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Murgänge werden zerstörerischer – nicht nur wegen des Klimawandels

Elio Biadici vor seinem Haus in Piano di Peccia im Maggiatal in der Südschweiz am 3. Juli 2024. Heftige Gewitter hatten Ende Juni 2024 in der Region verheerende Murgänge und Schäden ausgelöst.
Im Maggiatal Ende Juni 2024: Heftige Gewitter führten zu verheerenden Murgängen. Keystone / Michael Buholzer

In den Bergen kann ein plötzlicher Regenguss einen Hang oder ein Tal innerhalb weniger Minuten in einen tosenden Strom aus Schlamm und Geröll verwandeln. So heftige Regengüsse werden voraussichtlich häufiger auftreten. Ein Experte gibt Auskunft.

Markus Stoffel bekleidet den neu geschaffenen Lehrstuhl für Forschung über Gebirgsgefahren an der Universität Genf. Er und andere Wissenschaftler warnen, dass der Klimawandel die Katastrophenrisiken in den Alpen rasch verschärft.

Schmelzende Gletscher, abnehmende Schneedecken und tauender Permafrost destabilisieren die Berge und lösen vermehrt Steinschläge, Murgänge und Kaskadengefahren aus, die Gemeinden und Infrastruktur bedrohen.

Markus Stoffel, Professor an der UNIGE, ist Leiter des neuen Lehrstuhls für Berggefahrenforschung an der Universität Genf.
Markus Stoffel ist Leiter des neuen Lehrstuhls für Berggefahrenforschung an der Universität Genf. UNIGE

Gleichzeitig verändern sich die Niederschlagsmuster. Die Sommer in der Schweiz werden voraussichtlich trockener, doch starke Niederschläge nehmen in allen Jahreszeiten zu. Kurze, intensive Platzregen werden häufiger und bis zu 30% stärker ausfallen, wobei der Regen in zunehmend konzentrierten Schüben niedergeht.

«Dieses Wasser kann mehr Material erodieren», sagt Stoffel gegenüber Swissinfo. «Damit besteht die Möglichkeit, Murgänge Ereignisse hervorbringen, die es historisch noch nicht gegeben hat.»

Stoffel leitet ein Forschungsteam, das besser verstehen will, wie der Klimawandel Murgänge und andere alpine Gefahren verändert – und wie sich Risiken verringern lassen. In Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Partnern zielt das Projekt darauf ab, Strategien zur Begrenzung künftiger Verluste und Schäden zu entwickeln.

Die sechs Fachleute werden untersuchen, wie Erwärmung, veränderte Niederschläge, Gletscherrückgang und das Auftauen des Permafrosts die Häufigkeit, Grössenordnung und Auswirkungen von Gefahren im Gebirge beeinflussen, darunter Murgänge, Lawinen, Steinschläge und grossräumige Hangbewegungen. Das am 1. Mai gestartete, auf fünf Jahre angelegte Projekt wird mit 1 Million Euro (CHF 920’000) vom AXA Fund for Human Progress unterstützt.

«Die Fels-Eis-Lawine in Blatten im vergangenen Jahr oder die tödlichen Murgänge im Sommer 2024 unterstreichen den dringenden Bedarf, diese Prozesse und ihre Dynamik besser zu verstehen. Zwar werden wir das Auftreten dieser Phänomene künftig nicht vermeiden können, aber wir können die daraus entstehenden Schäden durchaus mindern», sagt Stoffel.

Noch nie dagewesene Murgänge

Wie andere alpine Gefahren können Murgänge tödlich sein und extrem hohe Kosten verursachen. Im Sommer 2024 führten heftige Stürme in den Alpen zu zerstörerischen Murgängen, die die Südschweiz (Val Bavona, Valle Maggia), Norditalien (Aostatal und Piemont) sowie Teile Österreichs und Deutschlands trafen.

Die Häufigkeit und Intensität von Murgängen wird zwangsläufig zunehmen, da sich zurückziehende Gletscher und auftauender Permafrost Sedimente an Berghängen lockern. Das Volumen der Schweizer Gletscher hat seit dem Jahr 2000 um fast 40% abgenommen, und sie verlieren weiterhin jedes Jahr an Masse.

Stoffel geht davon aus, dass sich im Verlauf des 21. Jahrhunderts die untere Grenze des Permafrosts – je nach Exposition der Hänge, Bodenbeschaffenheit und Eisdicke – um 200 bis 750 Meter nach oben verschiebt. Dadurch werden neue Sedimentquellen freigelegt und die Wahrscheinlichkeit grösserer Murgänge erhöht, so der Professor.

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«Zerstörungspotenzial könnte höher sein»

Murgänge gab es auch früher, allerdings weniger häufig und meist im Sommer. Inzwischen verlängert sich die Saison.

«Wir haben bereits Ereignisse früher im Jahr gesehen – also im Mai, manchmal sogar im April – und sie reichen inzwischen bis in den Oktober hinein», sagte Stoffel.

