
Rentenanstalt-Debakel schlägt politische Wellen

Die Misere bei der Rentenanstalt/Swisslife fordert einen weiteren Kopf: Gerold Bührer tritt als Präsident der Freisinnigen Partei zurück.
Als Verwaltungsrat des grössten Schweizer Lebensversicherers war er eine Belastung für seine Partei geworden.
Knapp anderthalb Jahre nach seiner Wahl zum Parteipräsidenten gibt Gerold Bührer sein Amt ab. Der «Mann der Wirtschaft» stolperte über seine wirtschaftlichen Verflechtungen.
Der 1948 geborene Schaffhauser war am 7. April 2001 als Nachfolger von Franz Steinegger zum FDP-Parteipräsidenten gewählt worden.
Zuvor war der studierte Ökonom vor allem als Finanz- und Wirtschaftspolitiker in Erscheinung getreten.
1991 wurde er als Vertreter der FDP Schaffhausen in den Nationalrat gewählt. Er wurde Mitglied der Kommission für Wirtschaft und Abgaben, früher präsidierte er die Finanzkommission.
Ein Marktwirtschafter
Bührer sass in zahlreichen Verwaltungsräten. Bis September 2000 war er Mitglied der Geschäftsleitung der Georg Fischer AG (GF) in Schaffhausen.
Dann machte er sich als Wirtschaftsberater selbstständig und wechselte in den GF-Verwaltungsrat, um mehr Zeit für sein politisches Engagement zu haben. Seit Sommer 2000 sitzt er auch im Verwaltungsrat der Rentenanstalt/Swiss Life.
Bührer wurde politisch der «rechten Mitte» zugeordnet; er selbst bezeichnete sich als «Marktwirtschafter vom Scheitel bis zur Sohle». Er setzte stark auf die bürgerliche Zusammenarbeit – trotz Unterschieden in einzelnen Fragen «und erst recht im Stil».
Getrübte Erfolgshoffnungen
Als Parteipräsident setzte er sich zum Ziel, den Krebsgang seiner Partei zu stoppen. Für die eidgenössischen Wahlen 2003 strebte er einen FDP-Stimmenanteil von «klar über 20 Prozent» an. Der FDP-Anteil war seit 1979 von 24 kontinuierlich auf 19,9 Prozent (1999) gesunken.
Zunächst schienen sich die Hoffnungen zu erfüllen. Die Partei war im Sommer 2001 im Hoch – mit Umfrage-Werten zwischen 21,4 und 24 Prozent.
Dann aber knickten das Swissair-Debakel vom Herbst 2001 und die Rezession 2002 die FDP-Erfolgskurve. Die eng mit der Wirtschaft verflochtene Partei wurde mit den wirtschaftlichen Rückschlägen identifiziert.
Hypothek für FDP
Bührer selbst kritisierte bedenkliche Entwicklungen der Wirtschaft – wie etwa die überzogenen Managergehälter oder das riskante Finanzgebaren von Financier Martin Ebner.
Er selbst geriet aber im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Verwaltungsrat bei der angeschlagenen Rentenanstalt zunehmend unter Beschuss.
Nachfolgeregelung
Nach erheblichem Druck aus seiner Partei gibt er nun sein Präsidentenamt ab, da das Doppelmandat FDP-Präsidium und VR- Mitglied der Rentenanstalt zu einer Belastung geworden sei. Bührer will wohl auch seine Partei ein Jahr vor den Wahlen von einer Hypothek zu befreien.
Für Bührers Nachfolge steht laut Angaben der FDP der Ausserrhoder Ständerat Hans-Rudolf Merz in den Startlöchern. Die Gespräche mit dem 60-Jährigen seien bereits weit fortgeschritten, sagte Vizepräsidentin und Ständerätin Christiane Langenberger (VD), welche die Partei interimistisch leitet.
Der Wirtschaftsberater und Verwaltungsratspräsident des Versicherers Helvetia Patria soll zunächst bis zur Wahl des Präsidenten die Parteileitung ad interim übernehmen.
Wichtig sei, dass die Präsidentenwahl ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen schnell über die Bühne gehe. Die FDP werde sobald wie möglich informieren. Eine ordentliche Delegiertenversammlung ist am 11. Januar 2003 in Luzern geplant.
Gerold Bührer war 18 Monate lang FDP-Parteipräsident.
1991 wurde er als Vertreter der FDP Schaffhausen in den Nationalrat gewählt.
Gerold Bührer wurde 1948 geboren.

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