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Die Schweiz, das Land der vier Ozeane

Ein Bergsee in den Alpen
Der auf 2343 Meter über Meer gelegene Tomasee, auf Rätoromanisch Lai da Tuma, am Oberalppass im Kanton Graubünden gilt offiziell als die Quelle des Rheins, der schliesslich in die Nordsee fliesst. Alessandro Della Bella / Keystone

Die Schweiz ist ein Binnenland, ohne direkten Zugang zum Meer. Und doch ist sie mit gleich vier Meeren verbunden. Was zunächst paradox klingt, ist eine geografische Besonderheit in Europa: Regen und Schmelzwasser aus den Schweizer Alpen fliessen nämlich in vier verschiedene Meere ab.

Ein Regentropfen, der in den Schweizer Alpen fällt, kann irgendwann später mit Millionen anderen in ganz unterschiedlichen Orten ins Meer fliessen: in die Nordsee, ins Mittelmeer, ins Schwarze Meer oder in die Adria.

Möglich macht das die besondere Lage der Schweiz im Herzen Europas. Die Alpen bilden hier eine der wichtigsten Wasserscheiden des Kontinents.

Von ihren Pässen und Gipfeln aus entscheidet sich, welchen Weg das Wasser nimmt – oft über Tausende von Kilometern weit in eines dieser vier Meere.

Das «Wasserschloss Europas»

Seit dem 19. Jahrhundert wird die Schweiz als «Wasserschloss Europas» bezeichnet. Zwar speichert sie nur einen kleinen Teil des europäischen Süsswassers, doch viele grosse Flüsse haben in der Schweiz ihren Ursprung oder erhalten eine entscheidende Wassermenge aus dem Land. Die vier wichtigsten sind der Rhein, die Rhone, der Ticino und der Inn.

Karte der Schweiz mit ihren vier Abflussrichtungen
Kai Reusser / SWI swissinfo.ch

Etwa 65 Prozent der Landesfläche entwässert sich laut Angaben der Akademie der WissenschaftenExterner Link (SCNAT) über Aare, Reuss und Rhein durch Deutschland, Nordfrankreich und die Niederlande in Richtung Nordsee.

Rund ein Viertel des Abflusses aus der Schweiz folgt über die Rhone und den Genfersee dem Weg durch Südfrankreich ins westliche Mittelmeer.

Der südliche Teil des Schweizer Wassers gelangt über den Ticino und den Po durch Italien in die Adria, während der Inn aus dem Engadin über die Donau ins Schwarze Meer abfliesst, durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Moldau, und die Ukraine.

Menschen laufen auf einem Sandstreifen mit Wald entlang eines Flussdeltas
Im ukrainischen Oblast (Bezirk) Odessa mündet die Donau, und damit auch Wasser aus dem Inn, ins Schwarze Meer. Keystone / Laif / Jörg Modrow

Eine zentrale Rolle nimmt das Gotthardmassiv ein, dem die meisten dieser Flüsse entspringen. Deshalb gilt die Schweiz hydrografisch gesehen – was verschiedene Parameter des Wassers betrifft – als europäischer Knotenpunkt.

Eine geografische Besonderheit liegt am Pass Lunghin im Kanton GraubündenExterner Link: Hier treffen die Einzugsgebiete von Nordsee, Adria und Schwarzem Meer aufeinander.

Solche so genannten Dreifach-Wasserscheiden oder Tripelpunkte, wo das Wasser in drei Richtungen abfliessen kann, sind weltweit selten.

In Nordamerika ist der Triple Divide Peak in Montana bekannt, in Australien gibt es ähnliche Punkte im Landesinneren. Doch anders als dort handelt es sich in der Schweiz nicht um weit abgelegene Orte, sondern um ein dicht besiedeltes, wirtschaftlich stark vernetztes Gebiet mitten im Herzen Europas.

Wasserreserven von kontinentaler Bedeutung

Mit einer durchschnittlichen jährlichen Niederschlagmenge von rund 1500 Millimetern und zahlreichen natürlichen Speichern – die grössten sind der Genfer- und der Bodensee – kommt die Schweiz zu überdurchschnittlichen Wasserressourcen.

Weil sich Wolken in den Alpen stauen, regnet es hierzulande mehr als in vielen anderen Ländern. Laut MeteoschweizExterner Link entspricht die jährliche Niederschlagmenge, die über der ganzen Schweiz niedergeht, ungefähr dem Fassungsvermögen des Bodensees.

Neben der Trinkwasserversorgung und der Landwirtschaft spielen diese Wasserressourcen in der Schweiz eine bedeutende Rolle für die Energieproduktion.

