Überlingen: Österreichischer Experte untersucht
Die Schuldfrage zum Flugzeug-Unglück von Überlingen soll mit einem Gutachten eines Luftverkehrsexperten aus Österreich geklärt werden.
Dabei ist die Frage zu klären, ob das Verhalten der Skyguide-Mitarbeiter in der Unglücksnacht im Juli 2002 rechtmässig war oder nicht.
Die beiden Staatsanwaltschaften von Konstanz und Winterthur haben beschlossen, die Frage der Schuld am Zusammenstoss einer Tupolew-Passagiermaschine und eines Frachtflugzeugs bei Überlingen am Bodensee (Deutschland) durch einen österreichischen Experten klären zu lassen.
An jenem 1. Juli 2002 kamen 71 Menschen ums Leben. Aus 11’000 Metern Höhe regnete es um Mitternacht Trümmer im Umkreis von 30 Kilometern. 47 Kinder und 24 Erwachsene starben.
Die deutsche Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) macht hauptsächlich die Schweizer Flugsicherung Skyguide sowie die Piloten der baschkirischen Tupolew für den Clash verantwortlich (Zusammenstoss-Warnsystem im Flugzeug). Skyguide war auch für den grenznahen Luftraum über Deutschland verantwortlich.
BFU ohne eindeutige Antwort
So schreibt die BFU in ihrem Untersuchungsbericht vom Mai 2004 unter anderem: «Die Führung und das Qualitätsmanagement des Flugsicherungsunternehmens duldete seit Jahren, dass zu verkehrsarmen Zeiten in der Nacht nur ein Lotse arbeitete, während sich der ebenfalls zur Schicht gehörende zweite Lotse zur Ruhe begab.»
Eine eindeutige Anwort zur Schuldfrage lieferte sie allerdings in dem im letzten Sommer vorgelegten Abschlussbericht nicht.
Gegen Skyguide-Mitarbeitende wird noch immer ermittelt. Mit Hilfe des neuen Gutachtens des österreichischen Experten soll die Frage geklärt werden, ob das Verhalten der Skyguide-Mitarbeiter in der Unglücksnacht rechtmässig war oder nicht.
Der Konstanzer Oberstaatsanwalt Jens Gruhl bestätigte einen entsprechenden Bericht der «Stuttgarter Nachrichten» vom Donnerstag.
Ermittlung seit zwei Jahren
Die Ermittlungen in der Schweiz und in Deutschland gegen sieben Mitarbeiter der Skyguide laufen seit knapp zwei Jahren. Das Verfahren läuft wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Luftverkehrsgefährdung.
Die Hinterbliebenen sind in der Zwischenzeit entschädigt worden. Am Jahrestag hatten Skyguide, Deutschland und die Schweiz einen Fonds präsentiert, der 50 Mio. Dollar umfassen soll.
Die Anwälte der Hinterbliebenen forderten jedoch 1,5 Mio. Dollar pro Opfer. Die Höhe der schliesslich ausbezahlten Summe blieb unbekannt.
Bald ein Jahr seit Tötung des Fluglotsen
Am 24. Februar 2004 erstach ein Mann den 36-jährigen dänischen Skyguide-Fluglotsen, der am 1. Juli 2002 als einziger am Radarschirm sass, an dessen Wohnort in Kloten mit einem Messer.
Nun stehen die Untersuchungen vor dem Abschluss. Der 49-jährige mutmassliche Täter befindet sich nach wie vor in der Sicherheitsabteilung der psychiatrischen Klinik Rheinau ZH.
Mehr als ein Teilgeständnis hat der Inhaftierte bisher nicht abgelegt. Ob die Anklage des Staatsanwalts auf Totschlag, vorsätzliche Tötung oder Mord lautet, ist noch offen.
swissinfo und Agenturen
Das Flugzeugunglück bei Überlingen ereignete sich kurz vor Mitternacht am 1. Juli 2002.
71 Personen verloren beim Zusammenstoss einer Tupolew TU-174 und einer Fracht-Boeing 757 das Leben.
Verantwortlich gemacht wurde die Schweizer Flugsicherung Skyguide, die zu spät reagierte.
Im entscheidenden Moment befand sich nur ein Lotse vor dem Radar, während der andere Pause machte.
Auch den beiden russischen Piloten der Tupolew wird Verantwortung angelastet.
Die Hinterbliebenen wurden entschädigt, wobei die Höhe der Summe nicht bekannt ist.
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