Die ICE-Einsätze spalten die Schweizer in den USA
Die von der Trump-Regierung eingeführte und hauptsächlich von der Einwanderungsbehörde ICE durchgeführte Deportationspolitik spaltet die Gemeinschaft der Auslandschweizer. Die einen sehen darin den Aufstieg eines autoritären Regimes, während die anderen einen notwendigen Kampf gegen die illegale Einwanderung verteidigen.
Minneapolis steht seit Wochen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Bevölkerung und die Behörden des Bundesstaates lehnen die Interventionen der Einwanderungsbehörde ICE und der Grenzpolizei ab, die für die Festnahme von Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung zuständig sind. Die Ermordung einer US-Bürgerin und eines US-Bürgers durch Bundesbeamte hat im ganzen Land und darüber hinaus für Entsetzen gesorgt.
Auch wenn die Trump-Regierung Mitte letzter Woche den Abzug von 700 ICE-Beamten aus Minneapolis angekündigt hat – 2000 Polizisten bleiben vor Ort –, bleibt die Lage in der bevölkerungsreichsten Stadt des Bundesstaates Minnesota angespannt.
Unterschiedliche Realitäten nur wenige Kilometer voneinander entfernt
«Wir wohnen in dem Viertel, in dem Alex Pretti [am 24. Januar] getötet wurde», sagt Dominique*. «Am Tag zuvor bin ich in einem Supermarkt auf ICE-Beamte gestossen. Sie waren sehr aggressiv, zogen die Leute an ihren Kleidern und besprühten sie mit Pfefferspray. Ich war entsetzt und hatte wirklich Angst.» Die 74-jährige aus Vevey ist mit einem Amerikaner verheiratet und lebt seit 1981 in den USA.
Genau wie Dominique lebt auch Karin Stricker (68) mit ihrem amerikanischen Ehemann im Zentrum von Minneapolis. Auch sie beschreibt einen belastenden Alltag: «Wenn ich die Autos oder Beamten der ICE sehe, weiche ich ihnen aus. Ich fühle mich nicht sicher.»
Ihre Realität unterscheidet sich stark von derjenigen von David W. Mörker (59). Der Berner, Delegierter des Rates der Auslandschweizer (ASO) für die Vereinigten Staaten, sagt, er habe in der Stadt noch nie ein Auto oder einen Beamten der ICE oder der Grenzpolizei gesehen. Er wohnt in einem Vorort von Minneapolis und ist sich bewusst, dass er «verschont» bleibt.
Kluft zwischen Stadt und Land
Karin Stricker, ursprünglich aus dem Kanton Schaffhausen, verbringt einen Teil ihres Ruhestands damit, Menschen mit Behinderung Skikurse zu geben. «In den Skigebieten, in denen ich arbeite, merkt man nichts von dem, was in der Stadt passiert», sagt sie. «Aber die ICE-Beamten beginnen sich nun auch im Hinterland zu verteilen, und dort werden die Menschen vielleicht anfangen, anders zu denken.» «Man muss verstehen, dass in Minnesota zwei politische Lager nebeneinander existieren. Der Grossraum Minneapolis-Saint Paul ist demokratisch, während der Rest des Bundesstaates republikanisch ist», erklärt David W. Mörker.
Bei den Präsidentschaftswahlen 2024 stimmten zwar 51,1% der Wähler in Minnesota für die demokratische Kandidatin Kamala Harris, doch die Republikaner dominieren in den meisten Bezirken.
Der Ballungsraum der «Twin Cities», Minneapolis und Saint Paul, ist jedoch nicht die erste Metropole, in der das Weisse Haus seine Bundesbeamten eingesetzt hat. Vor ihm haben auch Los Angeles, Washington, Chicago und Charlotte in North Carolina ähnliche Operationen erlebt. Aber in Minneapolis stiessen die Bundeskräfte auf den grössten Widerstand.
«Der Widerstand der Behörden und der Bevölkerung in Minnesota macht Donald Trump wahnsinnig. Deshalb setzt er seine Vendetta hier fort», meint Dominique.
Nord-Süd-Gegensatz
Christ Stern lebt in Florida. Wie David W. Mörker ist er Delegierter im Auslandschweizerrat der ASO. Seiner Meinung nach haben die Schweizerinnen und Schweizer, die in den nördlichen oder südlichen Bundesstaaten der USA leben, unterschiedliche Sichtweisen auf die Situation.
