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Die Schweizer Botschaft in London beherbergt die weltweit grösste Banksy-Sammlung

Banksy
Werke von Banksy befinden sich im Parkhaus der Schweizer Botschaft in London. RTS

Seit 25 Jahren schmücken rund fünfzehn Werke von Banksy ganz diskret die Wände des Parkhauses der Schweizer Botschaft in London. Die aussergewöhnliche Sammlung ist die wohl umfangreichste weltweit – und das Ergebnis einer unglaublichen Initiative.

In London, in den eleganten Salons der Residenz des Schweizer Botschafters am Hof von St. James, wird alles unternommen, um die Eidgenossenschaft im besten Licht zu präsentieren.

Funkelnde Kronleuchter, ein monumentaler Wandteppich von Le Corbusier und Werke von Max Bill empfangen die Parlamentarier:innen und Delegationen, die Botschafter Dominique Paravicini in seinen verschiedenen Salons begrüsst.

Ein Schatz, vor Blicken geschützt

Doch ein anderer Schatz vermag die handverlesenen Gäste zu überraschen. Unter der Residenz ist die Garage der Botschaft mit Street-Art-Fresken in leuchtenden Farben geschmückt.

Rund fünfzig Werke bedecken dort Wände und Säulen. Sechzehn davon sind von Banksy signiert, der emblematischen und mysteriösen Figur der urbanen Kunst, deren Kreationen heute für mehrere Millionen gehandelt werden. Kurz gesagt: Die Sammlung im Parkhaus der Botschaft ist die umfangreichste der Welt.

Als er sein Amt antrat, traute Dominique Paravicini seinen Augen nicht. «Ich war überrascht von diesen Farben in dieser Garage», sagt er gegenüber dem westschweizer Fernsehen RTS.

«Aber es ist ein unglaublicher Gewinn für unsere Botschaftsarbeit. Es ist etwas, das wir schützen müssen. Und es ist auch ein Symbol der Zusammenarbeit zwischen britischen und Schweizer Kunstschaffenden.»

Eine sehr grosse Diskretion

«Und ist es eine zusätzliche Motivation für unsere Mitarbeitenden, zur Arbeit zu kommen», sagt der Glarner. Angestellte, die jeden Tag vor Kunstwerken eines der bekanntesten und renommiertesten Künstler der Welt parkieren.

Dennoch hat die Schweizer Botschaft diesen Schatz fast 25 Jahre lang mit grösster Diskretion gehütet. Eine Zurückhaltung, die der Botschafter bewusst pflegt.

«Man muss ein Gleichgewicht zwischen Arbeitsplatz und Ausstellungsraum finden. Diese Garage kann niemals öffentlich zugänglich sein, also müssen wir die richtige Balance finden. Sie nennen es Diskretion, wir sprechen von Schweizer Eleganz.»

Sein Lieblingswerk? Eine Inschrift von Banksy, «This is not a photo opportunity», gemalt… unter einer Überwachungskamera der Garage. «Ich liebe diese Ironie», verrät der Botschafter.

Banksy
«This is not a photo opportunity» – Banksy, im Parkhaus der Schweizer Botschaft in London. RTS

Die Kunstwelt ist verblüfft

Laut Isobel Muir, Kuratorin im Tate-Museum, die diese Werke inventarisiert hat, wurde eine solche Sammlung noch nie zuvor an einem anderen Ort gesehen.

«Wir haben noch nie so viele Werke bedeutender Kunstschaffender an einem einzigen Ort versammelt gesehen. Hier entdeckt man die Entstehung von Ideen, die weltberühmt geworden sind.»

Einige Fresken markieren sogar die Anfänge visueller Codes, die heute untrennbar mit Banksy verbunden sind, wie die Verwendung der Schriftart Courier New oder der Schablone.

Der Wert dieses Ensembles übersteige jede Schätzung, sagt Muir. «Nur wenige Regierungen würden heute ein solches Projekt wagen. Man könnte sie niemals nachstellen. Sie sind buchstäblich unschätzbar.»

Und praktisch gesehen könnten sie ohnehin nicht verkauft werden. «Sie sind intrinsisch mit dem Ort verbunden. Sobald man sie aus diesem Kontext herausnimmt, ändert sich ihr Wert vollständig, denn sie wurden für diesen Raum konzipiert und sie richten sich an diesen Raum. Ein grosser Teil der Bedeutung der Kunstwerke rührt daher, dass Sie sich hier befinden, in der Schweizer Botschaft», sagt die Kuratorin.

Ein Spiel zwischen den Werken und ihrer Umgebung, das besonders auffällig ist im grossen Fresko von Banksy, das 21 Warhol-artige Porträts von Lenin als Punk zeigt.

Das Werk mit dem Titel «Vulture Capitalists», ein Wortspiel im Englischen zwischen «venture capitalists» (Investoren in riskante Unternehmen) und «vulture» (Geier), liest sich für Muir wie eine Reflexion der Künstler über den Ort.

«Diese jungen Rebellen wollten die Tatsache kommentieren, dass die einzige Möglichkeit für sie, frei zu schaffen, durch die Genehmigung einer Regierung bestand.»

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«Vulture Capitalists» von Banksy im Parkhaus der Schweizer Botschaft in London. RTS

«Die beste Sammlung der Welt»

Dave Stuart ist spezialisierter Guide für Shoreditch Street Art Tours. Er führt Tourist:innen und Liebhaber:innen durch ganz London auf der Suche nach Street-Art-Werken. Er konnte auch die Sammlung der Schweizer Botschaft sehen. Für ihn «die beste der Welt».

Denn Banksys Werke sind selten – teilweise wegen ihres immensen Werts. Einige werden sofort gestohlen. Andere werden von den Behörden zerstört oder von anderen getaggt. «Aber oft bedecken die Eigentümer sie, sobald die Urheberschaft bestätigt ist, um ihre Investition zu schützen», sagt der Reiseführer.

Ein immenser Unterschied in der Wertschätzung im Vergleich zu Anfang der 2000er-Jahre, als die Garage der Botschaft bemalt wurde. Damals habe Street Art noch nicht ihren Adelstitel erlangt, erinnert Stuart.

«Alles wurde als Vandalismus betrachtet. Man nannte es Graffiti, und es war eine Straftat. Heute ist es ein Sammlerobjekt. Es wird gehandelt, es hat einen Wert. Die Dinge haben sich erheblich entwickelt. Und der Künstler, der unter dem Namen Banksy bekannt ist, hat dazu einen grossen Beitrag geleistet.»

Ein Abend im Jahr 2001

Aber wie sind diese Werke dorthin gelangt? Ein Hinweis ist auf eine Säule des Parkhauses gesprayt: «W.A.B.» Eine Hommage an Wolfgang Amadeus Brülhart, damals Kulturattaché der Botschaft. Der Diplomat und Kunstliebhaber ist der Initiator des Projekts.

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Eine Hommage an Wolfgang Amadeus Brülhart (WAB) ist auf eine der Säulen des Parkhauses gesprüht. RTS

Im Jahr 2000 überzeugt er die Botschaft, die Garage während sieben Nächten für Graffitikünstler zu öffnen, gefolgt von einer öffentlichen Veranstaltung Ende Januar 2001, für ein einzigartiges künstlerisches Experiment. «Es gab viele Diskussionen, viele waren dagegen», erinnert er sich. «Aber der damalige Botschafter traf einen mutigen Entscheid.»

Die Regeln waren strikt: Die Künstler:innen würden nachts arbeiten, keine illegalen Aktivitäten würden toleriert werden und Wolfgang Amadeus Brülhart würde die ganze Zeit über anwesend sein. «Es waren sechs oder sieben Sprayer, inkognito. Ich weiss nicht, welcher Banksy war.»

«Als würde man eine Ex wiedersehen»

CHU erinnert sich ebenfalls mit Emotion an diese Woche. Er war einer des halben Dutzends Graffitikünstler:innen. Es war eines der ersten Male, dass er sein Handwerk ausüben konnte, ohne Gefahr zu laufen, vertrieben zu werden.

«Man hatte Zeit, sich mit den Dingen zu auseinanderzusetzen. Man hatte die Gelegenheit, Fortschritte zu machen, seine Konzepte und Techniken zu vertiefen. Und es war definitiv der sicherste Ort in London.»

«Damals gab es nur wenige Gelegenheiten», erinnert sich der Fünfzigjährige, der aus den Vororten von Birmingham stammt. «Die Schweizer Botschaft ist ein erhebliches Risiko eingegangen, indem sie sich mit Graffiti-Werken assoziiert hat. Sie hat uns eine Chance gegeben. Es ist immer ein Wagnis. Man wusste nicht, was man schaffen würde. Nun, es gibt keine Obszönitäten. Also, doch, ich glaube, es gibt eine, aber naja», sagt CHU und lacht.

Und in einer Botschaft zu malen, bot auch eine seltene Garantie: jene, seine Werke 25 Jahre später intakt wiederzufinden. «Es ist so lange geheim geblieben… Sie wiederzusehen ist so emotional. So emotional. Es ist, als würde man eine Ex-Freundin wiedersehen.»

Kunstwerk von den Künstlern Snug, CHU und Banksy in einer Tiefgarage
William Tell, von den Künstlern Snug, CHU und Banksy im Parkhaus der Schweizer Botschaft in London. RTS

Übertragung aus dem Französischen mit Hilfe der KI Claude: Claire Micallef

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