«Wie viel Schweizer steckt in Ihnen?» Ein Buch lädt zum Test ein
«Was macht eine Person zur Schweizerin oder zum Schweizer?» Diese Frage dürfte Auslandschweizer:innen besonders interessieren. Nun gibt es ein Buch mit Antworten – es ist auch eine verspielte Einladung zum Selbsttest.
Natürlich gibt es den Schweizer Pass, die Staatsbürgerschaft. Sie macht einen Menschen zum Schweizer Staatsangehörigen. Aber ist er oder sie dann auch ein richtiger Schweizer, eine echte Schweizerin?
Diese Frage ist komplex und so gefährlich, dass man sie am besten mit einer Prise Ironie angeht. Denn überall lauern Fallstricke. Es beginnt schon mit der Unterscheidung zwischen sogenannten Papierli-Schweizern und den anderen, eben den echten Schweizern. Darf man dieser Frage überhaupt noch nachgehen?
Ja, wenn man es kann. Das Buch «Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?» findet einen überraschend unproblematischen Weg, dem echt Schweizerischen auf die Schliche zu kommen. Dabei bleibt vieles doppelbödig, wie das Buchcover selbst. Der Käse auf der Fonduegabel entpuppt sich auf den zweiten Blick als ein schmelzendes Relief der Schweiz – oder ist es doch ein Goldnugget?
52 provokative Fragen
Inhaltlich betrachten die 52 provokativen Fragen nüchterne Umfrageresultate, also die Antworten der Schweizer Bevölkerung auf die unterschiedlichsten Fragen. Solche länderübergreifenden Studien gibt es inzwischen zuhauf. Offenbar hat jede Nation das Bedürfnis, herauszufinden, was im Unterschied zu den anderen das wirklich Eigene ist. Der Fundus ist also gross.
Es gibt einfache Fragen: «Sind Sie glücklich?» Und es gibt verkopftere und wertehaltigere: «Vertrauen Sie der Regierung? Interessieren Sie sich für Politik? Und wie halten Sie es mit der Arbeit?» Auf jede Frage folgt ein kurzer Text, der auf unterhaltsame und feinsinnige Art zum Nachdenken über die eigene Position anregt.
Alles wissenschaftlich untermauert
Die Schlüsse, die sich aus dem Spektrum aller Antworten ziehen lassen, sind dennoch vielsagend. Oft treffen sie auch das, was viele wohl für typisch schweizerisch halten.
Autor Markus Freitag ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern. Er hat gewisse Vorprägungen. Zum einen kam er als Deutscher in die Schweiz und liess sich einbürgern. Er hat daher ein Sensorium für alles, was es braucht, um in dieses Land zu passen. Zum anderen schöpft er aus einer Palette von Erkenntnissen und Befragungen, die alle wissenschaftlich untermauert sind.
In diesem Buch wird nichts behauptet oder herbeigeflunkert. Es ist ein Sachbuch, und dennoch sind die Fragen provokativ. Sind Sie gmögig? Glauben Sie an Verschwörungen? Sind Sie ein Vereinsmeier? Sind Sie ein Migros- oder ein Coop-Kind? Die Fragen führen treffsicher zu einer Erkenntnis, die – oft in Abgrenzung zu anderen Ländern – einiges über den Charakter der Schweizer Bevölkerung verrät, sofern es eben einen solchen überhaupt gibt.
Konkretes Beispiel: Sind Schweizer fleissig? Aber ja doch. «In der Schweiz sind fast siebzig Prozent der Meinung, dass Arbeit eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft darstellt. Und gut die Hälfte ist der Überzeugung, dass man faul wird, wenn man nicht arbeitet.» So lautet die Antwort im Buch.
Sind Schweizerinnen anpassungsfähig? Im Unterschied zu Frankreich durchaus. Dort stimmen nämlich in einer Bevölkerungsbefragung beinahe 50% der Menschen der Aussage zu, dass sie sich in ihrem eigenen Land oft wie ein Fremder oder eine Fremde fühlen. In der Schweiz ist nur rund ein Viertel dieser Ansicht.
Die Schweizer Liebe zum Kompromiss
Und welche Kriterien muss ein echter Schweizer nach Meinung der Schweizerinnen und Schweizer erfüllen? Die Antwort im Buch lautet: «Fast überall in Europa wird die Achtung der heimischen Institutionen und Gesetze als Grundvoraussetzung dafür angesehen, sich als echtes Mitglied der Nation zu qualifizieren. In der Schweiz wie in vielen anderen Ländern wird dies von über neunzig Prozent der Bevölkerung verlangt. Ähnliches gilt für die Beherrschung der Landessprache.»
Zur berüchtigten Schweizer Liebe zum Kompromiss schreibt der Autor: «Während zwei Deutsche mit nahezu deckungsgleichen Vorstellungen immer wieder auf den winzigen Unterschieden zwischen ihnen herumreiten, entdecken zwei Schweizerinnen oder Schweizer auch dann noch viel Gemeinsames, wenn ihre Ansichten meilenweit auseinanderliegen.»
Wer definiert, was schweizerisch ist?
Nach der Lektüre wissen wir zudem, dass nur noch rund ein Zehntel der Menschen in der Schweiz wirklich eng mit seiner Nachbarschaft verbunden ist. Zwischen 60% und 70% interessieren sich für das politische Geschehen. Über 90% bezeichnen sich als glücklich und 70% sind mit ihrem Leben im Allgemeinen sehr zufrieden.
Spätestens jetzt ist auch klar, dass die Fragen, die das Buch stellt, keine Einbürgerungsfragen sein können. Denn die meisten der Umfragen, die den Texten zugrunde liegen, wurden in der Schweizer Wohnbevölkerung durchgeführt. In die Ergebnisse sind also auch die Antworten jener über 40% eingeflossen, die in der Schweiz wohnen, jedoch Ausländer:innen sind oder als Personen mit Migrationshintergrund in Statistiken einfliessen.
Das passt zum Land, denn: «Wer Toleranz einen hohen Wert beimisst, in dem oder der steckt viel Schweizerisches», schreibt der Autor.
Darin liegt zudem die kleine Revolution des Buches. Was schweizerisch ist, sagen alle, die hier leben – und nicht die Abkömmlinge der Ureinwohner.
Markus Freitag: «Wie viel Schweiz steckt in Ihnen? 52 provokante Fragen zu Ihrer Swissness.» Hier und Jetzt 2026, 176 S.
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