Was die Störung der Schifffahrt in der Strasse von Hormus für die Schweiz bedeutet
Die Blockade der Strasse von Hormus hat die Anfälligkeit der globalen Lieferketten offenbart. Selbst wenn sich erste Anzeichen einer Entspannung zeigen, werden die Störungen noch lange nachwirken – mit Folgen für die Schweiz sowie für die vor Ort ansässigen Händler und humanitären Akteure.
Die Strasse von Hormus zwischen Oman und dem Iran, ein strategischer Knotenpunkt für den Welthandel, ist seit über einem Monat lahmgelegt. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hat US-Präsident Donald Trump einen zweiwöchigen Waffenstillstand angekündigt, der an die Wiederöffnung der Strasse von Hormus und an Fortschritte bei den Verhandlungen geknüpft ist.
Seit Mittwoch konnten somit eine Handvoll der 3000 in der Region festsitzenden Schiffe die Meerenge passieren, doch der Verkehr ist noch lange nicht normalisiert – zuvor fanden täglich mehr als 100 Durchfahrten statt. Da die Lage weiterhin sehr instabil ist, dürften die Störungen noch eine Weile andauern.
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Der Iran behauptet, einen Teil der Meerenge vermint zu haben, und verlangt von Schiffen, dass sie sich mit dem iranischen Militär in Verbindung setzen, bevor sie einen der beiden neuen Seewege in der Nähe der iranischen Küste befahren. Der Friedensplan, den Teheran Washington vorgelegt hat, sieht vor, dass der Iran die Kontrolle über die Strasse von Hormus behält und eine Durchfahrtsgebühr erhebt.
Etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gasvolumens werden über diesen maritimen Engpass transportiert. «Die Störungen in der Strasse von Hormus führen zu einer Neudefinition der globalen Energieflüsse in Echtzeit, wobei die Schweizer Handelsunternehmen im Zentrum dieser Umgestaltung stehen», erklärt Florence Schurch, Generalsekretärin von SUISSENÉGOCE, dem wichtigsten Dachverband des Rohstoffhandelssektors in der Schweiz.
Die Situation hat zudem humanitäre Einsätze beeinträchtigt und den Transport von Gütern gestört, die für die weltweite Nahrungsmittelproduktion und die Nothilfe unerlässlich sind.
«Dies ist die grösste Störung der Lieferketten, die wir seit der COVID-19-Pandemie und dem Beginn des Krieges in der Ukraine beobachtet haben», erklärte Corinne Fleischer, Leiterin der Abteilung für Lieferketten beim Welternährungsprogramm (WFP), Ende März gegenüber Journalisten in Genf. «Was heute eine Krise der Lieferketten ist, wird morgen zu einer Hungerkrise werden, wenn die Preise auf den lokalen Märkten steigen.»
Wie gross ist das Risiko für die Schweiz?
Die Anfälligkeit der Schweiz hängt weniger von den direkten Importen ab als vielmehr von ihrer Rolle bei der Steuerung der globalen Rohstoffströme.
Wie Schurch erklärt, «wird ein bedeutender Teil der Öl- und Gasströme aus der Golfregion von der Schweiz aus strukturiert, finanziert und verwaltet, auch wenn die Ladungen physisch nie Schweizer Boden passieren». Sie führt die Tatsache, dass Länder in Europa und Asien ihre Versorgung trotz der Störungen sichern konnten, auf sehr leistungsfähige Teams zurück, die Tag und Nacht arbeiten.
Der Ökonom Peter Klimek pflichtet ihr bei. «Die Schweiz ist den Handelsstörungen in der Strasse von Hormus nur in sehr geringem Masse direkt ausgesetzt», erklärt er unter Bezugnahme auf Daten aus dem Jahr 2024. Insgesamt habe die Schweiz rund 14 Milliarden Dollar (11,2 Milliarden Schweizer Franken) – also weniger als 4% ihrer gesamten Importe – direkt aus der Golfregion importiert.
Der grösste Teil betraf nichtmonetäres Rohgold aus den Vereinigten Arabischen Emiraten im Wert von rund 12,4 Milliarden Dollar. Die übrigen Importe bestanden hauptsächlich aus Schmuck und Wertgegenständen, wobei Schwefel aus Katar den wichtigsten energiebezogenen Rohstoff darstellte.
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Welche wirtschaftlichen Folgen hätte eine längere Sperrung für die Schweiz?
«Die unmittelbarsten Auswirkungen betreffen den Energiesektor: Höhere Öl- und Gaspreise würden wie eine direkte Steuer auf die Haushalte wirken, ihr reales verfügbares Einkommen verringern und sie zwingen, ihre Ausgaben umzuschichten, was zu Lasten des diskretionären Konsums ginge», erklärt Rajeev De Mello, Investmentdirektor bei GAMA Asset in Genf. Sollten die hohen Preise anhalten, würden die Kosten für die Auffüllung der Heizöl- und Gasvorräte den Druck weiter verstärken.
Gleichzeitig würde eine Wachstumsverlangsamung in Europa, der wichtigsten Handelsregion der Schweiz, den Schock noch verstärken. Steigende Energiekosten würden die Nachfrage belasten, die Margen der Unternehmen schmälern und das Vertrauen untergraben, was zu einem Rückgang der Schweizer Exporte, der Investitionen und der gesamtwirtschaftlichen Aktivität führen würde.
«Die Schweiz wäre vor diesen Ansteckungseffekten nicht gefeit», fügt De Mello hinzu. «Eine schwächere Nachfrage aus Europa, ein generelles sinkendes Vertrauen und ein vorsichtigeres Investitionsklima der Unternehmen würden die Schweizer Wirtschaft insgesamt belasten.»
Welche Akteure und Sektoren der Schweizer Wirtschaft sind am stärksten betroffen?
Laut Klimek sind die Handelshäuser als Erste betroffen, da Störungen der Energieflüsse das Handelsvolumen verringern und die Volatilität erhöhen. Der Preisanstieg erhöht zudem die Anforderungen an Sicherheiten, was einen erheblichen Druck auf die Liquidität ausübt, auch wenn sich die kurzfristigen Handelsmöglichkeiten verbessern.
Die Banken wären in einem zweiten Schritt über die Handelsfinanzierung betroffen, indem sie die Kreditvergabe einschränken, sobald die Risiken steigen. Dies führt zu Liquiditätsengpässen, die sich auf die physischen Märkte auswirken können, wodurch Frachtströme zurückgehen und die Preise steigen.
(Rück-)Versicherer wären als Nächstes betroffen, wenn die Schadensfälle zunehmen oder die Risiken im Seeverkehr unversicherbar würden, was wiederum die Handelsströme direkt einschränken könnte, wie dies bereits zu Beginn der Krise der Fall war.
Die Kriegsrisikoprämien für den kommerziellen Seeverkehr sind innerhalb von 48 Stunden auf etwa 0,2% bis 1% des Schiffswertes gestiegen, bei Schiffen mit Verbindungen zu den USA, dem Vereinigten Königreich oder Israel sogar auf 5% bis 7,5%. Dies führte zu einem Einbruch des Seeverkehrs.
«Die Auswirkungen auf die Schweizer Industrie und Pharmabranche wären hauptsächlich indirekter Natur, über höhere Energiepreise, gestiegene Kosten für chemische Vorprodukte und teurere oder gestörte Logistik», so Klimek.
Er betont, dass der Zeitfaktor entscheidend ist. Nach vier Wochen sind die Sicherheitsmargen bereits auf eine harte Probe gestellt, mit ersten Anzeichen wie vorübergehenden Schliessungen in Indien. Engpässe zu beheben, werde schwierig bleiben, selbst wenn die Störung endet. Die Reichweite der Lagerbestände wird entscheidend sein, da Unternehmen mit geringen Reserven schneller betroffen sein werden.
Wie reagieren die in der Schweiz ansässigen Handelshäuser?
«Die Schweizer Handelshäuser stehen an vorderster Front, um den Schock abzufedern», sagt Schurch. «Aber genau das ist ihre Aufgabe: solche Störungen für den Rest der Wirtschaft abzufedern. Der Umgang mit Krisen und Unsicherheiten gehört zu ihrem Tagesgeschäft.»
Wenn die Spannungen in der Strasse von Hormus zunehmen, fügt sie hinzu, würden die Händler der Sicherheit der Besatzungen Vorrang geben, bevor sie zu praktischen Massnahmen wie der Umleitung von Ladungen, der Neuverhandlung von Verträgen und der Anpassung von Absicherungsstrategien übergehen. Diese Reaktionsfähigkeit ermögliche es, den Energiefluss trotz der Störungen aufrechtzuerhalten.
«Es ist der gesamte Schweizer Handelshub, der eine globale Krise in die Suche nach konkreten Lösungen umwandelt und die Schweiz zu einem stabilisierenden Faktor für die globalen Energiemärkte macht», betont sie.
Volatilität kann Chancen schaffen, aber «sie unterstreicht vor allem die Rolle der Händler als Risikomanager», fügt Schurch hinzu. Kapitalstarke, in der Schweiz ansässige Händler können Schocks abfedern und «die physischen Rohstoffströme weiterhin sicherstellen, wo andere sich zurückziehen».
