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Singen verboten: Gab es das schon mal?

Weihnachten 2020 ist es Engeln vorbehalten zu singen. Chocoholic / Alamy

Covid 19 lässt uns keine andere Wahl: Das gemeinsame Singen in öffentlichen Räumen ist verboten, Weihnachten hin oder her. Eine ungewohnte, aber notwendige Massnahme. Gab es schon einmal etwas Vergleichbares?

Dieser Inhalt wurde am 19. Dezember 2020 - 13:00 publiziert
Sibylle Ehrismann

Das gemeinsame Singen in Kirchen und in Chorvereinen ist in der Schweiz im Moment verboten, zu gefährlich in Zeiten des aggressiven, sich schnell ausbreitenden Covid 19-Virus. Dass wir zurzeit nicht gemeinsam singen dürfen, leuchtet aber allen ein. Gerade in Gottesdiensten werden deshalb Pfarrpersonen und OrganistInnen kreativ: Die einen lassen das Lied zum Spiel der Orgel von der Gemeinde mitsummen, andere Pfarrer lesen die Strophen im Wechsel mit dem Orgelspiel. Auch die Idee, dass Männer und Frauen wechselweise die Strophen lesen, ist originell. Die Lieder scheinen, eben weil man sie nicht singen darf, wieder bewusster wahrgenommen zu werden.

In der reformierten Kirche gab es schon einmal ein Singverbot, das ist jetzt knapp 500 Jahre her. Der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli verbannte 1525 die Musik gleich ganz aus seinen Gottesdiensten im Grossmünster. Der Grund dafür war damals kein Virus, das sich andernfalls verbreitet hätte. Vielmehr fürchtete der Reformator, dass die Musik das biblische Wort übertöne: Alles war ihm zu laut und zu pompös. Man sollte dem Gotteswort nur schweigend und andächtig begegnen, in stillem Gebet. Dafür liess der Reformator nicht nur den Gesang verstummen, er befahl auch den Ausbau von Orgeln – keine Musik sollte mehr die Andacht "stören".

Interessant ist die Tatsache, dass damals trotz Zwinglis Singverbot in der Kirche in der Stadt Zürich erstaunlich viele Psalmenbüchlein von Lobwasser verkauft wurden. Die Menschen pflegten noch das häusliche Singen, man sang diese Lieder zur Erbauung daheim. Das gemeinsame Singen zuhause, das könnte durchaus auch heute, in Corona-Zeiten, eine Option für singfreudige Familien sein.

Der Männerchor "Die Berner Liedertafel" existiert noch heute. Bild 1850. Staatsarchiv Des Kantons Bern

Die Schweiz ist musikalisch gesehen das Land der Chöre. Während der Entstehung des Schweizer Nationalstaates Mitte des 19. Jahrhunderts schossen Männerchöre wie Pilze aus dem Boden, man sang gemeinsam liberales patriotisches Liedgut. Und die Chorfeste wurden immer grösser, aus den kantonalen Sängerfesten wurden Eidgenössische, zu denen alle von weit her anreisten. Die Schweizer Männer vereinten sich so singend zu einem Bundesstaat.

Für Frauen jedoch galt das öffentliche Singen lange Zeit als unschicklich. Die Katholische Kirche verbot den Frauen das Reden und das Singen in der Kirche und berief sich dabei auf das Paulinische Gebot "mulier taceat in ecclesia" (1. Kor. 14.34), die Frau habe in der Kirche zu schweigen. Einzig in den Frauenklöstern sangen die Nonnen in der Messe und komponierten auch für den Eigenbedarf. Um aber die hohen Stimmlagen (Sopran und Alt) in den vierstimmigen Chören dennoch besetzen zu können, pflegte man Knabenchöre und kultivierte "Kastraten", die nach einem operativen Eingriff keinen Stimmbruch bekamen.

Eine interessante Ausnahme bildeten da die vier "Venetianischen Ospedali" (ursprünglich Waisenhäuser) für Mädchen, in denen die musikalische Ausbildung von Mädchen seit dem 16. Jahrhundert gross geschrieben wurde. Deren Konzerte waren weltberühmt und wurden zu einem internationalen Anziehungspunkt für den Fremdenverkehr Venedigs. Grosse Komponisten wie etwa Antonio Vivaldi unterrichteten hier und schrieben einige Werke für diese fabelhaften Mädchenchöre.    

Singend demonstrieren Frauen in Minsk, 12. August 2020. Sergei GAPON / AFP

Dass in Diktaturen das Singen verpönt ist, verwundert nicht. So haben erst kürzlich Frauen in Minsk/Belarus ein "Singen gegen die Diktatur" angestimmt. Und im Iran wird seit der islamischen Revolution Frauen verboten, in der Öffentlichkeit zu singen. Der Film "No Land’s Song" (2014) zeigt auf, was dieses Verbot bedeutet und wie Sängerinnen für ein Ziel kämpfen: endlich aufzutreten!

Die Folgen diktatorischer Repressionen hat die Nobelpreisträgerin Herta Müller in ihrem Erzählband "Niederungen" (1982) sehr eindrücklich geschildert. Sie beschreibt darin schonungslos das Aufwachsen in der rumänischen Diktatur in der Provinz. Nicht nur das Denken und Reden war verboten, sondern auch das Singen: "Ich dachte beim Blumenpflücken ununterbrochen daran, dass ich den Mund nicht öffnen darf. Nur manchmal bekam ich Lust zu singen. Ich biss die Zähne zusammen und zerdrückte das Lied. Es kam ein Summen über meine Lippen, und ich schaute mich um, ob nicht gerade wegen dem Summen eine Biene auf mich zukommt. Es war weit und breit keine Biene zu sehen. Ich wollte aber, dass eine kommen soll. Und ich werde weiter summen und ihr zeigen, dass sie mir nicht in den Mund fliegen kann."

Das wirkungsvolle Ansingen gegen politische Unterdrückung wusste schon der italienische Komponist Giuseppe Verdi in seiner Oper "Nabucco" zu nutzen. Das geknechtete Volk begehrt im berühmten "Gefangenenchor" einstimmig auf, Frauen wie Männer im Unisono. Damit traf Verdi den politischen Nerv der Zeit, die unterdrückten Italiener sangen sein Chorlied auf den Strassen lauthals nach.

Natürlich hat das freudige Singen, das Jubilieren, die bedeutsamste Geschichte. Der Inbegriff dafür ist Beethovens 9. Sinfonie mit dem berühmten Schlusschor zu Friedrich Schillers "Ode an die Freude" – oft und immer wieder an besonders festlichen politischen Ereignissen aufgeführt. Je mehr Menschen ein und dasselbe Lied singen, desto lauter und schlagkräftiger wird es, sei das zum Lobe Gottes, zur Freude oder zum Protest gegen Unterdrückung. Wer selber schon einmal in einem Chor gesungen hat, der kennt das erhebende Gefühl, wenn die eigene Stimme vom grossen Klang aller mitgetragen wird.

Nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg dachten einige Künstler über die ästhetische Bedeutung der menschlichen Stimme nach. Die grosse österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann schrieb der menschlichen Stimme eine visionäre Kraft zur Verschmelzung der beiden Künste Musik und Dichtung zu. In ihrem 1959 erschienen Essay "Die wunderliche Musik" schreibt sie: "Zuzeiten sind wir Dachbewohner und pfeifen von allen Dächern. In anderen Zeiten leben wir in Kellern, singen, um uns Mut zu machen und die Furcht im Dunkel zu überwinden. Wir brauchen Musik. Das Gespenst ist die lautlose Welt."

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