Arafats Tod lässt niemanden unberührt
In Ramallah trauern die Palästinenser um ihren verstorbenen "Vater". In der Schweiz, wie in der übrigen Welt, fallen die Reaktionen geteilt aus.
Auf der einen Seite herrschen Trauer und Wut, auf der anderen Hoffnung und Erleichterung.
Neben dem Schweizer Bundesrat haben auch verschiedene Organisationen und Nahostkenner den Tod Jassir Arafats kommentiert und den politischen Kampf des Palästinenser-Präsidenten für sein Volk gewürdigt.
Ahmed Benani, Präsident des «Observatoire international des affaires de la Palestine» in Lausanne, zeigte sich in einer schriftlichen Stellungnahme erschüttert und kämpferisch:
«Arafats Todesstunde wurde bestimmt von den Paten in Washington und Tel Aviv. Es war die Stunde, als deren arabische Diener, allen voran der ägyptische Präsident Hosni Mubarak, ihre Arbeit als Totengräber beendet hatten.»
Der Terroristen-Supporter
Thomas Lyssy, Pressesprecher des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), äusserte die Hoffnung, dass Arafats Nachfolger die neue Chance für einen Friedensprozess ergreifen werden.
«Die Mehrheit der 18’000 Mitglieder der israelitischen Gemeinde in der Schweiz haben Arafat immer als Unterstützer der Terroristen bezeichnet, der Terrorakte gegen das israelische Volk finanzierte.»
Der Kompromissbereite
Peter Leuenberger von der Gesellschaft Schweiz-Palästina bezeichnete Arafats Tod als einen Verlust für alle, die sich für die Rechte des palästinensischen Volkes einsetzten.
«Ob mit seinem Verschwinden die Chancen für einen Frieden steigen, wie dies US-Präsident Bush sagte, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden.»
Leuenberger erinnerte daran, dass das Osloer Abkommen 1993 massgeblich wegen Arafats Kompromissbereitschaft zu Stande gekommen war.
Die Integrationsfigur
Pierre Hazan, Mitinitiant des «Manifests für einen gerechten Frieden im Nahen Osten», welches gemeinsam von in der Schweiz lebenden Muslimen und Juden verfasst wurde, sieht in Arafats Tod eine «neue Herausforderung für das palästinensische Volk.»
Die Palästinenser müssten jetzt beweisen, dass sie auch ohne Arafat geeint blieben, was bei weitem nicht sicher sei.
Den Israelis ist laut dem in Genf lebenden jüdischen Journalisten und Schriftsteller mit Arafats Tod deren «Lieblingsfeind» abhanden gekommen. Der als «Krieger» verunglimpfte Arafat habe den willkommenen Vorwand geliefert, um nicht auf einen Friedensprozess einzutreten.
Der Abseitsgestellte
Der Schweizer Nahost-Experte und Publizist Arnold Hottinger schliesslich zeichnete gegenüber swissinfo ein desillusioniertes Bild des Verstorbenen: «Arafat war schon seit längerer Zeit ins politische Abseits gestellt worden. Jetzt hängt alles von Sharon ab, der aber seine Haltung nicht so schnell ändern wird.»
Hottinger hält es für möglich, dass Arafat nicht nur von einem, sondern mehreren Nachfolgern ersetzt wird. «Das war immer Sharons Plan: Er will mehrere Ghettos, die alle ihre eigenen Führer haben.»
Der Nahost-Kenner sprach zudem seine Befürchtung aus, Sharon werde die Gelegenheit zur noch grösseren Spaltung der Palästinenser wahrnehmen. «Das wird ihm einfach gelingen, denn alle Macht liegt in seinen Händen. Ich bezweifle, ob die Palästinenser dies in all ihrer Wut und Verzweiflung verhindern können.»
swissinfo
Jassir Arafat wurde am 24. August 1929 in Kairo geboren.
Nach der Niederlage im Sechstage-Krieg wurde er Führer der Organisation zur Befreiung Palästinas (PLO).
1988 verkündete Arafat vor der UNO, dass die PLO auf den bewaffneten Kampf verzichte. Damit war der Weg zum Osloer Friedensabkommen von 1993 frei.
1994 erhielt er dafür mit dem israelischen Premierminister Yitzhak Rabin und dem israelischen Aussenminister Schimon Peres den Friedensnobelpreis.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch