Fehler bei Skyguide
Ein Alarmsystem in Kloten war in der Unglücksnacht ausser Betrieb. Daher hätten zwei Lotsen Dienst tun müssen. Die Schweizer Flugsicherung Skyguide gerät immer stärker unter Druck.
Während der Flugzeugkollision in der Bodensee-Region, die 71 Menschen das Leben kostete, war ein Alarmsystem nicht eingeschaltet. Das «Short Term Conflict Alert System» (STCA) warnt Fluglotsen spätestens 1,5 Minuten vor einer Kreuzung. Das System war in der Nacht wegen Wartungsarbeiten ausgeschaltet, wie Skyguide-Sprecher Patrick Herr am Mittwoch entsprechende Angaben bestätigte. Das Überwachungsgerät sei daher für einige Stunden ausgefallen.
Um den Ausfall des Systems zu kompensieren, taten gemäss einer internen Weisung in der Unglücksnacht zwei Fluglotsen Dienst. Mit Einverständnis seines Kollegen hatte der zweite Mann jedoch eine Pause gemacht. Für den Diensthabenden habe es dann keine Möglichkeit gegeben, seinen Kollegen zurückzurufen, als es kritisch wurde, sagte der Skyguide-Verantwortliche Anton Maag gegenüber Schweizer Radio DRS.
Pflichtverletzung bei Skyguide
Durch diese neuen Erkenntnisse gerät Skyguide immer stärker in Bedrängnis. Bereits am Vortag hatte sie ihre Informationen korrigieren müssen, der Lotse habe den russischen Piloten 90 Sekunden vor der Kollision angerufen, um ihn auf eine tiefere Flugebene umzuleiten. Am Abend musste Skyguide schliesslich zugeben, dass der Aufruf lediglich 50 Sekunden vor dem Unglück erfolgt war.
Die Verletzung dieser Weisung habe für den ganzen Betrieb interne Konsequenzen, sagte Maag. «Wir müssen dafür sorgen, dass den bestehenden Vorschriften besser nachgelebt wird», sagte er. In dem Interview schloss er nicht aus, dass die Abwesenheit des zweiten Fluglotsen mit ein Grund für die Kollision der beiden
Flugzeuge gewesen sein könnte.
Der verantwortliche Lotse konnte noch nicht zu den Vorgängen befragt werden; er befindet sich in psychologischer Betreuung.
Bergungsarbeiten gehen weiter
Unterdessen sind am Mittwoch die Bergungsarbeiten wieder angelaufen, nachdem sie während der Nacht eingestellt worden waren. Bis Mittwochmittag konnten 37 Tote geborgen werden. Trümmer und Leichenteile der Unglücksflugzeuge waren kilometerweit verstreut am nordwestlichen Bodenseeufer niedergegangen.
Erste Angehörige der Opfer trafen am Unglücksort ein. Weitere rund 130 Angehörige werden bis Ende Woche aus Russland erwartet.
Flugdatenschreiber gefunden
Aufschluss über die Ursachen des Unglückes erhoffen sich die Experten von den Flugdatenschreibern, die sichergestellt wurden. Mit der Auswertung der zwei Flugschreiber soll am Donnerstag begonnen werden. Für die Auswertung werden mindestens zwei Wochen benötigt.
Insgesamt waren bei der Kollision einer Frachtmaschine und eines russischen Passagierflugzeuges über Überlingen am Bodensee in der Nacht auf Dienstag 71 Personen ums Leben gekommen.
Unter den Opfern sind offenbar weniger Kinder als zunächst angenommen. Der Direktor des Reiseveranstalters, der die Reise organisierte, erklärte am Mittwoch, 45 Kinder und Jugendliche hätten sich an Bord der russischen Maschine befunden. Zunächst waren die Behörden von 52 Kindern ausgegangen.
swissinfo und Agenturen
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