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Ein Bauernhof verschwindet

Hans und Ruth Wüthrich haben ihre Arbeitsstunden auf dem Bauernhof nie gezählt. Sie waren untröstlich, als die letzten Kühe den Stall verliessen. Tomas Wüthrich

Der Fotograf Tomas Wüthrich begleitete im Jahr 2000 seine Eltern während ihrer letzten vier Jahreszeiten auf dem Bauernhof. Zwanzig Jahre später veröffentlicht er seine Bilder in einem Buch. Ein raues und berührendes Zeugnis.

Dieser Inhalt wurde am 27. Februar 2021 - 11:00 publiziert

Im Alter von 19 Jahren verliess Tomas WüthrichExterner Link den elterlichen Bauernhof in Kerzers im Kanton Freiburg. "Das Leben war hart, es gab viel Arbeit, und ich fühlte mich eingeengt in diesem Dorf", erinnert er sich.

Jahre später veranlassten ihn die Geburt seiner Kinder und seine Ausbildung zum Fotografen, auf den Hof zurückzukehren. Seine Eltern verbrachten ihr letztes Jahr auf dem Bauernhof, der Vater hatte das Rentenalter erreicht. Das Paar konnte es sich nicht leisten, zu investieren, um die neuen, vom Staat auferlegten Standards zu erfüllen. Gerne hätten sie etwas Land und ein paar Kühe behalten.

Tomas Wüthrich auf einem Foto aus dem Jahr 2019, aufgenommen bei ihm daheim in Liebistorf, Kanton Freiburg. Thomas Kern/swissinfo.ch

"Mein Vater war wütend, dass er nicht selber entscheiden konnte, wann er seinen Hof aufgeben möchte", sagt Wüthrich. "Dann hat er mit einiger Traurigkeit resigniert."

Der Fotograf wollte die letzten Momente des Bauernhofs und seiner Bewohner festhalten. Aber das Fotografieren der eigenen Familie ist ein schwieriges Unterfangen.

"Es war mein allererstes fotografisches Projekt. Und ich war sehr naiv", sagt er. "Ich wollte nur beobachten, wie meine Eltern arbeiten. Für jemand anderen wäre es wahrscheinlich weniger schwierig gewesen, weil man ihm zuerst die Rolle des Fotografen zugewiesen hätte und nicht die des Sohns."

"Ich wollte nicht romantisieren"

Wüthrich folgte seinen Eltern bei ihren täglichen Tätigkeiten: beim Melken der Kühe, beim Putzen des Stalls, bei der Arbeit auf dem Feld. Seine Schwarz-Weiss-Bilder verraten seine enge Beziehung zum Bauerntum und zeigen, wie hart die Arbeit auf dem Hof ist.

"Meine Gefühle waren in diesem Jahr ambivalent", sagt Wüthrich. "Ich war auf der Suche nach meinen Wurzeln; ich wollte, dass meine Eltern meine Arbeit als Fotograf anerkennen, und ich wollte das Bauernleben nicht romantisieren. Ich hatte viele Bilder von Bauern gesehen und fand, dass sie immer zu romantisch dargestellt wurden."

Im Jahr 2001 wurden einige dieser Fotos im Magazin des Tages-Anzeigers veröffentlicht. Danach begann Wüthrich als freier Fotograf für verschiedene Medien zu arbeiten und nahm weitere Projekte in Angriff. Seine Reportage über die letzten Penan-Nomaden auf der Insel Borneo wurde für den Swiss Design AwardExterner Link nominiert, und Wüthrich erhielt mehrmals den Swiss Press Photo AwardExterner Link.

"Hof Nr. 4233"

Eines Tages kontaktierte ihn der Direktor der Fotostiftung SchweizExterner Link. Peter Pfrunder schätzte das damalige Projekt auf dem Hof für wichtig für die Fotografie-Geschichte ein und wollte seine Sammlung erweitern. Wüthrich schaute sich die Bilder an und beschloss, daraus ein Buch mit dem Titel "Hof Nr. 4233 – Ein langer Abschied"Externer Link zu machen.

Der Fotograf recherchierte und stellte fest, dass das Bauernsterben weitergeht: Etwa tausend Höfe werden jedes Jahr aufgegeben. So bleibt das Problem aktuell, und seine Bilder wirken bis heute nach.

