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ABB im freien Fall

Droht gar der Konkurs? Keystone Archive

Der Kurs der ABB-Aktie ist am Dienstag ins Bodenlose gestürzt. Nach der Warnung vor niedrigeren Erträgen und höheren Asbest-Risiken vom Montag sind die Titel panikartig auf den Markt geworfen worden.

Das Vertrauen sei verspielt, meinen Analysten.

Bereits bei Handelsbeginn sackte der Kurs um 44% auf 3.00 Franken. Bis Handelsschluss stürzte der Titel des Energie- und Automationskonzerns um 62% ab: Um 17.30 Uhr kostete eine Aktie noch 2.05 Franken.

Analysten: Konkurs möglich

Das Unternehmen sei voll von Fragezeichen, hiess es bei Analysten. VR-Präsident und Konzernchef Dormann habe das in ihn gesetzte Vertrauen bereits wieder verspielt, meinte die Basler Privatbank Sarasin. Bei der Bank Pictet hiess es: ABB ist zu einem Honigtopf für Anwälte geworden.

Sogar die Möglichkeit eines Konkurses ist zum Thema geworden: «Ein Bankrott ist nicht ausgeschlossen», sagte Vontobel-Analyst Andres Gujan auf Anfrage.

Dabei sei nicht die Liquidität das Problem – wie es etwa bei der Swissair der Fall war -, sondern die schmale Eigenkapitalbasis. Momentan liege diese bei 7%, aber sie sollte «deutlich zweistellig sein», sagte Gujan weiter. Gänzlich hoffnungslos sei die Lage aber nicht.

Schande für einstiges Flagschiff

Es sei eine Schande, wenn man bedenke, wie rasch und tief die ehemalige BBC, das einstige Flagschiff der Schweizer Industrie, getaucht sei, sagte ein Händler.

Als Folge der Ankündigungen vom Montagabend hat Moody’s am Dienstag ihr Rating für vorrangige Verbindlichkeiten von «Baa2» auf «Baa3» gesenkt und will weitere Herabstufungen prüfen. Auch zahlreiche Banken haben inzwischen ihre Empfehlungen auf «verkaufen» zurück gestuft.

Verschärfung der Asbest-Problematik

Mehr noch als über die Revision der kurz- und mittelfristigen Gewinnerwartungen hat die Finanzgemeinde sich beunruhigt gezeigt über die zunehmenden Unsicherheiten im Zusammenhang mit den Asbest-Klagen in den USA.

Die erwarteten Kosten für Asbest-Klagen in den USA gegen die Tochtergesellschaft Combustion Engineering (CE) sollen den Buchwert der Aktiven von 812 Mio. Dollar überschreiten. Momentan hat der Konzern noch 780 Mio. Dollar zurückgestellt. 160 Mio. Dollar wurden im dritten Quartal an Kläger ausbezahlt.

Die Rückstellungen sollen aber dennoch nicht erhöht werden. Die Höhe der Klageforderungen könne nicht abgeschätzt werden, hatte ABB begründet.

Die 100-prozentige US-Tochter CE beschäftigt noch 35 Angestellte und verwaltet vor allem noch Immobilien. Der produktive Teil der CE war vor einigen Jahren an den Konkurrenten Alstom verkauft worden.

Kann der Mutterkonzern belangt werden?

Analysten bezweifeln den Standpunkt von ABB, dass Asbest-Forderungen nur gegenüber der Tochter CE und nicht gegenüber dem Konzern oder anderen Teilen geltend gemacht werden können.

Im sei kein Fall bekannt, wo bei Klagen der Mutterkonzern nicht zur Verantwortung gezogen werde, sagte Vontobel-Analyst Gujan. Es bleibe abzuwarten, ob sich ABB weiteren Verpflichtungen entziehen könne, hiess es bei Pictet.

Die ABB erwägt derzeit verschiedene Optionen zur Regelung der Asbest-Verbindlichkeiten, darunter auch eine mögliche Neuorganisation von CE gemäss Chapter 11 des US-Konkursrechts. Damit würde CE unter Gläubigerschutz gestellt, könnte aber weiterhin operativ tätig sein.

Quartalsergebnis am Donnerstag

Neben der Verschärfung der Asbest-Problematik und der kritischen Eigenkapitalbasis macht dem Konzern nun die anhaltende Marktschwäche zu schaffen. Zudem hätten die im Sommer letzten Jahres angekündigten Kostensparmassnahmen nicht richtig gegriffen, hiess es am Montagabend.

Beibehalten hat ABB aber seine Ankündigung, die Nettoverschuldung bis zum Jahresende um 1,5 Mrd. Dollar zu senken.

Analysten gehen denn auch von weiteren aggressiven Kostenreduktionen aus. Am Donnerstag wird das Ergebnis dritten Quartals veröffentlicht und weitere Details genannt. Da der Konzern im Gegensatz zu früheren Quartalsergebnissen diesmal kurz vorher gewarnt hat, rechnet die Finanzgemeinde mit dem Schlimmsten.

swissinfo und Agenturen

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