The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Digitalisierung soll historische Kleinseilbahnen in die Zukunft retten

Eine Frau sitzt in einer kleinen Seilbahnkabine
An Bord der Seilbahn Dallenwil - Wiesenberg. RTS / Valentin Jordil

In den Kantonen Uri, Nidwalden und Obwalden gehören historische Kleinseilbahnen sowohl zum Landschaftsbild als auch zum Alltag. Doch ihre Zukunft ist alles andere als gesichert. Fast jede zweite Bahn kämpft heute mit finanziellen Schwierigkeiten. Zwei Seilbahnen, zwei Geschichten... und zwei Strategien für eine langfristige Zukunft.

Für die Bewohnerinnen und Bewohner von Wiesenberg im Kanton Nidwalden, einem kleinen Weiler hoch über dem Dallenwiler Tal, ist die Seilbahn mit zwei Kabinen à vier Sitzplätzen keine touristische Attraktion. Sie ist ein unverzichtbares Verkehrsmittel.

«Sie transportiert die Post, die Schulkinder, ältere Menschen ohne Auto… Im Winter, wenn die Strasse schwierig oder verschneit ist, wird die Seilbahn noch unentbehrlicher», sagt Janine Giesler, Mitglied des Verwaltungsrats der Seilbahn-Genossenschaft Dallenwil–WiesenbergExterner Link, gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS.

Kabinen im Selbstbedienungsbetrieb

Die Einwohnerinnen und Einwohner können die Seilbahn bereits seit zwei Jahren im Selbstbedienungsbetrieb nutzen. Mithilfe einer App können sie die Kabine direkt per Smartphone rufen.

«Wir können die Linie nun rund um die Uhr betreiben, wenn die Bedingungen es zulassen, und gleichzeitig die Personalkosten senken», freut sich Adrian Niederberger, Präsident der Seilbahn-Genossenschaft Dallenwil–Wiesenberg.

Er hat die Bevölkerung schrittweise in diesen digitalen Wandel begleitet. «Am Anfang musste man die Leute noch stark begleiten. Heute nutzen sie das System ganz selbstverständlich», sagt der Präsident.

Heute werden rund 80% der Fahrten von den Nutzerinnen und Nutzern selbständig durchgeführt. Es wurden elektronische Zahlungen eingeführt, wobei die Möglichkeit der Barzahlung erhalten bleibt.

Die Anlage wird nun fernüberwacht. Bei Bedarf steht eine Video- und Audiohilfe zur Verfügung. Durch das automatische Verriegeln der Türen bringt die Digitalisierung auch einen Sicherheitsgewinn.

Eine notwendige, aber kostspielige Investition

Diese Modernisierung kostete 1,2 Millionen Franken. «Diese Kosten haben nichts mehr mit denen von vor dreissig oder vierzig Jahren zu tun. Ohne die Unterstützung des Kantons und ohne die zahlreichen privaten Spenden wäre es nahezu unmöglich gewesen, diese Arbeiten zu finanzieren», sagt Niederberger.

Seit der Eingliederung in das kantonale öffentliche Verkehrsnetz profitiert die Linie von finanzieller Unterstützung, die es ihr ermöglicht, ihre Aufgabe der lokalen Erschliessung zu erfüllen.

Trotzdem bleibt das wirtschaftliche Gleichgewicht prekär: «Unsere grösste Herausforderung besteht darin, die Betriebskosten zu optimieren und gleichzeitig das Serviceniveau aufrechtzuerhalten», sagt Giesler. «Unsere Aktivität hängt stark vom Wetter ab, einem Faktor, auf den wir natürlich keinerlei Einfluss haben.»

Schauen Sie dazu den Beitrag von SRF: Schweizer Kleinseilbahnen in GeldnotExterner Link

Auch nach der Modernisierung stützt sich die Infrastruktur noch auf einige Elemente aus den 1930er-Jahren. «Unser Ziel ist es, der Seilbahn nun noch zwanzig oder dreissig weitere Betriebsjahre zu ermöglichen», fasst ihr Präsident zusammen.

Eine Seilbahn als Opfer ihres eigenen Erfolgs

In Emmetten, ebenfalls im Kanton Nidwalden, rund dreissig Kilometer weiter, sieht die Realität ganz anders aus. Die Seilbahn NiederbauenExterner Link transportiert jedes Jahr mehr als 90’000 Personen.

Hier ist die Kundschaft hauptsächlich touristisch geprägt. In nur sechs Minuten erreicht man den Gipfel des Niederbauen, der einen wunderschönen Panoramablick auf den Vierwaldstättersee bietet.

Die Geschichte dieser Anlage ist ebenfalls alt. Die erste Seilbahn, die 1913 gebaut wurde, diente hauptsächlich dem Transport von landwirtschaftlichem Material.

