Ist die Zeit der Billig-Tomaten aus Spanien vorbei?
Spanien ist der wichtigste Lieferant von importierten Früchten und Gemüse für Schweizer Supermärkte. Doch höhere Löhne, strengere Vorschriften und die Konkurrenz von Ländern ausserhalb Europas untergraben seine Vormachtstellung.
Man nennt sie auch Mittelmeerautobahn – die Autobahn A-7, die der gesamten Mittelmeerküste Spaniens entlang verläuft. In Südspanien, genauer im östlichen Teil der Costa del Sol, ist sie vor allem bei britischen oder deutschen Feriengästen und Rentner:innen beliebt.
Mietautos und Taxis bringen die Gäste über die Autobahn zu den Badeorten und Wohnanlagen für Zweitwohnsitze, die während des Immobilienbooms der 2000er-Jahre errichtet worden waren.
Neben ihnen fahren die Lastwagen, die Früchte und Gemüse in den Rest Europas transportieren. Denn auf halbem Weg zwischen Málaga und Almería weichen die Strände und Ferienorte Plastikgewächshäusern, die sich zwischen den kargen Hügeln und dem Meer drängen.
Kurz vor Almería liegt, wie eine Insel in einem 13’000-Hektar grossen Meer an Gewächshäusern, die Stadt El Ejido. Sie ist das Symbol für die spanische Vorherrschaft bei der Produktion von Tomaten, Gurken und Paprika.
El Ejido ist das Epizentrum des «Mar de Plástico» (Plastikmeer), das insgesamt fast 40’000 Hektar (4,5 Mal so gross wie die Stadt Zürich) der Küstenebene Campo de Dalias in der Provinz Almería bedeckt: die weltweit grösste Ansammlung von Plastikgewächshäusern.
Über 16’000 dieser Gewächshäuser produzieren laut Angaben des spanischen Landwirtschaftsministeriums rund 40% des Frischgemüses, das in Europa im Herbst und Winter konsumiert wird. In die Schweiz lieferte Spanien im Jahr 2025 ein Drittel aller Gemüseimporte.
Günstige Arbeitskräfte und nahezu perfekte Wetterbedingungen sind die Garantie, dass Europa auch ausserhalb der Saison zuverlässig mit Gemüse versorgt wird – zu Preisen, mit denen kein anderes Produktionsland mithalten kann.
Im Jahr 2025 beispielsweise lag der durchschnittliche Herstellungspreis für Rispentomaten aus Spanien bei 91,41 Euro (84,30 Franken) pro 100kg, verglichen mit 120,49 Euro pro 100kg für belgische Tomaten. In den kälteren Monaten ist der Unterschied noch grösser.
Doch das System, das auf billigen Arbeitskräften aus dem Ausland basiert, könnte bald vor dem Aus stehen. Denn die spanischen Landwirt:innen sind unter Druck: Auf der einen Seite müssen sie heute höhere Löhne bezahlen, andererseits fordern Supermärkte, die Preise niedrig zu halten und gleichzeitig faire Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.
Hinzu kommt die zunehmend kritische Haltung der Konsumentinnen und Konsumenten, besonders im Hinblick auf den hohen Einsatz von Pestiziden.
Intensiver Anbau
José Antonio Cánovas Zafra ist Früchte- und Gemüsebauer in vierter Generation und betreibt insgesamt 1500 Hektar Landwirtschaftsfläche in Almería, Murcia, Alicante und Albacete.
Sein Unternehmen Kernel Exports vertreibt Früchte und Gemüse in ganz Europa, unter anderem an Schweizer Supermärkte. Etwa 80% seines Umsatzes erzielt er über im Voraus vereinbarte Festpreisverträge pro Saison. Er kann aber auch auf Anfrage bestimmte Produkte anbauen.
