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UNO sagt Zivilisationskrankheiten den Kampf an

Riesen-Hamburger: Ein Hit in den USA.

(Keystone)

Immer mehr Menschen fallen Krankheiten wie Herz- und Kreislaufleiden, Diabetes oder Krebs zum Opfer. Jetzt hat die UNO diesen Krankheiten den Kampf angesagt, gepaart mit schweren Vorwürfen gegen die Tabak-, Alkohol- und Lebensmittel-Industrie.

Bei einem hochrangigen Treffen im Vorfeld der diesjährigen UNO-Generaldebatte wurde in New York eine entsprechende politische Erklärung verabschiedet.

Die Schweiz war mit einer Delegation unter Leitung von Bundespräsidentin und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey vertreten.

Nach einem Bericht der Weltgesundheits-Organisation (WHO) sind chronische Krankheiten heute mit 36 Millionen Toten die Ursache von 63% aller Todesfälle weltweit. Tendenz deutlich steigend.

Die gravierendsten Risikofaktoren, die für diese nicht übertragbaren Krankheiten verantwortlich sind: Tabakkonsum, zu wenig Bewegung, ungesunde Ernährung und zu viel Alkohol.

Auf politischer Landkarte positioniert

Mit der politischen Erklärung hat sich die UNO-Vollversammlung erst zum zweiten Mal mit einem drängenden gesundheitspolitischen Thema globalen Ausmasses befasst. Beim ersten Mal, vor zehn Jahren, war es um ansteckende Krankheiten wie Aids/HIV, Malaria und Tuberkulose gegangen. In diesem Bereich wurde unterdessen viel erreicht.

Ist mit der Konferenz eine globale Kampagne angestossen worden, wollte swissinfo.ch von Botschafter Gaudenz Silberschmidt wissen, dem Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit (BAG), der die Debatten in New York mitverfolgt hatte.

"Es war ein erster grosser Schritt. Das Thema wurde erstmals auf der globalen politischen Landkarte positioniert. Für die Zukunft wird entscheidend sein, was in den nächsten 12 Monaten passiert. Ich hoffe auf eine weitere konstruktive Debatte, auf sinnvolle Zusammenarbeit zwischen den verschiedensten betroffenen Kreisen", erklärte Silberschmidt.

Die politische Erklärung ist unverbindlich formuliert, sie enthält keine Zieldaten und keine neuen Finanzierungs-Mechanismen. Sie soll das Bewusstsein für die Problematik schärfen und Regierungen aus aller Welt helfen, einen Weg aus der Misere aufzuzeigen.

Ein Problem, das alle angeht

Wichtige Aussagen der politischen Erklärung aus Schweizer Sicht sind laut Silberschmidt unter anderem, dass die Staats- und Regierungschefs anerkannt haben, dass die nicht übertragbaren Krankheiten eine Herausforderung sind, "der wir uns stellen müssen".

Es sei klar, dass es nicht bloss um Fragen gehe, mit denen sich nur die Gesundheitsminister befassen müssten, sondern um ein Problem, das die Gesellschaft als Ganzes angehe.

Auch gebe es einen klaren Konsens: Diese Probleme könnten nicht einfach mit neuen Finanzversprechen oder einer neuen Organisation gelöst werden, es brauche in erster Linie Prävention. "Dazu müssen die Gesundheitssysteme gestärkt und die verschiedensten Akteure miteinbezogen werden."

Es brauche sinnvolle und adaptierte Ziele, die nun ausgearbeitet werden müssten. Dabei solle die WHO mit ihrem thematischen Wissen im Rahmen des Follow-up eine tragende Rolle spielen, unter Einbezug der anderen betroffenen Sektoren und Akteure. "Denn es ist eine Frage, die wirklich die Gesellschaft als Ganzes angeht."

Um diesen Krankheiten Einhalt zu gebieten, brauche es nicht nur Medikamente, sondern primär eine gesellschaftliche Bewegung, um den notwendigen Wandel einzuleiten. "Es gibt heute Staaten wie Nauru, in denen 45% der Erwachsenen an Diabetes leiden, was auch wirtschaftlich schlicht nicht tragbar ist."

Dazu, dass die politische Erklärung im Bezug auf Zahlen unverbindlich ist, was teilweise auf Kritik aus der Zivilgesellschaft stiess, sagt Silberschmidt, diese Unverbindlichkeit sei eigentlich positiv. "Denn mit Versprechen von Geld allein würden wir keine guten Lösungen finden."

