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Blatten: «Wir haben alles verloren, aber nicht die Freude am Musizieren»

musikgesellschaft in engem proberaum
Die Proben der Musikgesellschaft Fafleralp Blatten finden nun in einem kleinen Saal des Schulzentrums in Kippel statt. SWI swissinfo.ch / Céline Stegmüller

Ein Jahr nach dem Erdrutsch von Blatten sind die Vereine Bindeglied einer verstreut lebenden Gemeinschaft geworden. Die Musikgesellschaft Fafleralp Blatten ist einer davon.

«Der Erdrutsch hat es nicht geschafft, uns die Freude am Musizieren zu nehmen», sagt Nicole Kalbermatten, seit sieben Jahren Präsidentin der Musikgesellschaft Fafleralp BlattenExterner Link.

Wir treffen sie an einem Mittwochabend in Kippel, kurz vor der Probe. Nach und nach treffen die Mitglieder der Musikgesellschaft ein, steigen die Treppe der Schule hoch und betreten den Probenraum. Sie nehmen die Instrumente aus den Koffern und stimmen ein.

Auf den ersten Blick scheint alles normal, doch wenn man die Wände des Raums betrachtet, fällt etwas auf: Dort hängen ausschliesslich die Embleme und Auszeichnungen der Musikgesellschaft Alpenrose Kippel. Nichts weist darauf hin, dass dies der Treffpunkt der Musikgesellschaft Fafleralp Blatten ist.

«Mit dem Erdrutsch haben wir praktisch alles verloren: Noten, Uniformen, Instrumente, die Fahne, das Archiv», erinnert sich Kalbermatten. «Wir haben geschätzt, dass der Gesamtwert dessen, was zerstört wurde, 400’000 Franken beträgt.»

Eine Leere, die schwer drückt

Ein Jahr später werden die Erinnerungen an den Erdrutsch häufiger – und mit ihnen kehrt auch die Traurigkeit zurück. «Vom Trauerprozess weiss man, dass genau nach zwölf Monaten etwas wieder in Bewegung gesetzt wird. Jetzt, da der Schnee schmilzt, sieht man wieder den Berg aus Schutt und Geröll, unter dem mein Haus begraben liegt. In diesem Moment würde ich den Garten herrichten», erzählt Kalbermatten.

«Aber es gibt nichts mehr. An seiner Stelle bleibt dieses unerträgliche Loch. Jedes Mal, wenn ich den Blick ins obere Tal hebe, spüre ich einen Stich ins Herz.»

Am 28. Mai 2025 wurde das Dorf Blatten im Lötschental im Kanton Wallis durch einen Erdrutsch zerstört, der durch das Einstürzen des Birchgletschers ausgelöst worden war. Die rund neun Millionen Kubikmeter Geröll begruben 90% der Gebäude, versperrten den Lauf des Bachs Lonza vollständig und liessen oberhalb des Dorfs einen Stausee entstehen.

Zwei Wochen nach der Katastrophe wurde anlässlich einer Gemeindeversammlung bekanntgegeben, dass das Dorf innerhalb von drei bis fünf Jahren wieder aufgebaut werden soll. Die Kosten dafür werden auf mindestens 500 Millionen Franken geschätzt. Der Erdrutsch löste in der gesamten Schweiz eine Welle der Solidarität aus: Bis heute wurden 68 Millionen Franken gesammelt.

Ende April begannen die Arbeiten für den Bau einer neuen Kantonsstrasse, die das untere Tal mit den Dörfern im oberen Lötschental verbinden soll. Die Eröffnung ist für Ende 2029 vorgesehen. Bis dahin wird eine provisorische Luftseilbahn errichtet, deren Inbetriebnahme für Mitte Dezember 2026 geplant ist.

Am 28. Mai 2025, dem Tag der Tragödie, einem düsteren und regnerischen Tag, war Kalbermatten bei der Arbeit. Auf dem Bildschirm in ihrem Büro verfolgte sie die Bewegung des Gletschers via Livestream.

Plötzlich löste sich der Gletscher, es entwickelte sich eine riesige Staubwolke und der Strom fiel aus. «Der Bildschirm wurde schwarz, genauso wie mein Herz», erzählt sie. Ein Kollege, der alles auf seinem Mobiltelefon verfolgte, rief laut: «Jetzt kommt alles runter.»

In diesem Moment verstand Kalbermatten, dass Blatten nicht mehr existierte. Sie erstarrte und fand nicht den Mut, hinauszugehen, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Dann folgten Umarmungen mit denjenigen, die im Büro geblieben waren.

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«Unmittelbar nach dem Erdrutsch hatte die Orchesterprobe keine Priorität, sondern es war wichtig, für die Menschen da zu sein und sie zu unterstützen», fährt die Präsidentin fort.

Sie erinnert daran, dass bald das Bedürfnis entstand, sich wieder zu treffen – vor allem bei den Jüngsten und den Älteren. «Mein Vater sagte mir, dass er etwas tun müsse, sich ablenken wolle. Er konnte nicht mehr nur an das Geschehene denken.»

Die Musikproben konnten den Menschen dabei helfen, das Drama zu überwinden und Fragmente des Alltags zurückzugewinnen. Am 27. Juni, fast genau einen Monat nach der Tragödie, fand eine ausserordentliche Generalversammlung statt.

«Der Vorstand wollte wissen, ob eine Pause nötig sei oder ob es besser wäre, weiterzumachen», erzählt Kalbermatten. «Alle wollten weitermachen, und so haben wir auch beschlossen, am Eidgenössischen Musikfest in Biel im Jahr 2026 teilzunehmen.»