So werden je nach der jährlichen Regenmenge zwischen 55 und 60% des inländischen Stroms aus Wasserkraft produziert.

Damit zählt die Schweiz zu den führenden Wasserkraftländern Europas. Die Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke im Alpenraum mit ihren Stauseen liefern dabei nicht nur Strom für den Eigenbedarf, sondern tragen auch zur Netzstabilität in den Nachbarländern bei.

Ein Gletscher in den Bergen, im Vordergrund geschützt mit weissen Tüchern, der in einen See mündet
Der Rhonegletscher am Furkapass in den Walliser Alpen, der in den letzten Jahrzehnten einen massiven Gletscherschwund zu verzeichnen hatte und dessen Wasser ins Mittelmeer fliesst, wird zum Teil mit weissen Spezialtüchern vor zu raschem Abschmelzen geschützt. Urs Flüeler / Keystone

Gletscherschwund und belastetes Grundwasser

Das «Wasserschloss Schweiz» ist allerdings auch auf Eis gebaut: Seit Jahrzehnten schwinden die Wasserressourcen der Schweiz durch den zunehmenden Rückgang grosser Gletscher in den Alpen.

Damit verschieben sich Quellgebiete, die Wasserabflüsse werden unregelmässiger, und neue Speicher- und Schutzstrategien werden nötig, weil schmelzende Gletscher auch die Naturgefahren erheblich erhöhen können.

So brach am 28. Mai 2025 der Birchgletscher oberhalb des Walliser Dorfs Blatten ab und begrub fast das ganze Dorf unter sich. Blatten soll nun wieder aufgebaut werden, mit einem strengen, risikobasierten Sicherheitskonzept.

Aufgrund der klimatischen Veränderungen kämpft die Schweiz in letzter Zeit auch mit mehr Trockenheit. Ein neues nationales Überwachungs- und Warnsystem soll nun die Wasserversorgung für die Zukunft sichern.

Gletscherschwund und zunehmende Trockenheit sorgen zudem für einen Mangel an Grundwasser, das im Mittelland oft durch Pestizidrückstände und Nitratbelastung verunreinigt wird.

Fachleute sagen allerdings, dass das Grundwasser in der Schweiz die Bevölkerung noch über viele Jahrzehnte sehr stabil versorgen könne.

Ein verseuchter Fluss, viele tote Fische treiben darin
Am 1. November 1986 brach in einer Fabrikationshalle der Basler Chemiefirma Sandoz in Schweizerhalle, Kanton Basel-Landschaft, kurz nach Mitternacht ein Grossbrand aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Durch das giftige Löschwasser, das in den Rhein gelangte, verendeten Hunderttausende Fische im Fluss. Keystone / Gardin

Verantwortung flussabwärts

Als Wasserspeicher trägt die Schweiz aber auch eine grosse Verantwortung gegenüber den Ländern im Unterlauf ihrer zahlreichen Flüsse. Die Gewässer verbinden die Schweiz wie bereits erwähnt mit über einem Dutzend Nachbar- und Anrainerstaaten.

Sowohl die Menge wie auch die Qualität des Wassers, das aus der Schweiz abfliesst, wirken sich auf Millionen von Menschen und Flusstieren ausserhalb der Landesgrenzen aus.

Das zeigte sich etwa beim Chemieunfall von Schweizerhalle 1986Externer Link, als bei der Firma Sandoz eine Lagerhalle mit Chemikalien abgebrannt war und der Rhein vergiftet wurde. Die Bilder der toten Fische gingen damals um die Welt.

Oder beim Streit um die Abflussmenge des Lago Maggiore (Langensee), dessen Pegelstand am Ende des Sees in Italien geregelt wird. Starke Regenfälle können diesen See innert kurzer Zeit stark ansteigen lassen.

Inseln in einem See, beleuchtet mit farbigen Lichtern
Die im italienischen Teil des Lago Maggiore gelegenen Borromäischen Inseln während den Weihnachtsfeierlichkeiten «Isole di luce – Der Lichterkreis». Keystone

Daraus ergeben sich grenzüberschreitende Verpflichtungen: beim Hochwasserschutz, beim Erhalt von Ökosystemen und bei der Wasserbewirtschaftung in Zeiten zunehmender Trockenheit.

Deshalb engagiert sich die Schweiz in internationalen Organisationen wie der Internationalen Kommission zum Schutz des RheinsExterner Link oder dem WeltwasserratExterner Link aktiv für gemeinsame Standards und Frühwarnsysteme. Die Schweiz berührt zwar keine Ozeane – sie ist ihnen aber näher, als man denkt.

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