«Auf nationaler Ebene sind die meisten Bezirke konservativ, im Süden sogar noch mehr», sagt Stern. Zusammen mit einem weiteren Delegierten ist er für die südlichen Bundesstaaten zuständig und vertritt rund 17’000 Schweizerinnen und Schweizer.
«Die Schweizer, die in den südlichen Bundesstaaten leben, sind mehrheitlich bürgerlich orientiert. Sie lehnen illegale Einwanderung ab», sagt der Zürcher, der mütterlicherseits Schweizer und väterlicherseits Amerikaner ist.
Seiner Meinung nach findet die Anwendung der bestehenden Einwanderungsgesetze bei den Auslandschweizern in seiner Region breite Unterstützung: «Nach vielen Jahren inkonsequenter oder selektiver Anwendung werden die derzeitigen Massnahmen der Behörden weitgehend als Rückkehr zur institutionellen Normalität und nicht als aussergewöhnliche Entwicklung wahrgenommen.»
Eine «betrübte» Diaspora
Laut den beiden Delegierten David W. Mörker und Chris Stern, die rund 47’000 der über 84’700 in den USA lebenden Schweizer:innen vertreten, ist die Schweizer Gemeinschaft über die Situation betrübt, stimmt aber weitgehend zu, dass Handlungsbedarf besteht. «Innerhalb der Schweizer Gemeinschaft in Minnesota wird die Lage aufmerksam verfolgt. […] Die Diskussionen über das Gesetz, die Menschenwürde und die Rechtsstaatlichkeit verlaufen ruhig und differenziert. […] Was viele hier empfinden, ist Anteilnahme – keine Panik», schreibt David W. Mörker, für den «Respekt vor Menschenwürde und rechtstaatliche Prinzipien auch in schwierigen Zeiten zentrale Eckpfeiler sind».
«Ein echtes autoritäres Regime»
Eine Sichtweise, die im Gegensatz zu Dominiques Wahrnehmung steht: «Ich bin sehr enttäuscht von dieser Regierung. Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde. Das ist ein echtes autoritäres Regime.» Ihrer Meinung nach verhaftet die ICE jeden, der «das Pech hat, wegen Trunkenheit am Steuer oder einfach nur wegen seines Akzents mit einer Geldstrafe belegt worden zu sein», unabhängig davon, ob die Person ausländischer oder amerikanischer Staatsangehörigkeit ist.
Karin Stricker pflichtet ihr bei: «Sie zerren Menschen aus ihren Autos, aus ihren Häusern, verhaften friedlich demonstrierende Menschen und bringen sie an unbekannte Orte» – sie bezieht sich dabei auf den fünfjährigen Liam und seinen Vater, die in Minneapolis verhaftet, dann in Texas inhaftiert und schliesslich wieder freigelassen wurden.
Die Schweizerin vergleicht die ICE mit der Gestapo. «Schon vor einem Jahr habe ich gesagt, dass wir in eine faschistische Ära eintreten.» Sie sieht in den angewandten Methoden Ähnlichkeiten mit Szenen, die Anne Frank in ihrem Tagebuch beschreibt, zum Beispiel «Eltern, die das Haus verlassen und nie wieder zurückkommen».
* Name der Redaktion bekannt
Gemäss den Zahlen des Bundesamts für Statistik für 2024 sind 84’739 Personen mit Schweizer Staatsangehörigkeit in den Vereinigten Staaten registriert, was sie nach Frankreich und Deutschland zur drittgrössten Schweizer Gemeinschaft im Ausland macht.
Das Land ist nach der EU der zweitwichtigste Handelspartner der Schweiz. Es ist laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDAExterner Link) das wichtigste Ziel für Schweizer Exporte und Direktinvestitionen im Ausland.
Im Frühjahr 2025 wurden die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und den Vereinigten Staaten beeinträchtigt, als die USA im Rahmen eines vom Präsidenten Donald Trump begonnenen Handelskriegs eine Steuer von 39% auf Schweizer Importe ankündigten. Seitdem sind die Zölle auf 15% gesunken, aber die Lage bleibt instabil.
Editiert von Samuel Jaberg. Übertragung aus dem Französischen mithilfe von Deepl: Giannis Mavris
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