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Leben in der Schweiz ohne Big Tech? Wir haben es versucht

Los
Die Swissinfo-Journalist:innen Sara Ibrahim und Kristian Brandt. Vera Leysinger / SWI swissinfo.ch

Die Schweiz strebt nach digitaler Souveränität. Sie will weg von Big Tech. Aber geht das auch? Wir – zwei Journalist:innen von Swissinfo – haben auf privater Ebene versucht, von den US-Tech-Giganten loszukommen.

Morgens um 6.30 Uhr klingelt auf meinem iPhone von Apple der Wecker. Innerhalb der nächsten halben Stunde werde ich mindestens fünf weitere Technologien von US-Firmen genutzt haben: WhatsApp von Meta, LinkedIn von Microsoft, Gmail von Alphabet, Teams und Outlook von Microsoft. Und das, bevor ich mir das Gesicht gewaschen habe.

Der Grossteil meines digitalen Lebens – von Fotos der ersten Tage meiner Tochter bis hin zu meinen Passwörtern und persönlichen Dokumenten – ist irgendwo in der Cloud-Infrastruktur der Big Tech gespeichert. Fast jede Interaktion mit der Aussenwelt, ob privat oder beruflich, läuft über eine Handvoll US-Unternehmen.

Je mehr ich über die Bestrebungen der Schweiz nach «digitaler Souveränität» berichte – die Idee, dass wesentliche Technologien und Daten lokal kontrolliert bleiben sollten –, desto mehr frage ich mich, wie das auf persönlicher Ebene aussehen würde. Könnte ich unabhängig von Big Tech werden? Und könnte es ein ganzes Land?

Mein Kollege Kristian hatte sich dieselben Fragen gestellt. Anfang dieses Jahres beschloss er, sich von Big Tech zu lösen – und ich begleitete ihn auf seinem Weg zur digitalen Unabhängigkeit.
Wir begannen mit den Grundlagen: unseren Computern, E-Mails, Telefonen, Cloud-Diensten und KI-Tools. Wir dachten, der Prozess beschränke sich auf ein paar einfache Umstellungen – ein Dienst raus, ein anderer rein.

Stattdessen fühlte es sich eher an, als würde man in trockener Erde jäten: es ist möglich, aber langsam und anstrengend. Bald lebten wir in einer Art Parallelwelt, in der mobile Zahlungen nicht mehr funktionierten, Arbeitsinstrumente ausfielen und wir uns aus Diensten ausgesperrt sahen, die wir unser ganzes Erwachsenenleben lang genutzt hatten.

In dieser mehrteiligen Serie versuchen die Swissinfo-Journalist:innen Kristian Foss und Sara Ibrahim, zentrale Technologien grosser US-amerikanischer Tech-Unternehmen in ihrem Alltag und Berufsleben – darunter Windows, Android, Google-Dienste, Cloud-Plattformen und KI-Tools – soweit möglich durch Schweizer oder europäische Alternativen zu ersetzen.

Das Ziel ist es, zu prüfen, ob digitale Souveränität auf individueller Ebene realistisch ist und was dies über die allgemeine technologische Abhängigkeit der Schweiz und die Möglichkeit, diese zu verringern, aussagt.

Gefangen im Ökosystem

Das Problem, merkten wir, lag nicht in einer einzelnen App oder Plattform. Es ist das Ökosystem, das die Big-Tech-Unternehmen um unser digitales Leben herum aufgebaut haben. Sich daraus zu befreien, kostet Zeit, Geld und Energie.

In der Schweiz gibt es eine Vielzahl datenschutzorientierter Technologieunternehmen, die Alternativen jenseits der Big Tech anbieten. Dazu gehören der E-Mail-Anbieter Proton, der Cloud-Speicheranbieter Tresorit und die Chat-Plattform Threema. Wir hatten also Optionen.

Als Kristian begann, Mainstream-Dienste durch Alternativen zu ersetzen, bemerkte er, wie sich plötzlich viele Türen schlossen. Jahrelang hatte er, wie Millionen andere Menschen, Gmail genutzt, ohne gross darüber nachzudenken. Es war zuverlässig, einfach und mit fast allem verbunden. Der Anbieterwechsel bedeutete nicht nur einen Wechsel des Posteingangs, sondern das Entwirren jahrelanger Konten, Logins und Dienste, die um Googles Produkte herum aufgebaut waren.