Nach der Elektrifizierung im Jahr 1934 wandte sich die Linie schrittweise dem Tourismus zu, bevor sie 1974 in ihrer heutigen Konfiguration vollständig neu gebaut wurde. Ihre letzte grosse technische Modernisierung fand 2013 statt.

Die Kabine einer kleinen Seilbahn, weit unten ist ein See zu sehen
Die Seilbahn am Niederbauen, im Hintergrund der Vierwaldstättersee. RTS / Valentin Jordil

Die Kabine wie ein Zugticket reservieren

Am Niederbauen besteht die Herausforderung nicht darin, Fahrgäste anzulocken, sondern die grosse Anzahl zu bewältigen. An den meistfrequentierten Sommertagen konnten die Wartezeiten mit nur zwei Kabinen mit je acht Plätzen mehr als zwei Stunden betragen.

Das Unternehmen hat daher ein Reservierungssystem mit Zeitfenstern eingeführt. Die Besuchenden wählen nun im Voraus ihre Bergfahrt- und Talfahrtzeit. Dadurch verbessern sich auch die Anschlüsse an Busse und Schiffe, welche die Region des Vierwaldstättersees bedienen.

Solidarität unter Kleinseilbahnen

Der touristische Erfolg der Seilbahn am Niederbauen kommt auch den bescheideneren Anlagen indirekt zugute. In den Kantonen Nidwalden, Uri und Obwalden sind mehrere Kleinseilbahnen in Verbänden zusammengeschlossenExterner Link, darunter die «Freunde der Kleinseilbahnen»Externer Link.

Das Prinzip ist einfach: Die am stärksten frequentierten Anlagen tragen zur Sichtbarkeit und zum Erhalt weiterer, sehr unbekannter Linien bei. Diese werden hauptsächlich von einigen Bergbauernfamilien oder landwirtschaftlichen Betrieben genutzt. Diese Solidarität ergänzt die finanziellen Unterstützungen der Kantone und des Bundes.

Die Schweiz verfügt über rund 1500 Seilbahnanlagen, darunter mehrere Hundert sehr kleine Seilbahnen, die hauptsächlich für den lokalen oder landwirtschaftlichen Transport bestimmt sind.

Einige davon sind für die Öffentlichkeit zugänglich, besonders in der Zentralschweiz. Viele von ihnen stellen ein technisch einzigartiges Erbe in Europa dar.

Eine Attraktion für sich

«Jede Seilbahn ist eine Attraktion für sich. Es gibt eher rudimentäre Bahnen, die wirklich nur zu einem Bauernhof führen. Aus technischer Sicht sind einige von ihnen jedoch sehr interessant, da sie noch genauso funktionieren wie vor 50 Jahren, manchmal sogar mit Wasserballast», sagt Christian Spinnler, Direktor der Seilbahn Niederbauen.

Doch ihre Betreibenden müssen immer strengeren regulatorischen Anforderungen im Bereich Sicherheit gerecht werden. Die notwendigen Investitionen zur Modernisierung der Steuerungssysteme oder zur Erfüllung der Vorschriften des Bundesamts für Verkehr belasten diese kleinen Strukturen erheblich.

Die Herausforderungen gehen inzwischen über die reine Finanzfrage hinaus. Der Klimawandel verändert schrittweise die Nutzung der Berggebiete. Dadurch werden diese Anlagen immer nützlicher, da sie Strassen ersetzen können, die zunehmend von Erdrutschen betroffen sind.

In Wiesenberg reduzieren die schneearmen Winter die Winteraktivitäten, während der Sommertourismus an Bedeutung gewinnt. Am Niederbauen musste das Team aufgrund der Trockenheit in diesem Sommer rund 8000 Liter Trinkwasser per Seilbahn transportieren, um das Restaurant und die Infrastrukturen auf dem Gipfel zu versorgen.

Projekte auf Eis gelegt

Trotz dieser Entwicklungen sind der Weiterbetrieb der bestehenden Anlagen und der Bau neuer Verbindungen zwischen Tal und Berg alles andere als garantiert: So hat der Bund gerade erst sechs der sieben vom Kanton Wallis geplanten Tal-Berg-Verbindungsprojekte abgelehnt, da sie hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhältnisses und ihres Beitrags zum regionalen Personenverkehr als unzureichend erachtet wurden.

Im Val de Bagnes war es jedoch eine neue Seilbahn, die den Einwohnerinnen und Einwohnern von Sarreyer half, die seit einem durch Murgänge verursachten Unterbruch der Hauptzufahrtsstrasse zum Dorf teilweise isoliert waren.

Vor der Einweihung der Anlage im letzten Winter musste eine aufwendige Umleitung über eine dem Wetter ausgesetzte Forststrasse eingerichtet werden.

Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft