H5N1: Das Pandemie-Risiko bleibt
Das Risiko einer Vogelgrippe-Pandemie bleibt gemäss dem Bundesamt für Gesundheit bestehen - trotz neuen Forschungs-Ergebnissen.
Demnach kann sich das H5N1-Virus nicht leicht von Mensch zu Mensch übertragen, weil es zu tief in der Lunge sitzt.
Zwei Teams von Wissenschaftern in den Niederlanden und in den Vereinigten Staaten haben unabhängig voneinander eine mögliche Ursache dafür gefunden, warum das gefährliche Vogelgrippevirus H5N1 nur sehr selten von Mensch zu Mensch übertragen wird.
Alles dreht sich dabei um die Lunge. Während menschliche Influenzaviren bevorzugt Zellen der oberen Atemwege befallen, nisten sich die Erreger der Vogelgrippe vor allem in den tiefen, feinsten Lungenverästelungen ein, wie die Wissenschafter im britischen Fachblatt «Nature» berichten.
Gefahr: Mutation
Dies bedeute, dass ein infizierter Mensch das Virus weniger leicht durch Husten oder Niesen verbreite, argumentieren die Forscher. Sollte das Vogelgrippevirus jedoch die Fähigkeit erlangen, Zellen in weiter oben liegenden Teilen der Atemwege zu befallen, könnte dies ein entscheidender Schritt zu einer drohenden Pandemie sein.
Die Erkenntnisse seien eine mögliche Erklärung für die bisher relativ kleine Zahl von Fällen, bei denen sich Menschen mit der Vogelgrippe angesteckt haben, sagt Patrick Mathys, Epidemiologe beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), gegenüber swissinfo.
Seit Ende 2003 sind in Ostasien und dem Nahen Osten mehr als 100 Menschen an der Vogelgrippe gestorben. Zum Vergleich: Allein in der Schweiz sterben jährlich rund 400 bis 1000 Menschen an der «normalen» Grippe.
«Wir gehen immer noch davon aus, dass das H5N1 das Potenzial zur Mutation in sich trägt. Eine Pandemie ist also weiterhin nicht ausgeschlossen», warnt Mathys.
Mehrere Impfstoffe nötig?
Am Montag gaben die amerikanischen Gesundheitsbehörden zudem bekannt, das H5N1-Virus habe sich in zwei Stämme weiterentwickelt. Für die Entwicklung eines Impfstoffes sei dies eine schlechte Neuheit, hält das BAG fest.
«Wenn wir zwei Stämme eines Virus haben, dann müssen wir wahrscheinlich auch zwei verschiedene Impfstoffe entwickeln», warnt Mathys.
Auch Christian Ruef, Privatdozent für Infektionskrankheiten am Universitätsspital Zürich geht im Gespräch mit swissinfo davon aus, dass sich das Virus weiter entwickeln wird. «Das passiert auch mit normalen Viren. Sie verändern sich im Verlaufe einer bestimmten Periode. Die Grippeimpfung, welche wir diesen Winter verabreicht haben, deckt beispielsweise nicht alle zurzeit zirkulierenden Viren-Varianten ab.»
Gefahr einer Epidemie
Bisher gibt es noch keinen Impfstoff gegen die Vogelgrippe. «Falls wir mit einer Epidemie beim Hausgeflügel konfrontiert werden, müssen besonders exponierte Personen wahrscheinlich mit einem Mittel geimpft werden, das die klinischen Tests noch nicht hinter sich hat», führt Patrick Mathys aus. «Da wissen wir natürlich nicht, ob der Impfstoff zu 100% wirksam sein wird.»
Breitere Bevölkerungskreise sollen nicht gegen das Virus geimpft werden. Für sie kommt eine Impfung in Frage, wenn das Virus mutieren würde und von Mensch zu Mensch übertragbar wäre. Ein Impfstoff kann erst entwickelt werden, wenn das neuartige Virus auftritt.
swissinfo
In der Schweiz sind bisher 26 Vogelgrippen-Fälle aufgetreten. Betroffen waren in allen Fällen Wildvögel.
Das hoch ansteckende H5N1-Virus wurde in 3 Fällen bestätigt.
781 verendete Vögel wurden seit Februar untersucht.
Dazu kamen vier Geflügelhaltungen. Hier wurde in keinem Fall H5 nachgewiesen.
Seit dem 20. Februar gilt in der Schweiz für Geflügel eine – vorerst unbefristete – Stallpflicht.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch