Brief des Skyguide-Lotsen
Der Skyguide-Lotse, der in der Nacht der Flugzeug-Kollision am Bodensee Dienst hatte, will seine Mitverantwortung wahrnehmen. Beim Absturz waren 71 Menschen umgekommen.
In einer Stellungnahme, welche die Schweizer Flugsicherung Skyguide und des Lotsen Anwalt Medien zukommen liess, schreibt der Flugverkehrs-Leiter, er sei in dieser Nacht Teil gewesen eines Netzwerks von Menschen, Computern, Überwachungs-, Übermittlungsgeräten und Regelungen. Alle diese Teile müssten nahtlos und fehlerfrei zusammenarbeiten und aufeinander abgestimmt sein.
«Der tragische Unfall zeigt, dass in diesem Netzwerk Fehler aufgetreten sind», heisst es in dem Schreiben weiter. Als Flugverkehrsleiter sei es seine Aufgabe und Verpflichtung, solche Unfälle zu verhindern.
Dies bedeute für ihn, dass er gegenüber den Behörden rückhaltlos Auskunft erteile über die Geschehnisse vor dem Zusammenstoss. Er habe bereits vor der Deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen ausgesagt.
Kein Kommentar zu laufenden Untersuchungen
Der Lotse hoffe, nach diesem Schreiben in Ruhe gelassen zu werden, erklärte Skyguide-Sprecher Patrick Herr am Samstag. Der Lotse werde in der Öffentlichkeit keine Auskünfte erteilen.
Auch Skyguide könne die laufenden Untersuchungen nicht kommentieren, sagte der Sprecher weiter. Die Rolle von Skyguide bei dem Unglück wird von der Bezirksanwaltschaft Bülach untersucht.
Nichts sagen konnte Patrick Herr zu einem Bericht des deutschen Magazins «Focus», dass sich zum Zeitpunkt des Zusammenstosses der beiden Flugzeuge über Überlingen am Bodesee eine Assistentin im Kontrollraum der Skyguide am Flughafen Kloten befunden habe.
Die Arbeit der Skyguide in der Unglücksnacht war im Verlauf der Ermittlungen immer stärker unter Druck geraten, was unterdessen auch erste Massnahmen nach sich zog. Die Schuldfrage ist noch offen, die Ermittlungen dauern an.
Eurocontrol, die europäische Flugsicherungs-Organisation klärt ab, ob bei der Flugsicherheit kurzfristig notwendige Massnahmen ergriffen werden müssen. Dies beschloss Eurocontrol, der 31 Staaten angehören, darunter die Schweiz, nach einem Treffen am Freitag.
Selbstkritik und Trauer
Der Schweizer Verkehrsminister Moritz Leuenberger hatte am Freitag bei der Trauerfeier für die 71 Opfer im deutschen Überlingen eingestanden, dass es nach dem fatalen Unglück in der Schweiz zu Fehlern gekommen sei. Zugleich bekräftigte er den Willen des Landes, alles daran zu setzen, damit die Wahrheit ans Licht komme.
Die Angehörigen hätten ein Recht zu wissen, wer für das Unglück die Verantwortung trage; sie hätten auch Anrecht auf finanzielle Entschädigung.
«Nicht alle bei uns haben die richtigen Worte gefunden. Wir wissen das», fügte der Verkehrsminister hinzu und entschuldigte sich für die Pannen. Auch die Schweiz sei aufgewühlt und leide mit allen Betroffenen.
In seiner schriftlichen Stellungnahme wendet sich auch der Fluglotse an die Opfer-Familien. «Ich trauere mit den Angehörigen und drücke ihnen mein tief empfundenes Beileid aus.» Besonders betroffen mache ihn, dass viele Kinder ihr Leben lassen mussten. «Als Vater ahne ich, dass dieser Verlust eine Lücke hinterlässt, die auch in Zukunft schmerzen wird.»
Der Lotse war nach dem Unglück psychologisch betreut. Er habe viel Anteilnahme erfahren, schreibt er in der Stellungnahme. «Das und meine Familie helfen mir, meinen Schock und meine Trauer zu verarbeiten.»
Letzte Opfer in Ufa beigesetzt
In der baskirischen Hauptstadt Ufa nahmen rund 1000 Menschen an einer Trauerfeier für die letzten 28 Opfer teil, welche in der Nacht aus Deutschland geflogen worden waren. Christlich-orthodoxe und muslimische Geistliche beteten während der Zeremonie für die Toten, die anschliessend auf dem Friedhof von Ufa beigesetzt wurden. Anfang Woche waren die ersten 33 Opfer beigesetzt worden.
Bundespräsident Kaspar Villiger, der ursprünglich nach Ufa hatte reisen wollen, musste auf Drängen Russlands von diesen Plänen Abstand nehmen. Die Emotionen in der Stadt seien in einem Mass gestiegen, dass die Sicherheit der Delegation gefährdet gewesen wäre.
Aufgrund der Emotionen hätten regionale Politiker die russische Regierung aufgefordert, der Schweizer Delegation von einem Besuch in Ufa abzuraten. Die Anwesenheit der Schweizer hätte zu «unerwünschten Wutausbrüchen» in der lokalen Bevölkerung führen können.
Dies nicht zuletzt, weil in den ersten Tagen nach dem Unglück aus der Schweiz auch Schuldzuweisungen an den russischen Piloten laut geworden waren.
swissinfo und Agenturen
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