Hohe Löhne sind in der Schweiz nicht, was sie zu sein scheinen

Kann man in der Schweiz von einem Lohn (noch) eine Familie ernähren?

Eine Familie in der Schweiz im Jahr 1950 beim Essen. Keystone / Str

Früher war es in der Schweiz üblich, dass ein Familienvater mit einem Lohn eine ganze Familie ernährte – und stolz darauf war. Heute gehen in den meisten Familien die Mütter dazuverdienen. Weil sie wollen oder weil sie müssen?

Dieser Inhalt wurde am 27. Januar 2020 - 16:00 publiziert

Laut Bundesamt für Statistik ist der Alleinernährer seit 1992 stark im Rückgang. In den meisten Familien in der Schweiz arbeitet heutzutage der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit.

Andrea Schmid-Fischer ist Präsidentin des Dachverbandes Budgetberatung Schweiz und Leiterin Budgetberatung der Frauenzentrale Luzern. Monique Wittwer

Liegt das daran, weil man mit einem Lohn in der Schweiz keine Familie mehr ernähren kann? Wir fragen eine, die es wissen muss, da sie als Budgetberaterin Einsicht in die finanziellen Verhältnisse der Schweizerinnen und Schweizer hat: Andrea Schmid-Fischer, Präsidentin Budgetberatung Schweiz.

swissinfo.ch: Gemäss meinen Berechnungen ist es in Zürich möglich, mit dem Zürcher Medianlohn von 7820 Franken brutto eine Familie zu ernähren, nicht aber mit dem mittleren Lohn von Berufsleuten ohne Abschluss, der bei 4600 Franken brutto liegt. Schätzen Sie das ähnlich ein?

Medianlohn in der Schweiz

Der Medianlohn in der Schweiz beträgt 6502 Franken brutto. Derjenige von Männern liegt gar bei 6830 Franken (der von Frauen bei 6011 Franken). Auch der Ort ist entscheidend: Während der Medianlohn im Kanton Jura bei monatlich 5397 Franken brutto liegt, beträgt er in der Stadt Zürich 7820 Franken brutto. Beschäftigte ohne Ausbildung verdienen in Zürich allerdings im Mittel nur rund 4600 Franken brutto.

In der Stadt Zürich ist zwar der Medianlohn deutlich höher als im Kanton Jura, dafür zahlt man im Schnitt für eine 4-Zimmerwohnung 2000 Franken (ohne Nebenkosten), während die durchschnittliche Miete im Kanton Jura für eine Wohnung dieser Grösse 1036 Franken beträgt. Auch sind die Kinderzulagen im Kanton Jura etwas höher.

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Andrea Schmid-Fischer: Ja, das würde ich aufgrund der Erfahrung aus der Budgetberatung auch so einschätzen. Leider gibt es eine Vielzahl von Menschen in der Schweiz, die den Zürcher Medianlohn von 7820 Franken nicht erreichen. Sie verdienen zum Beispiel 6000 Franken netto und haben zwei Kinder. Dann wird es schon knapp.

swissinfo.ch: Kann man also sagen, für die ganze Unterschicht bis in den mittleren Mittelstand ist es ein Problem, als Familie von einem Lohn zu leben?

A.S-F.: Für den unteren Mittelstand und Alleinerziehende ist es ein Armutsrisiko. Bei Working Poor verschärft es deren Situation massiv. Der mittlere Mittelstand muss allenfalls die eigenen Lebensstandard-Vorstellungen nach unten anpassen. Das kann schmerzlich sein, ist aber nicht existenziell. Dass wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben, einer unglaublichen Werbeflut ausgesetzt sind und Kreditinstitute den Nerv haben die Familiengründung mit dem Kredit fürs Auto oder Kinderzimmer in Verbindung zu bringen, halte ich für besorgniserregend.

Für eine überwiegende Zahl der heute über 80-Jährigen, war in jungen Jahren klar: Wenn ich eine Familie gründen will, muss ich mich beruflich in eine möglichst gute Lage bringen und von Anfang an sparen, damit ich später für Anschaffungen und nicht planbare Kosten darauf zurückgreifen kann. Sich dafür zu verschulden war in vielen Familien ein absolutes Tabu.

Ich mache die Erfahrung, dass heute ein erheblicher Teil der Bevölkerung es völlig verpasst in der Lebensphase ohne Kinder vorzusorgen und Ersparnisse zu äufnen. Sie halten es sogar für spiessig oder dank Minuszinsen für sinnlos. Junge Paare geben ihre Einkommen aus, haben vielleicht zwei Autos und eine schöne Wohnung. Diese Lebensweise beschert einem bei der Familiengründung eine massive Lebensstandard-Einbusse.

Wenn ein Paar hingegen von Anfang an einen Lebensstandard lebt, der eine fixe Sparquote zulässt, bringt es sich in eine ganz andere Ausgangslage. Es hat dann Reserven für die Kleinkindphase und kann es sich leisten, die Kinder teilweise oder ganz selbst zu betreuen. Auf jeden Fall vorübergehend.

swissinfo.ch: Müssen wir also deshalb Doppelverdiener sein, weil wir uns im Vergleich zu früher einen hohen Lebensstandard wünschen?