"Ich dachte auch, dass angesichts der globalen Klimaerwärmung und der veganen Bewegungen die Zeit reif ist, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Ernährung, die Produktion, die Herkunft der Lebensmittel und die Frage der regionalen Produktion zu lenken", sagt Wüthrich.

Bauernhöfe verschwinden, in der Schweiz und weltweit

Im Jahr 2000 gab es in der Schweiz etwa 70'000 landwirtschaftliche Betriebe. Diese Zahl sank laut dem Bundesamt für StatistikExterner Link (BFS) auf 50'000 im Jahr 2019. Auch die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Bereich ist drastisch zurückgegangen.

Tendenziell verschwinden kleinere Höfe, und die verbleibenden Betriebe expandieren. Dies erklärt, warum die landwirtschaftliche Nutzfläche auf einem relativ stabilen Niveau bleibt. Besonders hart trifft es die Milchbauern, deren Zahl sich in 20 Jahren fast halbiert hat.

Der Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe ist ein weltweiter Trend, eine Folge von Industrialisierung und Globalisierung. Er kann auch in allen Ländern der Europäischen Union ausser Irland beobachtet werden.

Zwischen 2005 und 2016 ist etwa ein Viertel aller landwirtschaftlichen BetriebeExterner Link in der EU verschwunden. Die grössten Rückgänge verzeichneten Polen, Rumänien und Italien.

In den Vereinigten StaatenExterner Link haben zwischen 2011 und 2018 mehr als 100'000 Farmen ihren Betrieb eingestellt.

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Seine Bauernhof-Bilder führten zu vielen Reaktionen. Er erhielt vielen Briefe von Menschen, die sagten, dass sie von seinem Buch berührt waren, weil sie die gleiche Geschichte durchgemacht hatten oder Familien kannten, denen es ebenfalls so ergangen sei.

"Von einem Familienhof leben können"

Der Fotograf will mit der Veröffentlichung dieses Buchs nicht zwingend eine Botschaft vermitteln. "Aber ich würde mich freuen, wenn meine Bilder zum Nachdenken anregen, wenn die Leute sich fragen, ob diese ganze Globalisierung wirklich notwendig ist. Ob es nicht besser wäre, die Dinge in einem kleineren Rahmen zu betrachten", sagt er.

Selbstporträt des Fotografen im Küchenspiegel, mit seiner Mutter im Hintergrund. Tomas Wüthrich

Wüthrich glaubt, dass der Staat mit seiner Subventionspolitik die industrielle Landwirtschaft fördert. Obwohl er gleichzeitig auch die Ökologie in den Vordergrund stellen wolle.

"Das ist nicht kompatibel. Das funktioniert nicht", sagt der Fotograf. "Ich bin nicht so naiv, dass ich zu den früheren Verhältnissen zurückkehren möchte. Aber ich denke, es sollte immer noch möglich sein, von einem Familienbetrieb leben zu können."

Sein Vater ist gerade 88 geworden und sagte seinem Sohn, dass er glücklich sei. Tomas Wüthrich ist zufrieden mit diesem Ausgang: Trotz der Aufgabe des Bauernhofs sind seine Eltern nicht frustriert und haben ihr Leben in den Griff bekommen. Stolz sind sie auch auf das von ihrem Sohn veröffentlichte Buch.

Als er ihnen erstmals von seinem Buchprojekt erzählt hatte, seien sie nicht begeistert gewesen. Seine Mutter sagte ihm, dass sie es nicht mochte, im Rampenlicht zu stehen und nicht verstand, warum er all diese Erinnerungen hervorholen wollte.

"Sie fand, ich hätte keine schönen Bilder ausgewählt", sagt Wüthrich. "Aber nachdem sie den Begleittext gelesen hatte, wurde ihr klar, dass das Zeigen dieser Arbeit auch für künftige Generationen wichtig ist."

"Hof Nr. 4233 – Ein langer Abschied" zeigt in 73 Schwarz-Weiss-Fotografien das bäuerliche Leben von Tomas Wüthrichs Eltern, Ruth und Hans Wüthrich, während ihres letzten Jahrs auf dem Bauernhof.

Das Buch ist in deutscher und französischer Sprache beim Verlag Scheidegger & Spiess erschienen.

Es enthält zudem Texte von Peter Pfrunder, Direktor der Fotostiftung Schweiz, und Balz Theus, Journalist und Autor.

Die Fotoausstellung "Hof Nr. 4233"Externer Link wird am 4. März im Greyerzer Museum in Bulle eröffnet und ist bis zum 6. Juni zu sehen.

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