«Gmail war weniger ein E-Mail-Konto als vielmehr ein Schlüsselbund, den ich mit mir trug, ohne es zu merken», sagt er. «Einer für die Bank, einer für den öffentlichen Nahverkehr, einer für die Krankenkasse – einer für fast alles.»

Proton argumentiert, dass E-Mail oft zum Tor zu einer viel umfassenderen technologischen Abhängigkeit wird. Sobald sich Nutzer:innen für einen Anbieter entscheiden, folgen meist weitere Dienste, wie Apps zur Dokumenten- und Passwortverwaltung, Fotospeicher, Kalender und Messaging.

«Tatsächlich ist unser Konkurrent nicht nur Gmail», sagt Proton-COO Raphael Auphan gegenüber Swissinfo. «Es sind Google Workspace und Microsoft 365.» Ich stiess auf dasselbe Problem, als ich versuchte, mich von Apple und Google zu lösen.

Um mein fast neues Apple iPhone 16 zu ersetzen, kaufte ich ein Fairphone 5, das wegen seiner Langlebigkeit und der verantwortungsvolleren Materialbeschaffung als ethischere europäische Alternative vermarktet wird. Dann folgte der mühsame Aufwand, ein Open-Source-Betriebssystem zu installieren, das zwar weiterhin auf Android (im Besitz von Google) basiert, aber von den meisten Google-Diensten befreit ist.

Die Benutzererfahrung war reibungsloser, als ich erwartet hatte. Doch ich merkte schnell, was es heisst, sich von einem Smartphone-Ökosystem zu lösen, das von wenigen globalen Anbietern dominiert wird.

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Ohne die Dienste von Google und Apple konnte ich nicht mehr mit meinem Handy bezahlen, mich nicht mehr auf integrierte Passwort- und Kalender-Apps verlassen. Zu einigen Arbeitsanwendungen hatte ich gar keinen Zugang mehr. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung – die den Zugriff auf viele Dienste sichert – wurde schwieriger zu handhaben, und ich musste auf SMS-basierte Verifizierungscodes zurückgreifen anstelle der sichereren Passkeys.

«Wechselt nicht zu Open Source, wenn eure einzige Motivation darin besteht, Geld zu sparen, ohne sonst etwas zu ändern», warnte uns Jonas Sulzer. «Ihr werdet enttäuscht sein.» Er ist Informatikstudent an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und Co-Präsident von Digitale Integrität Schweiz, einer neuen Partei gegen technologische Überwachung.

Er hatte Recht.

Die unsichtbare Abhängigkeit der Schweiz

Unser persönliches Experiment machte schnell klar: Die Abhängigkeit der Schweiz von ausländischer Technologie geht weit über die Mobiltelefone einzelner Personen hinaus. Sie ist systemisch, wirtschaftlich und politisch.

Amerikanische Anbieter stellen 78% der in der Schweiz genutzten Cloud-Dienste bereit. Bis zu 80%Externer Link der börsenkotierten Schweizer Unternehmen in kritischen Sektoren wie Energie, Gesundheitswesen und Versorgung sind von US-Technologie abhängig, wie fast überall in Europa.

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Schweizer Bundes- und Kantonsbehörden geben Millionen aus, um auf Cloud-Infrastrukturen umzusteigen, die hauptsächlich chinesischen und US-amerikanischen Unternehmen wie Alibaba, Microsoft und Amazon gehören. Wichtige Dienstleistungen wie Zoll, Gesundheitswesen und Teile der öffentlichen Verwaltung laufen bereits auf Cloud-Servern der Big Tech, berichtet das Online-Magazin RepublikExterner Link.

Doch immer mehr gibt es Bemühungen, diese Abhängigkeit zu verringern. 2024 entschied das Parlament, fast 250 Millionen Franken in die Entwicklung einer souveränen Cloud-Infrastruktur für die BundesverwaltungExterner Link bis 2032 zu investieren. Im Dezember 2025 beschloss es zudem, dass die Schweizer Armee 10 Millionen Franken für Open-Source-AlternativenExterner Link zu Microsoft Office 365 bereitstellen soll.

«Die Armee muss den zivilen Behörden dabei helfen, eine Ausstiegsstrategie aus Microsoft zu erarbeiten», sagt der Grüne-Politiker Gerhard Andrey, einer der wichtigsten Stimmen in der Schweizer Digitalisierungsdebatte.