«Ein Schweizer Supermarkt hatte einen Mangel an Bio-Aprikosen, und wir haben 65 Hektar bepflanzt, um seinen Bedarf zu decken. Ein anderer Schweizer Einzelhändler wollte keine Bohnen mehr aus Marokko beziehen, und wir bauen nun Bio-Bohnen für ihn an», sagt er.
Zafras Unternehmen beschäftigt 250 Angestellte. Manche von ihnen stammen aus Südamerika oder Marokko, doch die meisten sind aus Indien oder Pakistan.
Sie waren während des Immobilienbooms in den 2000er-Jahren nach Spanien gekommen, um auf Baustellen zu arbeiten. Nach dem Zusammenbruch des Markts im Jahr 2008 mussten sie sich eine neue Beschäftigung suchen.
«Der Mindestlohn ist in den letzten fünf Jahren um über 30% gestiegen», sagt Zafra. «Dabei konkurrieren wir nicht nur mit Produkten aus Europa, sondern auch mit denen aus Südamerika, Nordafrika, Südafrika und Osteuropa, wo die Lohnkosten weniger als die Hälfte dessen betragen, was wir hier zahlen.»
Nach Angaben der spanischen Gewerkschaft «Comisiones Obreras» ist das Lohngefälle zwischen Arbeitsmigrant:innen und spanischen Arbeitnehmenden von 38,2% im Jahr 2022 auf derzeit 29,1% gesunken.
Der Gewerkschaft zufolge ist diese Verbesserung vor allem auf Erhöhungen des Mindestlohns zurückzuführen. Arbeitsmigrant:innen profitierten davon mehr als ihre spanischen Kolleg:innen, da sie häufiger in schlechter bezahlten Jobs beschäftigt sind.
Der Stundenlohn in Spanien gehört nach wie vor zu den wettbewerbsfähigsten in Europa. Mit 26,40 Euro liegt er laut Eurostat weiterhin unter dem EU-Durchschnitt von 34,90 Euro und denen der wichtigsten Wettbewerber Italien (32 Euro) oder der Niederlande (47,90 Euro).
Supermärkte sind jedoch nicht bereit, höhere Produktionskosten an ihre Kundschaft weiterzugeben. Trotz jahrzehntelanger Beziehungen zu Supermärkten in ganz Europa steht Zafra stets unter dem Druck, qualitativ hochwertige Produkte zu niedrigen Preisen zu liefern, da die Supermärkte darauf bedacht sind, ihre Margen zu sichern.
Gegenüber Swissinfo sagt er, dass er von einem Schweizer Supermarkt, den er nicht namentlich nennen will, eine Preiserhöhung wegen der Inflation infolge des Irankriegs von vier Rappen für Melonen gefordert hatte. Doch der Supermarkt lehnte ab. Der ursprüngliche Preis pro Kilo lag bei 62 Rappen.
Nach zwei Wochen Verhandlungen erreichte Zafra eine Erhöhung um 2,5 Rappen. «Für einen Supermarkt sind vier Rappen Peanuts», sagt er. «Aber für uns kann das den Unterschied ausmachen zwischen Überleben und Verlust.»
Vorschriften zu Pestiziden
Neben arbeitsrechtlichen Fragen ist es vor allem der Pestizidgehalt in spanischen Landwirtschaftsprodukten, der Konsument:innen und Supermärkte nach früheren Skandalen Sorgen bereitet.
In der Saison 2006–2007 erlitt Almería einen Reputationsschaden, nachdem in Paprika aus der Region Pestizidrückstände in Mengen gefunden wurden, die über den empfohlenen Grenzwerten lagen – darunter auch das verbotene Organophosphat-Insektizid Isophenphos-methyl.
Supermärkte in ganz Europa nahmen wochenlang keine Paprika aus Almería mehr ins Sortiment auf, und die Exporte spanischer Paprika gingen um 20% zurück.
