Leben und Altern

Warum Suizidbeihilfe in der Schweiz normal ist

Dieser Inhalt wurde am 12. März 2020 - 11:28 publiziert
Corinna Staffe (Illustration)

Viele Ausländer und Ausländerinnen reisen in die Schweiz, um sich mit Hilfe einer Organisation das Leben zu nehmen. In der Schweiz gilt ein assistierter Suizid als legitime Option am Lebensende.

Im Jahr 2014 nahm sich This Jenny, ein bekannter Schweizer Politiker mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation «Exit» das Leben. Er war unheilbar an Magenkrebs erkrankt. Das Schweizer Fernsehen begleitete ihn in seinen letzten Wochen und machte ohne Scheu auch den assistierten Suizid zum Thema. Nach dem Tod des Politikers ging nicht etwa ein Aufschrei durch das Land. Sondern Anteilnahme und Bewunderung.

Der assistierte Suizid geniesst in der Schweizer Bevölkerung breite Akzeptanz. In Sachen Sterbehilfe ist die Schweiz eines der fortschrittlichsten Länder der Welt.

Immer mehr Menschen liebäugeln selbst mit dem assistierten Suizid und werden Mitglied bei einer Sterbehilfeorganisation. "In der Schweiz wissen wir, dass uns diese Möglichkeit offen steht, wenn wir sie brauchen", sagt Ethik-Professorin Samia Hurst-Majno von der Universität Genf. "Die Fälle von assistierten Suiziden bleiben auch in der Schweiz selten. Aber viele Menschen sind beruhigt, dass es diese Möglichkeit gibt, auch wenn sie nie von ihr Gebrauch machen."

Volksabstimmungen und Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung Suizidbeihilfe nicht verbieten will. Nachdem die Zürcher Bevölkerung sich 2011 wuchtig gegen eine Einschränkung der Suizidhilfe ausgesprochen hatte, verzichtete die Schweizer Regierung kurz danach darauf, die organisierte Suizidhilfe national zu regulieren. Obwohl der Europäische Menschenrechtsgerichtshof die Schweiz wegen ihrer zu wenig klaren Rechtslage bereits gerügt hat.

Hurst-Majno sieht eine mögliche Erklärung dafür, dass die Schweizer Gesetzgebung zum assistierten Suizid bereits seit langem besteht und dadurch ein ein Vertrauen in Bevölkerung wachsen konnte, dass es nicht zu Missbräuchen kommt.

"Wir vertrauen darauf, dass psychisch Kranke an Präventionsdienste weiterverwiesen werden, dass alle anderen Alternativen geprüft werden und der assistierte Suizid nur als letzter Ausweg für Personen mit rationalem Suizidwunsch offensteht," sagt die Professorin.

Anfangs des 20. Jahrhunderts entkriminalisierte die Schweiz – wie viele andere Länder – den Selbstmord. "Wenn der Suizid ein Verbrechen ist, dann ist die Suizidhilfe eine Mittäterschaft", erklärt Hurst-Majno. "Ohne Verbrechen fällt aber auch die Mittäterschaft weg."

Deshalb habe es in der Schweiz eine Debatte gegeben, in der man sich darauf einigte, den Egoismus zum entscheidenden Punkt zu machen: "Wer jemandem beim Suizid hilft, der finanziell von einem abhängig ist oder von dem man erben wird, soll bestraft werden", erklärt Hurst-Majno. "Wenn keine solchen selbstsüchtigen Motive bestehen, ist das Helfen hingegen kein Verbrechen."

In den meisten Ländern sind aktive Sterbehilfe oder der assistierte Suizid verboten. Die Schweiz ist eines der ganz wenigen Ländern, in denen auch Ausländer den assistierten Suizid in Anspruch nehmen können. Deshalb hat sich ein "Sterbetourismus" entwickelt: Ausländer und Ausländerinnen kommen zum Sterben in die Schweiz.

Laut Dignitas, der wohl international bekanntesten Organisation, hatten 2019 über 90 Prozent der Mitglieder ihren Wohnsitz im Ausland.

Besonders wenn die Sterbewilligen nicht todkrank sind, sondern lebensmüde oder psychisch krank, sorgt das auch in der Schweiz für Debatten. Manche Ärzte oder Ärztinnen sind in solchen Fällen nicht bereit, das Rezept für ein tödliches Mittel auszustellen.

Schweizer Sterbehilfe-Organisationen setzen sich dafür ein, dass auch betagte und lebensmüde Menschen ohne terminale Krankheit einen erleichterten Zugang zu tödlichen Medikamenten haben.

Manche Organisationen gehen sogar so weit, sich in anderen Ländern für die Legalisierung des assistierten Suizids einzusetzen. Sei es mit Musterprozessen, Eingaben in Vernehmlassungsverfahren, Lobbying, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit.

Ihre Vision: Sterbehilfe soll eines Tages weltweit legal sein, so dass niemand mehr dafür in die Schweiz reisen muss.  

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