Sie können sogar im Winter auftreten. Stoffel verweist auf den Januar 2018, als in den Schweizer Alpen starke Schneefälle auftraten, gefolgt von warmen Temperaturen sowie weiteren kräftigen Regen- und Schneefällen.

«Wir hatten grosse Lawinen in verschiedenen Teilen der Alpen, und dann plötzlich Murgänge mitten im Winter. Etwas, das wir zuvor nicht erlebt hatten. Das war vielleicht ein Vorgeschmack auf das, was uns gegen Ende des Jahrhunderts erwarten könnte», sagte er.

Zwar sind Gefahrenzonen in der Schweiz gut kartiert, und die von Murgängen sowie Sturzfluten betroffenen Regionen sind im Allgemeinen bekannt, doch grössere Niederschlagsmengen bedeuten, dass Murgänge weiter und mit grösserer Wucht fliessen können.

«Bei grösseren Niederschlagsmengen könnten die Energien der Murgänge und das Zerstörungspotenzial höher sein», sagt Stoffel.

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Klimawandel – nur ein Teil der Geschichte

Ein wichtiger Vorbehalt ist jedoch, dass Sediment nicht unbegrenzt vorhanden ist. Ein massiver Murgang kann ein Einzugsgebiet vollständig bis auf den festen Untergrund ausräumen, so Stoffel. Ist dies der Fall, braucht das System Zeit, um sich durch Steinschläge aus höheren Berglagen wieder aufzufüllen, bevor ein weiterer Murgang entstehen kann. Das bedeutet, dass manche Gebiete vorübergehend sicherer werden könnten, selbst wenn heftige Stürme anhalten.

«Das macht es sehr schwierig, allgemeine Aussagen darüber zu treffen, was passieren und sich verändern wird», sagt der Professor. Er betont zudem, dass der Klimawandel nur ein Teil der Erklärung für Gebirgsgefahren ist.

«Wir schätzen den Einfluss des Klimawandels auf ein Drittel bis 50%. Die anderen zwei Drittel beziehungsweise 50% des Risikos sind im Laufe der Zeit vor allem durch mehr Infrastruktur entstanden… es ist auch das Ergebnis menschlicher Entscheidungen, vor allem solcher aus der Vergangenheit», sagt er.

Dies zeigt sich in der Transformation der Alpen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als sich Bergsiedlungen ausdehnten und die Gebiete dichter besiedelt wurden. Vor 1950 waren Dörfer weitgehend isoliert, doch der Nachkriegsboom brachte Strassen, Busnetze und Skilifte, die die Siedlungsstrukturen veränderten. Bevölkerungswachstum – über 30% zwischen 1950 und 1970 – sowie ein Boom im Tourismus und bei Zweitwohnungen trieben die Expansion in gut erschlossenen Alpenregionen voran.

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Teil eines breiteren wissenschaftlichen Netzwerks

Stoffels Genfer Team wird Teil eines starken Netzwerks von Wissenschaftlern, die sich in der Schweiz mit Gebirgsgefahren beschäftigen, darunter die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), die technischen Hochschulen ETH Zürich und EPFL sowie die Universitäten Lausanne, Zürich und Freiburg.

Sein Team werde jedoch einen etwas anderen Ansatz verfolgen. Während Einrichtungen wie die ETH Zürich und die WSL tiefgehende, technologisch aufwendige Fallstudien an spezifischen Standorten durchführen (etwa im Murgang-Einzugsgebiet Illgraben im Kanton Wallis), konzentriert sich Stoffels Arbeitsgruppe auf das grosse Ganze.

Ziel ist es, umfangreiche Archivdatenbanken aufzubauen, um regionale Tendenzen, Kipppunkte und überalpine Trends zu analysieren und zu prüfen, ob Veränderungen in einer Region – etwa den Schweizer Alpen – Entwicklungen widerspiegeln, die andernorts Jahrzehnte zuvor stattgefunden haben, beispielsweise in den südfranzösischen Alpen.

Aufbauend auf zwei Jahrzehnten Forschung werden die Wissenschaftler zudem Feldbeobachtungen, Fernerkundung und Prozessmodellierung kombinieren, um besser zu verstehen, wann und wo Hänge versagen, wie weit zerstörerische Rutsche reichen können und welche Folgen dies für exponierte Gemeinden und kritische Infrastrukturen hat.

Vor dem Hintergrund wachsender Risiken und Unsicherheiten betont Stoffel die Notwendigkeit von Flexibilität: Während einige Gebirgsregionen häufiger Gefahren ausgesetzt sein werden, könnten sich andere stabilisieren.

«Wir könnten Krisen erleben und Situationen, die sich verschlechtern, aber andernorts könnte sich die Lage verbessern – oder über Jahrzehnte hinweg weitgehend unverändert bleiben», sagt er.

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Edited by Gabe Bullard/Veronica De Vore; Übertragung aus dem Englischen: Balz Rigendinger.

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