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Warum Merantix-Gründer Adrian Locher für KI auf Berlin statt Zürich setzte

Adrian Locher
Adrian Locher wollte in Europa etwas Neues aufbauen und landete mit seinem Unternehmen in Berlin. SWI swissinfo.ch

Der Auslandschweizer Unternehmer Adrian Locher suchte nach dem Verkauf seines Start-ups Dein Deal den idealen Standort für ein KI-Ökosystem – und entschied sich gegen die Schweiz und für Deutschland. Ausschlaggebend waren internationale Talente, tiefere Hürden bei der Rekrutierung und die Chance, in Europa etwas Neues aufzubauen.

Ein moderner Neubau nahe des Berliner Nordbahnhofs: Der Merantix Campus ist ein Ort, an dem die KI-Fäden zusammenlaufen. Adrian Locher hat ihn gegründet. Doch zugleich ist er hier einer unter vielen, holt Kaffee aus der Maschine und setzt sich an einen der zahlreichen Tische in der einladenden Co-Working-Etage. Wenn es so etwas wie ein Gründer-Gen gibt, dann ist er damit ausgestattet.

Unsere Serie porträtiert Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland Unternehmen gründen und aufbauen. Anhand ihrer persönlichen Werdegänge zeigen wir, warum sie ihre Projekte jenseits der Landesgrenzen realisieren, welche Rahmenbedingungen sie dort vorfinden und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.

Anhand ihrer Lebenswege zeigt diese Serie zudem, wie die Fünfte Schweiz zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Ausstrahlung der Schweiz beiträgt.

Schon während seines Studiums der quantitativen Ökonomie und BWL an der Universität St. Gallen gründete er seine erste Firma. 2015 stand ihm nach dem Verkauf des von ihm gestarteten Schnäppchenportals Dein Deal an die Ringier Gruppe plötzlich beachtliches Kapital zur Verfügung.

Inspiration im Silicon Valley

Was nun? Er nahm sich erst einmal eine Auszeit und reiste mit seiner Familie ins Silicon Valley auf der Suche nach Inspiration für den nächsten Schritt. «Ich wollte einfach mal einen anderen Horizont und war auf der Suche nach neuen Themen», erinnert er sich im Gespräch mit Swissinfo.

Zürich wurde ihm damals zu eng, «ein bisschen zu klein, zu eingesessen». In Europa war das Thema Künstliche Intelligenz damals nur Insidern ein Begriff, der disruptive Charakter noch weit entfernt. Doch im Silicon Valley nahe San Francisco spürte der Schweizer mit Jahrgang 1982, dass hier etwas ganz Grosses begann.

Er tauchte ein in die Start-Up-Ökonomie der US-Westküste, sprach mit ihren Akteur:innen und lernte, wie das Ökosystem rund um die KI-Revolution dafür sorgt, dass aus Ideen Unternehmen werden. «Ich fand die Dynamik dort schon unglaublich inspirierend, das Ambitionslevel und das Selbstverständnis, die Welt verändern zu wollen. Da waren so Leute wie Elon Musk, die schon damals völlig besessen waren von diesem Thema. Das ganze Umfeld strebte nach grossen Zielen.»

Und nicht nur das: Hier bauten alle gemeinsam an der grossen Sache, die Sphären interagierten, die Expertisen kamen zusammen. In Europa fehlt so ein Ort, so ein Klima noch heute.

Standortsuche in Europa

Er hatte sein neues Thema gefunden – aber noch nicht den perfekten Ort für den unternehmerischen Neuanfang. San Francisco schien ihm als Lebensort für die Familie zu abgehoben. Er wollte etwas Neues in Europa aufbauen. Dafür braucht er Expert:innen, die er aus der ganzen Welt anlocken musste. Spitzenforschung aus Spitzenunis, Spitzentalente, Investor:innen, eine Stadt und eine Regierung, die unterstützen.

Gemeinsam mit seinen deutschen Co-Founder Rasmus Rothe, einem international renommierten KI- und Computer-Vision-Experten, ging er auf Europatour auf der Suche nach dem perfekten Standort für MerantixExterner Link. Sie schauten sich Zürich, Stockholm, London und Barcelona an.

Dann wurde klar: Nirgends gibt es vor Ort die besten Köpfe aus allen Bereichen, die sie für ihr ehrgeiziges Unterfangen brauchen. Sie würden sie anlocken müssen: London war eine Möglichkeit, aber dort gab es bereits ein KI-Ökosystem, in Berlin damals noch nicht. «Wir sahen das als grosse Chance, das einfach zu kreieren.»

2016 gründete Adrian Locher mit Partner Rasmus Rothe Merantix. 2021 zog das Unternehmen in den Merantix Campus. Es ist ein Ort, an dem die KI-Fäden zusammenlaufen.

Merantix ist eine innovative Mischung aus Ideen-Inkubator, Start-Up-Schmiede und Investmentgesellschaft. Im dem 5200 Quadratmeter grossen Co-Working-Space im Campus kann sich, wer immer sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, zum Selbstkostenpreis einmieten. Hier trifft der Wissenschaftler auf die Investmentbankerinnen, der Programmierer auf die Start-up-Expertin. Sie sollen sich verknüpfen, inspirieren lassen gemeinsam ihre Ideen vorantreiben und nach Finanzierung Ausschau halten.

