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Das Jahrhundertbauwerk im Spiegel der Kunst

Symbole, Zeichen und Farben des Kulturprojekts "Mutamenti"

Die kulturellen Entwicklungen in der globalisierten Welt werden von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia in einem reichhaltigen Kulturanlass namens „Mutamenti" reflektiert.

Die zweitägige Veranstaltung findet in der Tessiner Kantonshauptstadt Bellinzona statt.

Es handelt sich um das Schlussprojekt von Gallerie 57/34.6, einem Programm der Kulturstiftung.

Die Zahlen 57/34,6 nehmen Bezug auf die Länge der neuen Basistunnel. Ort der Veranstaltung sind die drei Burgen von Bellinzona, die auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes stehen.

«Mutamenti» verfolgt einen multidisziplinären Ansatz, um die Auswirkungen der Globalisierung auf das künstlerische und kulturelle Schaffen in der Schweiz aufzuzeigen.

Mobilität und die Beziehungen zum Ausland haben die Kultur in der Schweiz traditionell stark beeinflusst.

Die neuen Basistunnel im Alptransit – der soeben eröffnete Lötschberg-Tunnel und der im Bau befindliche Gotthard-Tunnel – geben Denkanstösse, die über die rein wirtschaftliche Komponente dieser Bauwerke hinausführen.

Denn die Tunnel eröffnen auch in künstlerischer Hinsicht eine neue Dimension.

Künstler interpretieren die Wirklichkeit

«Die eingeladenen Künstler stellen grösstenteils Werke vor, die sie eigens für die Räume in den Castelli geschaffen haben», sagt Boris Magrini, der künstlerische Direktor von «Mutamenti». Diese Werke zeigten die neuesten Tendenzen in der Schweizer Kunstszene auf.

Die Künstler interpretierten zudem die Wandlungen (mutamenti) der Gesellschaft. «Auf die Entwicklungen antworten die Künstler ironisch und überraschend, manchmal auch provokativ.» Die jeweiligen künstlerischen Sprachen reichen von der Malerei über Videos bis zu Klanginstallationen und Fotografie.

Das Phänomen der Globalisierung ist nicht neu. «Aber es hat in den letzten Jahren so stark an Bedeutung zugenommen, dass es selbst regionale Realitäten entscheidend prägt», meint Magrini.

Innehalten in einer beschleunigten Welt

Diese Entwicklung ist Grund genug, sich etwas Zeit zum Nachdenken zu nehmen, für einen Moment innezuhalten und neue Wege zu gehen. «Unser kultureller Horizont soll nicht einfach das Nebenprodukt unseres Wirtschaftssystems sein, sondern der genuine Ausdruck unserer ureigenen Identität.»

Zum «Innehalten und bremsen» lädt auch der Tessiner Künstler Nando Snozzi ein. Er hat ein Kunstwerk geschaffen, das sich ganz nah an der Realität der Neat-Baustellen bewegt: «Wir bauen die Neat, um immer schneller zu sein und grosse Distanzen in immer weniger Zeit zurückzulegen. Doch es ist notwendig, zu bremsen und die Dimension der Langsamkeit wiederzuentdecken.»

In einem Projekt „segnidiversisegnatiinversi», das Snozzi im Rahmen des Programm Gallerie 57/34,6 km geschaffen hat, kommen vor allem die Protagonisten der beiden grossen Neat-Baustellen zu Wort.

Arbeiter, Kaderleute, aber auch ganz normale Besucher, die eingeladen wurden, auf riesigen Zeitungsseiten (100x 70cm) Eindrücke und Gedanken zu hinterlassen. So entstand eine grosse Collage, die im Rahmen der Ausstellung im Castello Sasso Carbora gezeigt wird.

Zeugnisse von der Baustelle

Jede Seite dieses Kunstwerks zeigt vollkommen verschiedene Aspekte der Realität auf den Baustellen auf. Es werden Geschichten erzählt oder kleine Geheimnisse gelüftet – durch Zeichnungen und Texte, mit unterschiedlichen. Farben und Formen.

«Von meiner Zeit auf den Baustellen sind mir viele Bilder im Gedächtnis geblieben: Einerseits die Mineure, die tief unter der Erde arbeiten, im Lärm, und im Bewusstsein, die Erde falle ihnen auf den Kopf; auf der anderen Seit die lachenden Gesichter der Kaderleute, die ständig betonen, dass man an einem Bauwerk von weltweiter Bedeutung arbeitet.»

Welchen Platz nimmt die Kunst in dieser Welt der grossen Veränderungen ein? «Die Kunst hat sich stets entlang neuer Grenzen bewegt. Ich bin überzeugt, dass auch die Globalisierung die Kultur nicht aus der Welt schaffen kann. Kultur ist Erinnerung und ein Spiegel unseres Seins», sagt Snozzi.

swissinfo
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Die Veranstaltung «Mutamenti» in den drei Castelli von Bellinzona findet am 24./25.August statt.

In Vorträgen, Debatten, Lesungen, Videovorführungen und Konzerten wird über die sich wandelnde Welt nachgedacht. Die zugehörige Ausstellung bleibt bis 4.November geöffnet.

Mutamenti ist das Schlussprojekt – nach sechsjähriger Laufzeit – von Gallerie 57/34,6 km, einem Programm der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia über die Tunnelbauten am Gotthard und Lötschberg.

Mit diesem Projekt wollte Pro Helvetia im Umfeld der Neat-Baustellen in den Kantonen Uri, Graubünden, Bern und Tessin kulturelle Denkanstösse schaffen und sich in historischer Perspektive mit der Beziehung zwischen Mobilität und künstlerischer Identität befassen.

Auch Aspekte des kulturellen Dialogs zwischen den Sprachregionen und dem Ausland wurden thematisiert.

Der Gotthard-Basistunnel wird mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt sein. Seine Eröffnung war anfänglich für 2011 vorgesehen. Inzwischen ist von einer Inbetriebnahme im Jahr 2018 die Rede.

Der Lötschberg-Basistunnel (34,6 km) ist am 15.Juni 2007 eingeweiht worden. Gemäss letzten Schätzungen kostete der Bau 4,3 Milliarden Franken.

Die Gesamtkosten der Neuen Alpentransversalen (Neat) wurden anfänglich auf 14,7 Milliarden Franken beziffert. Inzwischen sind die Kostenvoranschläge auf 20 Milliarden Franken in die Höhe geklettert.

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