Im Bauch des Gotthard
Mit dem Buch "Gotthard via subalpina" kann man die Eingeweide der monumentalen Baustelle am Gotthard kennenlernen, wo der längste Tunnel der Welt entsteht.
Ingenieur Nicolas Steinmann und Fotograf Maurice Schobinger aus Vevey haben das Buch zusammen gestaltet.
Zu Beginn einige Zahlen. Zwei Galerien von 57 km Länge, miteinander verbunden durch 175 «Kommunikationsäste». Pro Tag kommt die Bohrung bis zu 20 Meter voran. Und beim Zusammentreffen der verschiedenen Tunnelteile sind maximal 25 cm Abweichung gestattet!
Der Aushub entspricht einem Würfel mit einer Kantenlänge von 300 Meter oder anders gesagt: Er beträgt fünf Mal das Volumen der Cheops-Pyramide. Mit einem Teil davon wird im Urner Arm des Vierwaldstättersees eine Gruppe von Inseln geschaffen.
Über dem Tunnelgewölbe liegen Felsschichten von bis zu 2300 Meter Dicke. Auf den verschiedenen Baustellen sind dauernd 1800 Arbeiter beschäftigt.
Diesen und vielen anderen Daten hat Nicolas Steinmann, Ingenieur bei der AlpTransit Gotthard, ein Kapitel in «Gotthard via subalpina» gewidmet. Normalerweise irritieren solche Ansammlungen von Zahlen. Hier sind sie eher Schwindel erregend.
Kulturelle Dimension
Es ist aber nicht der technisch-wissenschaftliche Aspekt, der in diesem dreisprachigen Band vor allem zum Zug kommt. Bundesrat Moritz Leuenberger schreibt im Vorwort:
«Tunnel sind in ihrer Funktion als Verbindungsstränge ja wie Brücken. Sie überwinden ehemals unüberwindbare geographische Barrieren und bringen Menschen und Regionen miteinander in Kontakt. ‚Gotthard via subalpina‘ löst sich bewusst vom technischen Tunnelblick und rückt diese kulturelle Dimension des Gotthard-Basistunnels in den Vordergrund.»
Das Buch zeigt die Männer aus gut zehn Ländern, die dort arbeiten. Und die historisch-geografische Dimension des Gotthard: Auf der Nordseite des Massivs, dieser «natürlichen» Kommunikationsachse zwischen dem Norden und Süden, liegt der Geburtsort der Schweiz.
Warum wollte Nicolas Steinmann ein solch abenteuerliches Buch machen? «Die Idee dazu kam mir, weil man sich in der Westschweiz wenig für die Gotthardbaustelle interessiert. Und ich wollte, dass dieses Projekt in der französischsprachigen Literatur nicht spurlos bleibt.»
Nachdem der Ingenieur eine Reportage von Maurice Schobinger gesehen hatte, beschloss er, das Buch um dessen Bilder herum zu schreiben. Er wollte also vor allem die menschliche Dimension eines riesigen Projekts mit unmenschlichen Aspekten hervorstreichen.
So kam es, dass hier die Texte die Bilder begleiten. Geschrieben wurden sie vom jurassischen Journalisten Pascal Rebetez, vom Tessiner Poeten Alberto Nessi und vom Deutschschweizer Schriftsteller Kurt Zurfluh (mit einer jeweiligen Übersetzung in die anderen Sprachen).
Licht und Respekt
Maurice Schobinger hat sich die Arbeit nicht leicht gemacht. «Ich habe die Studiobeleuchtung der Baustelle angepasst. Um das Element zu zeigen, ihm Gewicht zu geben, die Atmosphäre aber trotzdem beizubehalten. Einige Fotos erhielten dadurch eine fast malerische Note», erklärt er.
Wie kam die Anwesenheit des Fotografen an? «Es gibt zwei Arten von Gesprächspartnern: Die Bergarbeiter und die Bauleiter. Als Industriefotograf weiss ich, wie ich mit Ingenieuren umgehen muss. Deshalb gewann ich ihr Vertrauen.»
«Den Bergarbeitern, also den Leuten, die die Schwerarbeit leisten, muss man sich in aller Bescheidenheit nähern, mit ihnen diskutieren. Das sind keine Fotosujets, das sind arbeitende Männer. Ich brachte ihnen Respekt entgegen, so ging es gut.»
In Dantes Hölle
«Wir betreten das Narrenschiff, eine Kathedrale, die in den Eingeweiden des Felsens schwimmt», schreibt Pascal Rebetez. Und das Echo von Alberto Nessi: «Die Bergarbeiter sind Männer, denen das Licht gestohlen wird.»
Wie hat der Fotograf diese sowohl monströse wie lyrische Dimension wahrgenommen? Schobinger antwortet mit einem Beispiel:
«Beim Bohrloch von Sedrun habe ich eine Reihe Bilder gemacht, welche die Arbeitsbedingungen dieser Leute zeigen. Das war auf minus 750 Meter, mit 7 Metern Durchmesser am Grund des Bohrlochs, rund herum Felsen, ein ohrenbetäubender Lärm, 120 Dezibel, zwei Drittel der Pumpen, die das Wasser herauspumpen sollten, waren ausgefallen, eine Lampe flackerte. Es war wie in Dantes Hölle.»
Diese höllische Dimension kommt in «Gotthard via subalpina» klar zum Ausdruck. Fels. Schlamm. Glänzendes Metall. Die orangefarbenen Reflexe der Scheinwerfer. Und diese riesigen Maschinen, monströse Insekten.
swissinfo, Bernard Léchot
«Gotthard via subalpina», Editions d’autre part, 244 Seiten, 180 Fotos
Zur Zeit durchqueren 2 Tunnels den Gotthard: der Eisenbahntunnel zwischen Göschenen und Airolo (1882) und der Strassentunnel (1980).
AlpTransit Gothard (SBB-Tochter) hat den Auftrag, die neue Gotthardachse, 3 Tunnels zu bauen: jenen beim Monte Ceneri auf Tessiner Seite, den eigentlichen Gotthard und jenen beim Zimmerberg, südlich von Zürich.
Das Gesamtbauwerk wird Zürich mit Mailand verbinden, es geht um schnellere Verbindungen und vor allem um Entlastung der Strasse von Lastwagen.
Der Gotthardtunnel sollte 2014 in Betrieb genommen werden und wird mit 57 km der längste Tunnel der Welt sein. Ein Basistunnel, dessen höchster Punkt auf 520 Meter über Meer liegen wird!
Nicolas Steinmann, Ingenieur bei AlpTransit Gotthard, ist seit 1994 Projektleiter für die elektrischen Anlagen.
Maurice Schobinger wurde 1960 in Vevey geboren. Der Fotograf arbeitet in den Bereichen Architektur, Industrie, Baustellen und Landschaft, vor allem in den Bergen.
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