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Der Vorstand krempelte die Ärmel hoch. Es wurde ein Plan erarbeitet, um das Verlorene wiederherzustellen. Als Symbol des Neubeginns wurde ein neues Logo entworfen. Dann mussten Instrumente beschafft werden, da die meisten unter dem Schutt begraben wurden.

Schliesslich musste ein Probelokal gefunden werden. Die Fafleralp Blatten wurde vorübergehend in den Räumlichkeiten der Gesellschaften Alpenrose in Kippel und Minerva in Ferden aufgenommen.

Ausserdem wurde eine Kommission gegründet, die mit der Herstellung der neuen Fahne beauftragt wurde – einem Element von grossem symbolischem Wert. «Die Fahne steht für alles: das Zugehörigkeitsgefühl, den Zusammenhalt, sie weist die Richtung», sagt Fahnenträger Jakob Murmann.

Seit zwanzig Jahren trägt er die Fahne und hat unzählige schöne, aber auch viele traurige Momente erlebt. Der dramatischste war zweifellos der Moment, als der Berg sein Dorf in einen Friedhof aus Häusern verwandelt hatte.

Die Vereine sind das Bindeglied von Blatten

Murmann gehört zu den wenigen Menschen, die noch ein Haus besitzen. «Ich könnte nach Blatten zurückkehren, aber ich wäre dort völlig allein mit meiner Frau, ohne Freunde und Verwandte, mit einem Schutthaufen vor Augen», sagt der Fahnenträger. Nun lebt er in Kippel.

Die Gemeinschaft von Blatten, die über die verschiedenen Dörfer des Lötschentals oder anderswo im Kanton Wallis verstreut ist, wird durch von den Vereinen organisierte Veranstaltungen zusammengehalten, wie beispielsweise das Konzert der Musikgesellschaft Fafleralp Blatten in der Kirche von Kippel.

Dieses fand am letzten Sonntag im Juli 2025 statt. «Es war ein sehr bewegender Moment», erinnert sich Kalbermatten. «Alle waren da, und auf den Bänken herrschte grosse Stille. Wir haben aber nicht für ein Requiem gespielt, sondern für den Neubeginn.» Für Murmann sind diese Konzerte Momente, die «Mut und Hoffnung geben».

Die Vereine sind zum Bindeglied der Bevölkerung von Blatten geworden. Laut der Präsidentin muss die Musikgesellschaft, ebenso wie der Kirchenchor oder die Jugendgruppe, das Leben des Dorfs, das nicht mehr existiert, weiterhin begleiten.

«Was wird aus uns, wenn wir auseinanderfallen?», fragt sie und fügt hinzu: «Nur wenn wir zusammenbleiben, können wir verhindern, dass der Erdrutsch uns trennt, dass jeder seinen eigenen Weg geht und wir uns zerstreuen.»

Die grösste Angst von Kalbermatten und Murmann ist, dass Blatten nach dem Wiederaufbau nur noch eine Ansammlung von Ferienhäusern ohne Seele und ohne echte Gemeinschaft werden könnte.

Und genau das soll verhindert werden: Es braucht eine Fahne, um die man sich scharen kann – wie jene, die Anfang Mai einem sichtlich bewegten Jakob Murmann übergeben wurde.

Beim Eidgenössischen Musikfest in Biel, das vom 14. bis 17. Mai stattfand, marschierte er mit dem neuen Banner an der Spitze der Musikgesellschaft auf. «Die Augen der Schweiz richteten sich auf uns. Alle kennen unsere Geschichte, das, was wir durchleben», sagen Jakob und Nicole.

«Für uns war es der Moment, Danke zu sagen für die grosse Solidarität, die uns gezeigt wurde. Und um zu zeigen, dass wir noch da sind, dass wir trotz allem noch hier sind, dass der Erdrutsch uns nicht auseinandergebracht hat.»

Die Wiedergeburt der Musikgesellschaft Blatten in fünf Etappen

Nach dem Bergsturz im Mai 2025, durch den ein Grossteil des Materials der Musikgesellschaft Fafleralp Blatten zerstört wurde, begann bereits in den darauffolgenden Wochen die Wiederbeschaffung. Der Wert der Verluste – Instrumente, Uniformen, Fahne und Archiv – wurde auf rund 400’000 Franken geschätzt.

Im Juni 2025 erarbeitete das Komitee einen Wiederaufbauplan und berief eine ausserordentliche Generalversammlung ein. Die Mitglieder beschlossen einstimmig, die Tätigkeit der Gesellschaft fortzuführen, und verabschiedeten ein neues Logo als Symbol des Neubeginns.

Sommer 2025: Dank der Unterstützung anderer Gesellschaften und Privatpersonen konnten vorübergehend Ersatzinstrumente organisiert werden. Während der Räumungsarbeiten in Blatten wurden einige Instrumente aus den Trümmern geborgen und teilweise wieder instandgesetzt.

Ab Juli 2025 konnte die Musikgesellschaft provisorisch in den Probelokalen der Musikgesellschaften von Kippel und Ferden unterkommen. Gleichzeitig wurde mit der Planung einer neuen Fahne begonnen.

Im Herbst 2025 kaufte die Gesellschaft dank Spendengeldern neue Instrumente sowie ein Schlagzeug im Wert von insgesamt rund 50’000 Franken. Zudem wurde eine Kommission für die neue Uniform eingesetzt.

Mai 2026: Die neue Fahne wurde am Eidgenössischen Musikfest in Biel offiziell vorgestellt – der erste grosse öffentliche Auftritt der Musikgesellschaft nach der Tragödie.

Editiert von Zeno Zoccatelli und Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub

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