
Der Regisseur hinter der Weltmeisterschaft

Er agiert im Hintergrund, doch ohne ihn wäre die Mountain-Bike-Weltmeisterschaft im Tessin nicht möglich: Ex-Rad-Profi Rocco Cattaneo.
Der 45-jährige Ökonom ist ein ausgesprochenes Organisations-Talent und Schweizer Vorstandsmitglied im Rad-Weltverband.
Besser hätte die Mountain-Bike-Weltmeisterschaft nicht beginnen können: Am Sonntag holte sich der Zürcher Thomas Frischknecht den Titel beim erstmals ausgetragenen Marathon. Über 1000 Biker gingen an den Start über die anspruchsvolle, 78 Kilometer lange Strecke durch das Luganeser Hinterland.
Aufatmen darf fürs erste auch Rocco Cattaneo, der Präsident des Organisations-Komitees. Denn das Wetter spielte bisher mit und sollte auch bei den bevorstehenden Titelkämpfen halten, die bis Sonntag dauern.
Offenbar haben Cattaneos Anti-Regen-Tänze gewirkt, von denen er vor Beginn der Veranstaltung scherzhaft gesprochen hatte. Denn seine grösste Furcht war, dass die WM nach dem trocken-heissen Sommer ins Wasser fallen könnte. Die Unwetter von letzter Woche liessen tatsächlich nicht Gutes ahnen.
Diplomierter Ökonom als Radprofi
Rocco Cattaneo ist organisatorischer Dreh- und Angelpunkt der WM. Dass die Weltmeisterschaften dieses Jahr überhaupt im Tessin stattfinden konnte, ist vor allem ihm zu verdanken. Radsport ist für den 45-Jährigen aus Rivera, der unter anderem eine familieneigene Mineralölfirma sowie einen Seilbahnbetrieb managt und Verwaltungsrats-Mitglied der Post ist, ein integrativer Bestandteil seines Lebens.
Schon als 12-jähriger strampelte er als Junior beim VC Monte Tamaro, seinem Heimatverein. Am liebsten wäre er deshalb mit 21 Jahren Radprofi geworden, doch die Eltern wollten, dass er «etwas Vernünftiges» lernt. «Statt nach meinem Wirtschaftsstudium in Zürich einen Master in Ökonomie zu machen, wurde ich 1986 Radprofi», erinnert er sich.
Drei Jahre verdiente er auf dem Velo sein Geld, nahm an vier Strassen-Weltmeisterschaften und einem Giro d’Italia teil. Die Leidenschaft auf zwei Rädern pflegt er bis heute. Den Marathon vom Sonntag beendete er auf dem 330. Rang mit knapp zwei Stunden Rückstand auf Frischknecht.
Strassen-Rad-WM von 1996 als Impuls
Der entscheidende Schritt vom Radsportler zum Rad-Event-Organisator erfolgte 1996: Nachdem das OK in Wil (SG) sich nicht mehr in der Lage sah, die Rad-Strassenweltmeisterschaft zu organisieren, übernahm Cattaneo mit dem VC Monte Tamaro das Dossier.
In nur neun Monaten gelang es, eine Rad-WM in Lugano auf die Beine zu stellen, die in die Annalen der Radsport-Geschichte eingegangen ist. Zwar gewann am Ende der Belgier Johan Museeuw vor Lokalmatador Mauro Gianetti, doch der Eindruck eines perfekt organisierten Rennens mit prächtiger Stimmung ist geblieben.
«Wenn Rocco als Sportler so effizient gewesen wäre wie als Organisator, hätte er viele Rennen gewonnen,» schmeichelt ihm sein Pressechef Luigi Bertoglio. Eine ähnliche Anerkennung kommt auch von Hein Verbruggen, dem Präsidenten der International Cycling Union, auf dessen Nachfolge – so wird gemunkelt – Cattaneo gute Chancen habe. Doch dieser winkt ab: «Über mich wird viel geredet.»
Mountain-Bike gehört die Zukunft
Nach der Strassen-WM von 1996 stellt eine MTB-WM ganze neue Herausforderungen an das Organisationsteam. «Damals konnte ich beispielsweise die Rennstrecke dank meiner Erfahrung selber auswählen. Beim Mountain-Bike mussten wir externe Fachleute zu Rate ziehen», sagt Cattaneo. «Dafür entfällt die komplizierte Sperrung von Strassen.»
Der Ökonom bemerkt aber auch die relativ geringe Popularität von Moutain-Bike als Spitzensport: «Es war im Vergleich zur Strassen-WM viel schwieriger, Sponsoren zu finden.»
Wenn nicht am kommenden Wochenende mindestens 30’000 zahlende Zuschauer zu den Rennen in Rivera kommen, ist ein Defizit kaum zu vermeiden. Dabei ist das Budget mit 2,5 Mio. Franken dank eines Heers von gegen 500 Freiwilligen recht bescheiden.
Eine WM sei eine einmalige Plattform, die Popularität von Mountain-Bikes zu steigern. Denn, so ist Cattaneo in Anbetracht des zunehmenden Autoverkehrs auf der Strasse überzeugt: «Die Zukunft im Radsport gehört dem Mountain-Bike.»
swissinfo, Gerhard Lob, Lugano
MTB-WM Lugano/Rivera: Vom 31.8. bis 7.9.
OK-Präsident: Rocco Cattaneo, 45-jährig
WM-Budget: 2, 5 Mio. Franken
In Lugano und Rivera finden momentan die Weltmeisterschaften im Moutain-Bike statt.
Nach Château-d’Oex (VD) im Jahr 1997 wird somit zum zweiten Mal eine MTB-WM in der Schweiz ausgetragen.
Der Präsident des Organisationskomitees ist der 45-jährige Tessiner Rocco Cattaneo, der sich bereits durch die Organisation der Strassen-Rad-WM 1996 in Lugano einen Namen gemacht hat.
Der studierte Ökonom war selbst einmal Rad-Profi, doch noch stärker als auf dem Velo ist er als Organisator von Radsport-Events.

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