A.S-F.: Das kommt auf die Einkommen und persönlichen Vorstellungen im Einzelfall an. Es ist aber schon so, dass heute in der Schweiz relativer Wohlstand einer viel breiteren Bevölkerungsschicht zugänglich ist. Für meine Eltern beispielsweise – die heute über 80 sind – war der Sonntagsbraten das Highlight der Woche, den Rest der Woche lebten sie vorwiegend fleischlos. Heute wird eine Generation Eltern, die sich gewohnt ist, dass täglich alles zur Verfügung steht. Das sind keine existenziellen Fragen oder Bedrohungen, sondern es geht stark um subjektives Empfinden.

swissinfo.ch: Geht es also um die Frage, welcher Lebensstandard sich in der Gesellschaft als "normal" durchgesetzt hat, dass man sich beispielsweise komisch vorkommt, wenn man den Kindern keine Hobbies oder Ferienreisen bieten kann?

A.S-F.: Wer sich mit jenen vergleicht, die mehr haben, lebt in der Regel weniger glücklich als jene, die sich darauf konzentrieren was für sie stimmig ist, langfristig Sinn macht und auch zu den eigenen Einnahmen passt. Dank der Nachhaltigkeitsdiskussion wird ein etwas einfacherer Lebensstil vielleicht wieder chic.

swissinfo.ch: Gibt es einen Schwelleneffekt? Lohnt es sich also für eine Familie ab einer gewissen Einkommensgrenze wegen wegfallender Subventionen bei Wohnung und Kinderbetreuung sowie wegen der Steuerprogression und der Prämienverbilligung nicht, dass beide Elternteile arbeiten?

A.S-F.: Ja, den gibt es ganz sicher. Wo er bei der betreffenden Familie genau liegt, muss im Einzelfall bestimmt werden. Ich finde es ist wichtig, nicht nur den kurzfristigen materiellen Nutzen zu bedenken. Allenfalls lohnt es sich, für einen Lebensabschnitt eine Nullrechnung oder gar Mehrkosten in Kauf zu nehmen und die Berufsausübung auch unter anderen Aspekten zu betrachten. Es geht dabei um langfristige Vorteile bei den Sozialversicherungen, der Vorsorge, den beruflichen Weiterentwicklungschancen und der Work Life Balance in einem positiven Sinn. Es gibt nach den Kindern noch eine lange Phase der Berufstätigkeit. Wer beruflich nicht ganz abgehängt hat, hat eher Chancen auf eine Arbeit, die den eigenen Fähigkeiten entspricht und somit für viel Zufriedenheit sorgt.

swissinfo.ch: Eine Familie in Genf oder Zürich dürfte wohl schon nur wegen der hohen Mieten gezwungen sein, mehr als ein Einkommen zu erzielen. Welche Rolle spielt der Wohnort?

A.S-F.: Der Wohnort spielt natürlich eine Rolle. In Bezug auf die allgemeinen Lebenshaltungskosten, die Steuerbelastung – da gibt es grosse Unterschiede –, aber auch in Bezug auf die staatlichen Unterstützungsleistungen. Es gibt Gemeinden, die Betreuungsgutschriften für die externe Kinderbetreuung kennen, andere nicht. Es lohnt sich also, eine umfassende Auslegeordnung zu machen. Miete, Steuern, Kinderbetreuungsgutschriften, Mittagsverpflegung, Beitrag für den Berufsverband, Weiterbildungskosten, sowie Mobilität – also die Wegkosten zum Arbeitsort – sind die entscheidenden Faktoren.

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swissinfo.ch: In anderen Ländern ist es normal, dass beide Elternteile arbeiten müssen. Warum gilt es in der Schweiz als Ideal, von einem Einkommen leben zu können?

A.S-F.: Ich glaube, das kommt aus einem alten Rollenverständnis von vor 1988, als der Mann gesetzlich verpflichtet war, einen Ernährerlohn nach Hause zu tragen. Die ganze Wirtschaft hatte sich darauf eingestellt. Im Hinblick auf Tod oder Scheidung, und natürlich auch aus anderen Gründen, macht es keinen Sinn, in diesem Rollenmodell zu verharren. Ich verstehe aber Eltern, die gerne Zeit für ihre Kinder haben und das Arbeitspensum reduzieren wollen. Eine klassische Rollenaufteilung – egal ob die Frau oder der Mann auf die Berufstätigkeit verzichtet - halte ich  aus rein existenziellen Gründen für nicht klug.

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swissinfo.ch: Weil man dann total abhängig ist vom Partner?

A.S-F.: Die Unabhängigkeit vom Partner, der Partnerin gibt es in keinem Modell. Beide sind immer aufeinander angewiesen. Der Arbeitsalltag zeigt aber, dass die Zeit, in der jemand voll pausieren kann und trotzdem wieder im Berufsleben Tritt fasst, immer kürzer geworden ist.  Es gab Zeiten, in denen eine Frau mit 50 Jahren problemlos wieder voll ins Berufsleben eingestiegen ist, obwohl sie 20 Jahre nicht mehr berufstätig war. Diese Zeitspanne ist immer kürzer geworden. Wenn man heute mehr als vier Jahre pausiert, wird es schon heikel.

swissinfo.ch: Insofern ist der finanzielle Druck, schnell wieder arbeiten zu gehen, gar nicht nur negativ?

A.S-F.: Berufstätig zu sein, kann auch ein toller Ausgleich zur Familienarbeit sein und die Partnerschaft bereichern. Es braucht einfach verständnisvolle Arbeitgeber, die wissen, dass Kinder krank werden können und dass die Kinderkrippe nicht rund um die Uhr geöffnet ist. Es bleibt eine organisatorische Herausforderung, die Bedürfnisses der Kinder und das Arbeitsleben unter einen Hut zu bringen.

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