Darum ist der Weg zur digitalen Unabhängigkeit für die Schweiz so steil:

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Vor Kurzem begann die BundesverwaltungExterner Link, Open-Source-Lösungen wie openDesk und Linux zu testen. Die Ergebnisse waren ermutigend, trotz interner Widerstände und ZweifelnExterner Link an deren Reife und Stabilität.

Verglichen mit den Nachbarländern agiert die Schweiz jedoch nach wie vor zögerlich. Frankreich hat mehrere seiner MinisterienExterner Link angewiesen, Pläne zu erstellten, um die Abhängigkeit von aussereuropäischen Technologien zu verringern. Und das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein hat bereits einen Grossteil seiner Verwaltung auf Open-Source-Software umgestellt.

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Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (Mitte) und der französische Präsident Emmanuel Macron (rechts) setzen sich gemeinsam für eine stärkere digitale Souveränität Europas ein. John Macdougall / AFP

Warum es so schwer ist, sich von den grossen Tech-Unternehmen zu lösen

Die Abhängigkeit von Big Tech zu verringern, ist möglich. Doch das ist alles andere als einfach.

Sobald Ökosysteme wie Microsoft 365 in Arbeitsabläufe und Gewohnheiten integriert sind, wenn also E-Mail, Cloud-Speicher, Office-Software und Anmeldungen auf derselben Plattform zusammenlaufen, bedeutet ein Ausstieg einen kostspieligen Wechsel zu anderen Systemen und tiefgreifende organisatorische Veränderungen.

Diese Dynamik wird als «Vendor Lock-in» bezeichnet: Je stärker sich Organisationen auf ein einziges Ökosystem verlassen, desto schwieriger wird es, dieses zu verlassen – selbst, wenn Alternativen existieren. «Je nach Organisation kann die Abwanderung von den Big Tech-Unternehmen zwei bis sieben Jahre dauern», sagt Pascal Stöckli, Mitgründer von Netzwerk SDS, einer Schweizer Initiative zur Förderung der digitalen Souveränität.

Die gleiche Logik gilt für Einzelpersonen. Während die anfängliche Wahl eines iPhone- oder Android-Geräts, eines Mac- oder Windows-Laptops oft bewusst getroffen wird, gleiten Nutzer:innen damit in ein umfassenderes Ökosystem hinein. Die Dienste arbeiten nahtlos zusammen und ein Wechsel wird zunehmend schwieriger.

Freiheit und Reibung

Oft waren wir deswegen frustriert, als wir versuchten, uns von den Plattformen der Big Tech zu lösen. Gleichzeitig gab es Momente, in denen sich das Experiment befreiend anfühlte.

Uns wurde bewusster, wie sehr unser digitales Verhalten nicht durch bewusste Entscheidungen, sondern durch Bequemlichkeit, Standardeinstellungen und unsichtbare Abhängigkeiten geprägt war.

Ausserdem begannen wir, vermeintlich kostenlose Dienste mit anderen Augen zu sehen.

Laut einer Studie von Proton generieren die Daten eines durchschnittlichen amerikanischen Nutzers jährlich etwa 1605 US-Dollar für Google – mehr als 16’000 US-Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Das Experiment hat uns nicht über Nacht von den Big-Tech-Unternehmen befreit. In vielerlei Hinsicht erscheint eine vollständige Unabhängigkeit, sowohl für Einzelpersonen wie auch für Staaten, nach wie vor unrealistisch. Aber es hat uns vor Augen geführt, wie sehr das moderne Leben in der Schweiz von Technologien abhängt, die anderswo entwickelt, betrieben und letztlich kontrolliert werden.

Der Übergang weg von Big Tech sei eine Frage der kritischen Masse, sagt Lukas Kahwe Smith, Experte für Open-Source-Technologie an der Berner Fachhochschule. Kristian machte diese Erfahrung, als er WhatsApp durch Threema ersetzte – und nur einen einzigen Kontakt fand, mit dem er chatten konnte.

«Als Erster ist es am schwierigsten», sagt Kahwe Smith. «Aber je mehr Menschen den Wechsel vollziehen, desto weniger schmerzhaft wird es.»

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In den folgenden Teilen dieser Serie werden wir mehr über unsere Erfahrungen mit der Abkehr von Big Tech berichten. Abonnieren Sie den Wissenschafts-Newsletter von Swissinfo, um diesen direkt in Ihren Posteingang zu erhalten.  

Editiert von Gabe Bullard/VdV

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