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Berner Tagebuch eines russischen Ex-Botschafters

Andrei Stepanow mit seinem Berner Tagebuch.

(swissinfo.ch)

Andrei Stepanow war in den 1990er-Jahren russischer Botschafter in der Schweiz. Eine Zeit, die vom Zerfall der Sowjetunion und vom Krieg im Kaukasus geprägt war. Im Gespräch mit swissinfo.ch in Moskau spricht er über seine jüngst veröffentlichten Memoiren.

In dem 700 Seiten langen "Berner Tagebuch eines russischen Botschafters, 1992-1999" schreibt Stepanow über Diskussionen und Ereignisse, die den Kurs der Beziehungen zwischen den beiden Ländern veränderten.

2001 sind es 65 Jahre her, seit die diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und Bern wieder aufgenommen wurden. 1923 waren sie im Zusammenhang mit den Revolutionswirren abgebrochen worden.

Stepanow, der erste Botschafter der Russischen Föderation, schreibt in den Memoiren unter anderem über die Ermittlungen wegen Geldwäscherei gegen hochrangige russische Beamte. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf die Firma Mabetex und führten unter anderem dazu, dass die Schweiz ein neues Geldwäscherei-Gesetz einführte, das die Banken verpflichtet, den Behörden verdächtige Transaktionen zu melden.

swissinfo.ch: Der Krieg in Tschetschenien markierte die 1990er-Jahre. Was dachte die Schweiz über den Krieg?

 

Andrei Stepanow: Natürlich waren die Schweizer dem Krieg gegenüber kritisch eingestellt und wir über die Kritik offensichtlich nicht sehr erfreut. Um die Reaktion der Schweiz einzuschätzen, muss man auch ihre Mentalität kennen.

Es geht um den Wunsch, Menschen zu helfen, wenn immer die Menschenrechte eingeschränkt werden, wenn Krankheiten oder Hunger herrschen. Die Schweizer wollen helfen, wo immer auch Menschen leiden. Und dies muss man verstehen und einschätzen können, man darf ihnen diese Kritik nicht übelnehmen.

Die Kritik war richtig. Welche Menschenrechte kann es in einem Krieg geben?

swissinfo.ch: Wie waren die Beziehungen der Schweiz zu Boris Jelzin, dem ersten russischen Präsidenten in den Jahren von 1991 bis 1999?

 

A.S.: Die Beziehungen zu Boris Jelzin waren zwiespältig. So gab es zum Beispiel diese Karikaturen, die sich vor allem um das Alkoholproblem drehten. Dennoch wurde er jedes Jahr in die Schweiz eingeladen. Jelzin hatte wirklich Interesse an der Schweiz und hatte den Wunsch, das Land und seine Einwohner kennen zu lernen, zu entdecken. Das hat die Schweiz verstanden, und die Beziehungen waren gut.

Ich erinnere mich an die Diskussionen Jelzins mit [dem ehemaligen Schweizer Aussenminister Flavio] Cotti. Etwas war mir als Diplomat an Jelzin aufgefallen: Während einer 40 Minuten dauernden Diskussion konsultierte er nicht ein einziges Mal die Unterlagen, die für ihn vorbereitet worden waren, sondern kannte deren Inhalt auswendig. Und das weckte bei seinen Gegenübern natürlich Respekt.  

swissinfo.ch: 1996 konnten Sie das 50-Jahr-Jubiläum der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland feiern. Was war besonders an diesem Jubiläum?

 

A.S.: Zuerst luden wir offizielle Vertreter aus Moskau ein, doch fiel deren Antwort nicht eben enthusiastisch aus. Andrei Kosyrew (damals Russlands Aussenminister) räumte später ein, dass Russland die Schweiz unterschätzt habe.

Er war der erste Aussenminister, der in der ganzen Geschichte unserer gegenseitigen Beziehungen überhaupt Bern besuchte. Doch zuerst hatte ich diese Mauer überwinden müssen. Ich überzeugte ihn, zu kommen, und seine Zustimmung war schon ein Sieg in sich selber.

swissinfo.ch: Hatte die Tatsache, dass die Schweiz den Verdacht hatte, russisches Geld sei in der Schweiz gewaschen worden, einen Schatten auf die Beziehungen zwischen den beiden Ländern geworfen?

 

A.S.: Das würde ich nicht sagen. Beide Regierungen bekämpften die Geldwäscherei. Wir halfen soweit wir konnten. Ich hatte sehr gute Beziehungen zu Carla del Ponte [Schweizer Bundesanwältin von 1994-1996]. Sie war eine sehr professionelle, strikte Person – aber mit einem Sinn für Humor.

Die Bundesanwältin fand Dokumente, die sie nach Moskau weiter leitete: Die Geschichte nahm dann eine politische Wende, denn die [russische] Regierung war involviert.

Ich denke, dass Jelzin als Person und Politiker nicht in die Geschichte verwickelt war. Ich weiss aber, dass Leute, die mit ihm arbeiteten, eine Rolle spielten. Wir haben herausgefunden, dass zum Beispiel bei der Renovation des Kremls Bestechungsgelder geflossen waren. Natürlich trug das nicht dazu bei, unsere Beziehungen zu stärken. Aber ich denke, Jelzin hatte die Situation objektiv betrachtet.

swissinfo.ch: Wie haben Sie persönlich den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 erlebt?