Allerdings setzen starke Preisanstiege die Liquidität unter Druck. «Es ist ein Glück, dass die Schweizer Banken noch über beträchtliche Liquidität verfügen, um diese Wirtschaftstätigkeit weiterhin zu finanzieren», betont sie. «Ohne diese Liquidität wären die Preisanstiege noch ausgeprägter. Das Vertrauen zwischen Händlern und Banken ist in Zeiten grosser Turbulenzen entscheidend.»
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Was bedeuten die Störungen in der Strasse von Hormus für die Nahrungsmittelsysteme und die humanitären Lieferketten?
Die steigenden Treibstoffpreise verteuern den Transport der Hilfsgüter, während logistische Störungen Lieferzeiten verlängern. Nach Angaben des Welternährungsprogramms hat die Blockade der Strasse von Hormus 70’000 Tonnen Lebensmittel blockiert oder ihre Lieferung mindestens verzögert.
Um die Hilfslieferungen aufrechtzuerhalten, war das WFP gezwungen, seine Konvois umzuleiten. Um Afghanistan zu erreichen, wo 17 Millionen Menschen Hunger leiden, umfahren die WFP-Lastwagen, die aus den Vereinigten Arabischen Emiraten starten, nun den Iran und fahren über Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien, die Türkei, Aserbaidschan und Turkmenistan. «Das bedeutet zusätzliche Kosten von etwa 1’000 Euro (920 Schweizer Franken) pro Tonne und eine Verzögerung von drei Wochen», erklärte Corinne Fleischer.
Angesichts knapper humanitärer Budgets befürchtet das WFP, seine Einsätze reduzieren zu müssen. «Wenn die Kosten steigen, steigen auch die Kosten pro Kopf. Und wir werden weniger Menschen unterstützen können.»
Neben Öl ist die Strasse von Hormus auch eine strategische Passage für Flüssigerdgas und Düngemittel. Laut einem am 10. März veröffentlichten Bericht der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) sind mehrere der am wenigsten entwickelten Länder stark von Düngemittelimporten aus dem Persischen Golf abhängig, der Sudan mit einem Anteil von mehr als 50%, Somalia mit 30%.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gibt an, dass etwa ein Fünftel des weltweiten Flüssigerdgases – ein wichtiger Bestandteil von Stickstoffdüngern – und bis zu 30% der weltweit gehandelten Düngemittel durch die Strasse von Hormus transportiert werden. Sollte die Krise andauern, könnten die Preise in der ersten Jahreshälfte um 15% bis 20% steigen.
«Die Landwirte sehen sich mit einem doppelten Kostenschock konfrontiert: teurere Düngemittel und steigende Kraftstoffkosten, die die gesamte landwirtschaftliche Wertschöpfungskette belasten», erklärte Máximo Torero, Chefökonom der FAO, bei einer Pressekonferenz. Diese Situation könnte sie dazu veranlassen, den Einsatz von Düngemitteln zu reduzieren, was das Risiko einer Verringerung künftiger Ernten mit sich bringt.
Was ist das Worst-Case-Szenario, wenn die Waffenruhe scheitert?
Eine Eskalation der Lage könnte die Ölpreise auf 150 Dollar pro Barrel treiben und weitreichendere wirtschaftliche Auswirkungen auslösen, warnt De Mello, Experte für Weltmärkte. «Der Schock würde wahrscheinlich über eine vorübergehende Anspannung auf dem Energiemarkt hinausgehen und zumRisiko einer umfassenderen weltweiten Rezession führen», schätzt er. «Als kleine, sehr offene Volkswirtschaft wäre die Schweiz hinsichtlich Handel, Investitionen und Vertrauen besonders gefährdet.»
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Das WFP schätzt seinerseits, dass, sollte sich der Konflikt über das erste Halbjahr hinaus hinziehen und sollten die Ölpreise bei über 100 Dollar pro Barrel bleiben, 45 Millionen Menschen in akute Ernährungsunsicherheit geraten könnten, während weltweit bereits 318 Millionen Menschen Hunger leiden.
«Wenn dieser Konflikt andauert, wird er Schockwellen durch die ganze Welt senden, und die Familien, die sich bereits jetzt ihre nächste Mahlzeit nicht leisten können, werden am härtesten getroffen», erklärte Carl Skau, stellvertretender Exekutivdirektor des WFP, bei einer Pressekonferenz in Genf im März. Nach Einschätzung der Organisation sind die Länder in Subsahara-Afrika und Asien am stärksten gefährdet, da sie von Nahrungsmittel- wie von Treibstoff-Importen abhängig sind.
Editiert von Virginie Mangin/ts. Übertragung aus dem Englischen mithilfe von KI: Giannis Mavris
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