Laut einer Umfrage des Eurobarometer 2025 zur Lebensmittelsicherheit in der EU nannten Konsument:innen, die zu Problemen oder Risiken im Zusammenhang mit Lebensmitteln befragt wurden, am häufigsten chemische Schadstoffe (28%), gefolgt von Zusatzstoffen (17%), Qualität (14%) und Kosten (12%).
Bei der spezifischen Befragung zum Thema Lebensmittelsicherheit, standen Pestizidrückstände in Lebensmitteln (39%) sowie Antibiotika-, Hormon- oder Steroidrückstände in Fleisch (36%) ganz oben auf der Sorgenliste.
Als Reaktion auf die Bedenken der Konsument:innen hat die EU in den letzten 25 Jahren die Zahl der zugelassenen Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln von über 1000 auf rund 500 reduziert. 25% davon gelten als risikoarm.
In der Folge gibt es weniger Chemikalien, auf die spanische Früchte- und Gemüsebäuer:innen heute zurückgreifen können, um ihre intensive Landwirtschaft zu betreiben. Hinzu kommen die Standards, welche die Supermärkte für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln festlegen – und die oft weitergehen als die EU-Vorgaben.
«Das europäische Recht reicht unserer Kundschaft nicht aus, und alle erstellen ihre eigenen Richtlinien hinsichtlich Wirkstoffen und Rückstandhöchstmengen in den Produkten», sagt Zafra.
«Wir dürfen nicht spritzen, wir können die Blattläuse nicht bekämpfen. Die grösste Herausforderung besteht darin, mit den uns zur Verfügung stehenden begrenzten Mitteln die gleiche Qualität zu erreichen.»
Auf Anfrage bestätigten die Schweizer Supermarktketten Coop und Migros, dass sie über die gesetzlichen Mindeststandards in der Schweiz und der EU hinausgehen würden.
Sie verfügen über eine eigene Liste verbotener Wirkstoffe, und verlangen zudem, dass die kumulative Pestizidbelastung gering ist.
Automatisierung könnte die Rettung sein
Nun versuchen die Anbauenden in Almería, ihre Produktionskosten mithilfe von Automatisierung niedrig zu halten. Zum Beispiel Vicasol: eine lokale Genossenschaft mit über 1000 Produzent:innen als Mitglieder, die jährlich 90’000 Tonnen Tomaten verarbeitet.
In den letzten drei Jahren hat Vicasol allein für die Automatisierung im Tomatenanbau sechs Millionen Euro aus eigenen Mitteln investiert. Dazu gehören Sortiersysteme mit künstlicher Intelligenz und Multispektralkameras zur Qualitätsanalyse, Roboterarme zum Be- und Entladen von Paletten mit Früchten sowie autonome Transportfahrzeuge (FTF), welche die Waren im Lager transportieren und deren Standort verfolgen können.
Rund 80% der Tomaten der Genossenschaft werden in Länder wie Deutschland, Frankreich, Polen, die Schweiz und das Vereinigte Königreich exportiert. Der Winter ist für Vicasol die Hochsaison, und das Lager ist zu dieser Jahreszeit rund um die Uhr in Betrieb.
Wie viel Kosten das Unternehmen dank seiner Investitionen in die Automatisierung einspart, dazu macht Vicasol keine Angaben.
Laut dem französischen Automatisierungsunternehmen MAF Roda, dessen Systeme bei Vicasol installiert wurden, sind die Projekte hochgradig massgeschneidert, und die Ergebnisse hängen von den jeweiligen Projektmerkmalen sowie dem Ausgangsniveau der Lagerautomatisierung ab.
«Einige Kund:innen haben die Zahl der Mitarbeitenden an einer Vorverpackungslinie von 30 auf nur fünf pro Schicht reduziert, die das gesamte Lager verwalten. Das entspricht einer jährlichen Senkung der Personalkosten um etwa 33%», sagt María Cabello, Leiterin für Marketing und Kommunikation bei MAF Roda.
Editiert von Virginie Mangin/ts, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/raf
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