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Fünf Monate nach der Flut

Die an die zerstörte Hauswand gesprayten Bilder sollen Stephanie helfen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. swissinfo.ch

Sehnsüchtig wartet die Brienzer Familie Santschi auf den Frühling. Dann kann sie die Arbeiten an ihrem vom Glyssibach lädierten Haus richtig anpacken.

Der Schock scheint überwunden, jetzt werden die Ärmel hochgekrempelt, auch wenn noch nicht alle nötigen Bewilligungen zur Reparatur des Hauses vorliegen.

In der Nacht auf den 23. August 2005 brachte der Glyssibach im Berneroberländer Dorf Brienz Tod und Zerstörung. Danach konnten Ursula und Marcel Santschi ihr von einer mehreren Meter hohen Schlammschicht eingepacktes Haus wochenlang nicht mehr betreten.

Die meisten Nachbarhäuser waren von der Schlammlawine mitgerissen worden. Aber Santschis Haus stand noch da, äusserlich nahezu unversehrt. Lange war aber unklar, ob sie mit ihren beiden Töchtern je wieder zurückkehren durften.

Sie dürfen. Das Gebäude hat keine irreparablen Schäden, obwohl die Schlammlawine zwei Wände des Hauses eingedrückt hat. Diese werden ersetzt, wenn es wieder wärmer wird.

Wo wohnen?

Nach dem Unglück fand die junge Familie in Marcel Santschis ehemaligem Kinderzimmer einen notdürftigen Unterschlupf. Sie waren froh, mit dem Leben davongekommen zu sein und ein Dach über dem Kopf zu haben.

Nun wohnen sie in einer gemütlichen Vierzimmerwohnung, in der sie bis zum Bezug ihres Hauses – die beiden hoffen auf Ende August – bleiben können.

Traumatisiert

Seit dem Einzug in diese Wohnung ist eine gewisse Normalität eingekehrt. Stephanie jedoch, die ältere Tochter, leidet noch unter den für sie traumatischen Ereignissen.

Ob das Asthma, das bei ihr ein paar Wochen nach der Überschwemmung aufgetreten ist, vom Ereignis herrührt, kann man noch nicht beurteilen.

Stephanie ist auch viel ängstlicher als vor dem Ereignis. «Sie ist extrem auf mich fixiert», führt Ursula Santschi aus. «Oft erwacht sie in der Nacht und ruft: Lass mich nicht allein!»

Als Verarbeitungshilfe haben die Eltern der bald Dreijährigen einen Spielzeug-Lastwagen geschenkt. «Damit kann sie bei der Räumung helfen.» Weiter hat Ursula Santschi auf eine Aussenmauer einen Steine wegtransportierenden Comicbären, Winnie the Pooh, gesprayt und einen Elefanten, der den Dreck wegspritzt.
Auf kindgerechte Art wird Stephanie damit in die Aufräumarbeiten einbezogen und kann so ihr Trauma verarbeiten.

«Leider kann ich mich nicht ganz in sie einfühlen und spüren, wie es ihr geht», bedauert die Mutter. «Die Erwachsenenwelt ist eben ganz anders.»

Jasmin, die jüngere Tochter, hat von den Geschehnissen weniger mitbekommen als ihre Schwester. Sie hat die ihr vertrauten Spielsachen, lacht oft und scheint recht zufrieden.

Bewegte Zeit

Zivilschutz und Feuerwehr haben Santschis Haus inzwischen geräumt. «Eine Knochenarbeit», erinnert sich Marcel Santschi. «Im Wohnzimmer stand der Schlamm 1,2 Meter hoch, Garage und Kellerräume waren bis unter die Decke gefüllt.»

Draussen wurde das angeschwemmte Material mit dem Bagger weggeräumt. «Drinnen aber war das Geröll ausgegossen mit Schlamm», berichtet er. Vor dem Ausräumen musste der eingetrocknete Schlamm mit dem Pickel gelöst werden.

Versicherung

Die Schäden am und im Haus werden von der Gebäudeversicherung übernommen. «Die Umgebung war zwar auch mitversichert. Wir haben aber festgestellt, dass nur 5% der Versicherungssumme für die Umgebung sind «, sagt Marcel Santschi.

Das wird nicht reichen. «Vieles im Boden ist zerstört, auch alle Leitungen. Die meisten dieser Schäden wurden nicht vom Geröll verursacht, sondern entstanden beim Räumen», so Santschi.

Wer zahlt?

«Hätten wir vor dem Ereignis aus dem Bach eine Schaufel Kies geholt, hätten wir im Prinzip den Kanton bestohlen,» sagt Santschi.

Und nun hat gewissermassen der Kanton Santschis den Schutt auf ihr Grundstück gebracht. Und sie sind dafür verantwortlich.» Von unserer Parzelle wurden rund 100 Lastwagenladungen abgeführt. Und eines Tages kommt die Rechnung dafür.»

Ärmel hochkrempen und zupacken

Marcel Santschi ist ein Mann der Tat, ein geschickter Handwerker. Viele Arbeiten wird er selbst ausführen. «Die Versicherung bezahlt mir das Haus pauschal. Und so kann ich dank eigener Arbeit einen gewissen Betrag für den Aussenbereich einsetzen.»

Tagsüber montiert und repariert er Heizungen und jeden Abend, manchmal bis weit nach Mitternacht, arbeitet er im Haus.

«Ich weiss nicht, woher ich die Kraft nehme, aber es gibt nichts anderes», sagt er achselzuckend. Und Ursula Santschi richtet sich nach dem Sprichwort «Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, darf man den Kopf nicht hängen lassen».

Zudem ist beiden sehr bewusst, dass es ihnen viel besser ergeht als den Erdbebenopfern in Pakistan, die den strengen Winter in Zelten verbringen müssen und für deren Schäden keine Gebäudeversicherung aufkommt.

swissinfo, Etienne Strebel

Die Glückskette hat nach den Unwettern in der Schweiz im Sommer 2005 über 49 Mio. Franken gesammelt.

Ein kleiner Teil dieses Geldes wurde als Soforthilfe bereits ausbezahlt.

Die Glückskette spricht den Rest der Gelder erst, wenn alle anderen Hilfsquellen ausgeschöpft sind (Versicherungen, Kantonsbeiträge etc.).

Gewisse Schäden lassen sich nicht versichern, z. B. Hangrutsche oder intakte Gebäude in Zonen, die wegen Naturgewalten plötzlich unbewohnbar werden. Hier springt die Glückskette ein.

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