The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Ab wann gehört man in der Schweiz dazu?

Katherine Hermans

Ob man die Initiative "Keine 10-Millionen-Schweiz" unterstützt oder ablehnt – die Debatte wirft auch die Frage auf: Wer darf als integriert gelten? Ein Meinungsbeitrag von Katherine Hermans.

Während die Schweiz über die SVP-Initiative «Nein zu einer 10-Millionen-Schweiz» diskutiert, wird vieles in rationalen Begriffen verhandelt: Wohnen, Infrastruktur, Verkehr, Druck auf öffentliche Dienste, der Bedarf der Wirtschaft an Arbeitskräften.

Doch Migration ist nie nur eine Frage der Zahlenverhältnisse. Sie ist auch eine Frage des Gefühls; wie Menschen auf Veränderungen reagieren, auf Neuankömmlinge und auf die Frage, wer dazugehört. Ein Pass mag die rechtliche Frage klären. Für die emotionale ist er nicht zuständig.

«Ich recycle und verstehe Schweizerdeutsch»

Ich lebe seit fast zwei Jahrzehnten in der Schweiz. Ich habe hier immer gearbeitet. Ich habe zwei Schweizer Kinder, die die lokale Schule besuchen. Ich recycle. Ich nehme an Abstimmungen teil.

Einmal pro Woche engagiere ich mich freiwillig in lokalen Organisationen und erledige die kleinen Gefälligkeiten, die zum gewöhnlichen Nachbarschaftsleben gehören: Stühle stapeln nach einer Schulveranstaltung, neuen Nachbarn Kuchen bringen und ihre Katze füttern, wenn sie weg sind.

Ich verstehe Schweizerdeutsch, und wenn ich auf Hochdeutsch antworte, streue ich manchmal ein «gell» oder ein «öppis» ein – in der Hoffnung, es nicht zu übertreiben.

Ich nahm an, dass man sich so mehr oder weniger in ein Land einlebt. Nichts davon wäre der Rede wert.

Schweizerin, aber nur auf dem Papier

Nun, vor Kurzem habe ich mit Nachbarn über die Gemeindewahlen gesprochen. Es war genau die Art von Gespräch, die aufzeigt, warum die Schweiz so gut funktioniert: Man diskutiert informiert, ist bürgerlich, denkt praktisch, lebt lokal.

Nachdem ich eine Weile zugehört hatte, fügte ich meine eigenen zwei Cents hinzu. Die Antwort kam schnell: «Lass das mal, du bisch ja nume es Papierli-Schwiizerli.»

Alle lachten.

Also lachte ich auch. Es war nicht böse gemeint. Es wurde so in die Unterhaltung geworfen, als wäre es offensichtlich, harmlos. Aber es erinnerte mich daran, wer ich bin.

Eine Papierli-Schweizerin. Schweizerin, aber nur auf dem Papier.

Jenseits der offiziellen Ziellinie

Es ist ein seltsames Gefühl, fast zwanzig Jahre irgendwo zu leben und dann doch feststellen zu müssen, dass die eigene Zugehörigkeit in den Augen mancher Menschen immer noch provisorisch ist.

Man kann alle Anforderungen erfüllen, den Pass erhalten, arbeiten und Steuern zahlen – und dennoch immer wieder daran erinnert werden, dass es offenbar eine weitere Kategorie des Schweizerseins gibt, irgendwo jenseits der offiziellen Ziellinie.

Natürlich ist die Schweiz damit nicht einzigartig. Die meisten Länder glauben gerne, die Staatsbürgerschaft erledige die Sache. Doch in Wirklichkeit verschieben sich einfach die Torpfosten.

In den Niederlanden, wo ich herkomme, gibt es ein Wort für die «nicht ganz richtigen Niederländer» – selbst wenn sie dort geboren und aufgewachsen sind; man nennt sie «Alochtoonen». Und selbstverständlich haben Migrantinnen und Migranten in vielen anderen Ländern unzählige Male die Frage gehört: «Wo kommst du wirklich her?»

Die soziale Anerkennung hinkt hinterher

Vielleicht lautet die tiefere Frage also nicht, ob jemand die richtigen Dokumente besitzt. Sondern warum so viele Gesellschaften weiterhin Wege finden, zwischen Zugehörigen und Nicht-Zugehörigen zu unterscheiden.

Warum der Pass, der die Zugehörigkeit eigentlich klären sollte, oft nur die Zuständigkeit klärt. Warum die formelle Anerkennung gewährt wird, die soziale Anerkennung jedoch hinterherhinkt.

Das Merkwürdige an Ausgrenzung ist, dass sie nicht immer als zugeschlagene Tür daherkommt. Manchmal ist sie subtiler, wie ein Scherz. Vielleicht ist das der Grund, warum es schwer ist, darüber zu sprechen, ohne überempfindlich zu wirken. Es gibt hier vieles, wofür man dankbar sein kann, und glauben Sie mir: Ich bin dankbar.

Die Schweiz hat mir Arbeit gegeben, die Berge, Jass und die Möglichkeit, eine Familie in einem Land grosszuziehen, das zu Recht stolz auf seine Funktionsfähigkeit ist. Und doch bedeutet es, Ausländer zu sein, in der Schweiz oft, mit zwei Wahrheiten gleichzeitig zu leben. Man kann sich hier zu Hause fühlen, doch dieses Gefühl ist möglicherweise nicht ganz gegenseitig.

Deshalb ist mir dieser Ausdruck im Gedächtnis geblieben.

Eine entscheidende Frage bleibt offen

Nicht, weil er besonders beleidigend war – im Gegenteil, er war erhellend –, sondern weil er mich daran erinnerte, dass es keine vereinbarte Ziellinie für Integration gibt. Es gibt keine Prüfung, nach der alle nicken und sagen: «Ja, jetzt bist du vollständig einer von uns.» Es wird immer Menschen geben, die den letzten Echtheitsstempel für sich selbst reservieren.

Die Schweiz hat selbstverständlich jedes Recht, über Wachstum, Infrastruktur und die Zukunft des Landes zu debattieren. Aber eine Demokratie kann Menschen hereinlassen, ihnen Pässe geben und sie einladen, mitzumachen, und dennoch damit zögern, sie vollständig zu akzeptieren. Mein Punkt ist nicht, dass die Schweiz besonders abweisend wäre.

Sondern dass Staatsbürgerschaft nicht immer soziale Anerkennung bedeutet. Abseits aller Urnen sollte die Schweiz irgendwann auch einmal über dieses Frage entscheiden: Ist Zugehörigkeit etwas, in das Menschen hineinwachsen dürfen?

Disclaimer: Die von der Autorin geäusserten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten von SWI swissinfo.ch wider.
 

Mehr

Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Samuel Jaberg

Soll die Schweiz die Zuwanderung begrenzen?

Wie erleben Sie die wachsende Bevölkerung der Schweiz? Sehen Sie für den Fachkräftemangel eine Alternative zur Zuwanderung? Ihre Meinung interessiert uns!

99 Likes
54 Kommentare
Diskussion anzeigen

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft