 1990er-Jahren, Waffenkäufe im Wert von 100 Millionen Dollar zwischen 1951 und 1952 getätigt worden sein. In Solothurn jedoch hatten die CIA-Agenten kein Glück.

Der erste Hauptsitz der CIA
Die Anfrage an Solothurn stammte aus diesem historischen Bürogebäude in Washington: dem „E Street Complex“, dem Geburtsort und ersten Hauptsitz der Central Intelligence Agency (CIA). Wikimédia

Während Leo Lippe nach 1952 im Dunkel der Geschichte verschwand, konnte Samuel Cummings aus dieser Erfahrung reichlich berufliches Kapital schlagen. 1953 gründete er das Rüstungshandelsunternehmen International Armament Corporation (Interarmco), verliess die CIA, baute ein Waffenhandelsimperium auf und entwickelte sich zu einem der grössten privaten Waffenhändler der Welt.

Cummings lebte mit seiner Ehefrau aus Obwalden und zwei Töchtern abwechslungsweise bis zu seinem Tod in Monaco und im waadtländischen Villars-sur-Ollon.Das Schicksal der restlichen Waffen aus der Solothurner Produktion wurde mit ihrer Vernichtung im Stahlwerk Gerlafingen 1961 besiegelt.

Adrian Baschung Adrian Baschung ist Historiker und Leiter des Museums Altes Zeughaus in SolothurnExterner Link.

Der Originalbeitrag im Blog des Schweizerischen NationalmuseumsExterner Link

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