 

A.S.: Als die Zeit der Perestroika da war [der Prozess der Umstrukturierung, der begann, nachdem Michail Gorbatschow 1985 Generalsekretär der Kommunistischen Partei geworden war], verstanden wir, dass das Land sich auf eine Sackgasse zu bewegte. Wir brauchten einen Wandel, aber die Art und Weise, wie die UdSSR auseinanderbrach, war strategisch ein Irrtum.

Man hätte sich auf eine Art Konföderation (wie in der Schweiz) mit den baltischen Staaten einigen sollen, zumindest für eine Übergangszeit.

Die Sowjetunion war wie ein Körper. Es war nicht rational, wesentliche Teile einfach los zu werden, das Ganze in Stücke zu zerschneiden. Bei einer Scheidung muss ein Paar auch an die Kinder denken.

swissinfo.ch: Was können Sie zu den heutigen Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz sagen? Sind sich die beiden Länder näher gekommen?

 

A.S.: Die Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz sind eines der besten Beispiele für die Zusammenarbeit, die zwei Staaten in Bezug auf gegenseitige Interessen, Respekt und Herzlichkeit haben können.

Dass der Präsident dieses Jahr die Schweiz besuchte, ist ein Beweis dafür. [Dmitri Medwedew reiste im Januar an das World Economic Forum im Davos, trotz eines Terroranschlags auf den Flughafen in Moskau nur Tage zuvor.]

Wir dürfen uns glücklich schätzen über diese Beziehungen, die zeigen, dass unsere Arbeit in den 90er-Jahren nicht umsonst war. Denn die Beziehungen waren in der Zeit des Kalten Kriegs ziemlich eingefroren, aber wir haben daran gearbeitet, und jetzt haben wir gute Beziehungen.

swissinfo.ch: Was haben Sie von Ihren Jahren in Bern gelernt?

 

A.S.: Ich habe viel über den Föderalismus gelernt, eine erstaunliche Errungenschaft. Die Schweizer stammen von mindestens vier verschiedenen Volksgruppen ab, und obschon die Sprachgruppen gegenseitig Witze reissen und über einander lachen, leben sie zusammen und haben nicht den Wunsch, sich loszusagen. Was sie verbindet sind dieselben Ideale.

swissinfo.ch: Könnte der Föderalismus auch auf Russland übertragen werden?

Falls, so würde es lange dauern. Wir haben eine Kolonial-Geschichte, die verschiedenen Völker sind weit davon entfernt, einander ebenbürtig zu sein. Es würde gleichberechtigte Beziehungen zwischen Tataren, Russen, Udmurten brauchen.

Andrei Iwanovitsch Stepanow

Geboren am 13. Februar 1930 in Kaluga in der damaligen Sowjetunion.

Nach dem Abschluss seiner Studien mit Schwerpunkt Geschichte an der staatlichen Universität Lomonosow in Moskau hatte Stepanow einen Posten an der Akademie für Diplomatie des sowjetischen Aussenministeriums.

Danach bekleidete er diplomatische Posten in den sowjetischen Botschaften in der DDR und in Österreich.

1992, nach dem Zerfall der Sowjetunion, wurde Stepanow vom russischen Präsidenten Boris Jelzin zum Botschafter in der Schweiz ernannt.

1999 kehrte Stepanow nach Russland zurück. Seither lehrt er als Professor an der Diplomatischen Schule des russischen Aussenministeriums.

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Wie es zum Berner Tagebuch kam

Stepanow schrieb die Memoiren über seine Zeit in der Schweiz erst, nachdem er nach Moskau zurückgekehrt war. Während den Jahren als Botschafter in Bern habe er kaum genug Zeit gehabt für seine beruflichen Aktivitäten.

Während den Jahren in Bern sammelte er Bücher über die Schweiz, legte Artikel zur Seite und notierte seine Gedanken zu Programmen von Radio und Fernsehen. Daneben machte er Notizen über Gespräche, die Natur, Tiere und seine Reisen.

Nach der Rückkehr nach Moskau 1999 begann er mit der Durchsicht seines Materials und schrieb schliesslich mit Hilfe seiner Frau die Memoiren über seine Jahre und Erfahrungen in der Schweiz.

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Bruch erst 1923

Nach der Oktober-Revolution 1917 wurden die offiziellen Beziehungen zwischen der Schweiz und  Russland nicht unterbrochen.

Anfang 1918 kam Yan Berzin als Vertreter der Sowjetunion nach Bern, was der faktischen Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Staaten gleichkam.

Im November 1918 wurden Berzin und das übrige Botschaftspersonal aus der Schweiz ausgewiesen, weil ihnen revolutionäre Propaganda und die Einfädelung des Landesstreikes vorgeworfen wurde.

Zu einem formellen Bruch kam es aber nicht.

Am 23. Mai 1923 wurde Wazlaw Worowski in Lausanne ermordet. Dort hätte er als Mitglied der sowjetischen Beobachterdelegation zu den Verhandlungen zum Vertrag von Lausanne teilnehmen sollen.

Täter war der Russland-Schweizer Maurice Conradi, der 1923 freigesprochen wurde.

Schon zuvor hatte Moskau einen Boykott über die Schweiz verhängt. Dies führte zur formellen Aufhebung der diplomatischen Beziehungen der beiden Länder.

Erst 1946 wurden diese wieder aufgenommen.

Quelle: Russisch-Schweizerisches Zentrum der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, Aktualisierung von Juni 2014.

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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