Natürlich seien beim Kampf gegen Aids/HIV, Malaria und Tuberkulose dank dem globalen Fonds grosse Fortschritte erzielt worden. "Beim Kampf gegen die nicht übertragbaren Krankheiten stehen aber Prävention und Stärkung der Gesundheitssysteme im Vordergrund."

Daten vor Aktionsplan

WHO-Direktorin Margaret Chan hatte erklärt, dieses Mal gehe es nicht um einen Kampf gegen Viren oder Bakterien, sondern darum, Strategien zu entwickeln gegen Krankheiten, die oft eine Folge des Lebensstils seien.

Um einen Aktionsplan zu erstellen, müssen laut Chan die Grundlagen für wirksame Massnahmen geschaffen werden. Dazu brauche es verlässliches Datenmaterial. Todesfälle müssten erfasst und deren Ursachen dokumentiert werden.

Solche Daten brauche es, um zielgerichtete Kampagnen entwickeln zu können. Chan hofft, dass bis Ende 2012 ein Aktionsprogramm gestartet werden kann.

Silberschmidt ergänzt, es brauche neben Todesstatistiken auch fundierte Berechnungen darüber, "welche volkswirtschaftlichen Kosten entstehen, wenn wir in dieser Entwicklung nicht deutlich Gegensteuer geben".

Harte Vorwürfe

Zum Auftakt der Konferenz hatte UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon einen dringenden Appell an die Staatengemeinschaft gerichtet, sich der Probleme anzunehmen.

Zudem forderte der UNO-Chef die Lebensmittel-Industrie auf, ihre Produktion verantwortlich und nachhaltig zu gestalten und richtete einen Appell an die Alkohol-Industrie.

Auch WHO-Direktorin Chan stellte die Lebensmittelhersteller an den Pranger, wegen der Produktion von Junk Food mit viel Fett, Salz und Zucker. Wenn 40 Millionen Schulkinder fettleibig seien, laufe etwas schrecklich "schief". Chan geisselte auch die "abscheulichen" Verkaufsstrategien der Tabak-Industrie.

Todesursache Nr. 1

Nicht übertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Krebs, Erkrankungen der Atemwege und Diabetes sind heute Todesursache Nummer eins.

Fast zwei Drittel aller Menschen sterben an nicht übertragbaren Krankheiten. 48% dieser Todesfälle entfallen auf Herz-Kreislauf-Krankheiten, 21% auf Krebs, 12% auf chronische Atemwegs-Erkrankungen und 3% auf Diabetes.

2008 starben mehr als 36 Millionen Menschen an einer dieser Krankheiten. Mehr als neun Millionen dieser Todesfälle traten vor dem 60. Lebensjahr ein. Diese "vermeidbaren", verfrühten Todesfälle erfolgten zu etwa 80% in ärmeren Ländern.

In der Schweiz trifft es laut WHO 26,9% der Männer und 15% der Frauen vor dem 70. Lebensjahr.

Die WHO geht davon aus, dass die Zahl der Todesfälle aufgrund von nicht übertragbaren Krankheiten zwischen 2010 und 2020 weltweit um 17% zunehmen werde, in Afrika gar um 24%.

Ohne bedeutende Fortschritte im Kampf gegen Diabetes, Krebs, Herz- und Kreislaufleiden sowie Atemwegs-Erkrankungen dürfte die Belastung der Weltwirtschaft durch solche Erkrankungen bis zum Jahr 2030 auf 30 Billionen Dollar anwachsen. Zu diesem Schluss kamen das Weltwirtschaftsforum und die Harvard School of Public Health in einer jüngst veröffentlichten Studie.

(Quelle: Agenturen/WHO)

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Schweiz setzt auf Prävention

Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, welche die Schweiz an der Konferenz vertreten hatte, hatte in ihrer Rede erklärt, in erster Linie müsse man auf Prävention setzen und gezielte Massnahmen zur Förderung der Gesundheit der Bevölkerung ergreifen. Rauchen und der Missbrauch von Alkohol müssten bekämpft werden.

Eine beträchtliche Zahl von verfrühten Todesfällen könnte vermieden werden, wenn auf eine ausgewogene Ernährung und körperliche Betätigung geachtet werde. Dies in der Bevölkerung zu verankern brauche aber auch einen starken globalen, politischen Willen, sagte die Aussenministerin.

Wichtig sei weiter, alle staatlichen und privaten Akteure im Kampf gegen diese Krankheiten einzubeziehen. Calmy-Rey warnte auch von den negativen Folgen der nicht übertragbaren Krankheiten für die weltweite Wirtschaftsentwicklung und die drohende Explosion der Gesundheitskosten.

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