Rund 100 Teams aus Start-Ups, Forschung, Investorengemeinschaft und Regierung arbeiten dort derzeit, über 300 Events im Jahr fördern die Vernetzung. In die vielversprechendsten Ideen investiert Merantix auch selbst. Zehn Unternehmen befinden sich gerade im Portfolio. Merantix Capital ist derzeit unter anderem an der digitalen Fertilitätsklinik Ovom Care beteiligt, die KI nutzt, um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. Die Methode wird bereits in Portugal in einer Klinik angewendet. Und schliesslich bietet Merantix Services auch selber KI-Lösungen an.

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Berlin ist hipper als Zürich

Berlins Ruf als kosmopolitische und hippe Metropole half, Menschen aus aller Welt ins Team zu holen. Für das erfolgreiche Wachstum von Merantix war das ein entscheidender Faktor. «Es ist einfach eine attraktive Stadt. Die Menschen leben gerne hier», sagt Locher. Auch wenn ihn persönlich einiges nervt: Der Dreck, der unzuverlässige öffentliche Nahverkehr, die Kommunikation mit den Behörden.

Auch beim Thema Arbeitsbewilligungen sprach mehr für Berlin als für Zürich. Vor zehn Jahren sei es in der Schweiz eine grosse Herausforderung gewesen, Leute aus dem Nicht-EU/EFTA-Raum zu rekrutieren, sagt Locher. Merantix denke und arbeite jedoch global: «Wir haben Leute aus über 50 Nationen.» Die nach Deutschland zu holen, sei kein Problem. «Das ist hier wirklich nur eine Sache von ein paar Wochen und dann hast du alles erledigt.»

In Zürich, wo in der Finanzwelt so viele attraktive Arbeitgeber mit hohen Gehältern locken, sei es zudem schwerer, gute Köpfe für ein Start-Up zu gewinnen. In Berlin wiederum gibt es kaum Big Player, die Lebenshaltungskosten waren zudem erheblich geringer.

Die Kehrseite der Medaille, gesteht er ein, sei die deutsche Bürokratie. «Ich würde schon sagen, dass die Leute hier nicht wegen, sondern trotz der Administration erfolgreich sind.» Diese funktioniere in der Schweiz eindeutig besser.

Bei den Schreiben vom Berliner Finanzamt fühle er sich nicht wie ein Kunde, sondern eher wie ein Leibeigener. Alles sei unglaublich langsam und kompliziert. Doch auch dem Aspekt kann er etwas Positives abgewinnen: Wer sich mit diesen Widrigkeiten arrangieren müsse, entwickle eine höhere Resilienz, und die wiederum sei durchaus hilfreich. Bequemlichkeit ist ein Feind des Erfolgs.

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Der Erfolg hat seinen Preis

Adrian Locher brennt für seine Ideen. Doch der Erfolg hatte seinen Preis, auf den er vor kurzem sehr offen und persönlich in einem Podcast hingewiesen hat. «Ich habe die Geburt meines Sohnes verpasst», bekennt er. Er pendelte damals, vor fast zehn Jahren, zwischen San Francisco und Europa hin und her, getrieben von seinen neuen Ideen und dem Gedanken, auf beiden Kontinenten gleichzeitig neue Unternehmen aufzubauen. Es folgte eine persönliche Krise und die Einsicht, mehr Zeit für sich und seine Kinder in sein Leben zu integrieren.

«Ich habe mich verbrannt und daraus gelernt, dass ich Dinge anders machen muss, dass ich meine Balance finden muss, wenn ich langfristig erfolgreich und auch glücklich sein will.» Heute lebe er bewusster und entscheide, wo es sich lohnt Vollgas zu geben und wo nicht. Doch es bleibe eine beständige Herausforderung, diese Balance zu finden.

Es ist ihm nach mehr als 20 Jahren Erfahrung erkennbar wichtig, diese Themen zu thematisieren und zu enttabuisieren. Start-Up-Gründer sind häufig hochambitioniert, gönnen sich wenig Freizeit, haben Probleme, ihrem Privatleben und ihrer Familie genügend Raum einzuräumen.

«Ich kenne viele erfolgreiche Menschen, und nicht eine einzige Person hat nicht mit solchen Themen zu kämpfen», sagt er. Warum ist es immer noch ein Stigma, ein Tabu? Locher ist Mitglied des Stiftungsrates seiner ehemaligen Hochschule St. Gallen. Dort bekommt er mit, dass die nächste Generation schon bewusster mit den Themen umgehe.

Mehrmals im Monat ist Locher in der Schweiz, weil ETH und die EPFL zu den führenden KI-Forschungsinstituten zählen, aber auch, weil es dort für ihn wichtige unternehmerische und private Verbindungen gibt.

Die Verbindung zur Heimat sollen auch seine Kinder nicht verlieren. Die beiden gehen in Berlin auf eine internationale Schule, auf der englisch gesprochen wird. «Das tun sie manchmal untereinander auch zuhause. Ich sorge dann dafür, dass wir ins Schweizerdeutsche wechseln», sagt er und lacht.

Editiert von Balz Rigendinger/me

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