Firmen-Airlines in bester Verfassung
In Genf findet bis am Freitag der Europäische Salon für Geschäftsluftfahrt statt. Während den grossen Airlines der Appetit vergeht, spürt die "Geschäftsluftfahrt" Aufwind.
Doch nach vier Jahren hohen Wachstums bläst auch in diesem Sektor 2003 der Wind weniger stark.
Während die grossen Fluggesellschaften um ihr Überleben kämpfen, weist die mittelständische Geschäftsluftfahrt (Corporate Aviation) ein Wachstum auf, das andere vor Neid erblassen lässt. Im Jahr 2002 wurden in den USA 4200 neue firmeneigene Maschinen immatrikuliert, in Europa waren es 2300.
Es ist offensichtlich für viele Firmen rentabler, ihr eigenes Flugzeug zu besitzen, als bei einer herkömmlichen Fluggesellschaft vier oder fünf Tickets erster Klasse zu besorgen, wie Luftfahrtexperte Sepp Moser feststellt.
«Gegenwärtig geht es keinem Sektor in der Luftfahrtsindustrie brilliant», sagt Moser gegenüber swissinfo. «Doch langfristig dürfte die Geschäftsluftfahrt ihren Anteil halten. Sie hat sich zu einem wichtigen Teil der Branche entwickelt».
Genf drängte sich auf
Davon sind die Organisatoren des 3. Europäischen Salons für Geschäftsluftfahrt (European Business Aviation Convention and Exhibition – EBACE), der bis am Freitag in Genf stattfindet, denn auch überzeugt.
«Bereits an den bisherigen Salons hatten wir mehr Besucherinnen und Besucher als erwartet. Dieses Jahr hoffen wir, die Grenze von 5’000 zu überschreiten», freut sich Fernand François, der für die Organisation des Salons verantwortlich ist.
Bei den Ausstellern ist die gleiche Tendenz auszumachen, auch ihre Zahl nimmt ständig zu. 2002 wurde mit 219 einen Rekord verzeichnet, und für dieses Jahr haben sich noch mehr angemeldet.
«Der Flughafen, Palexpo in dessen unmittelbarer Nähe und der Ruf der Stadt gaben den Ausschlag dafür, dass sich Genf als Ort für den Anlass praktisch aufdrängte», betont François.
Starkes Wachstum in Europa
Aber der Organisator und Direktor der Association européenne de l’aviation d’affaires glaubt, dass auch das Wachstumspotenzial, das der europäische Markt im Gegensatz zum amerikanischen aufweist, zu den Erfolgsfaktoren des Anlasses gehört.
Am EBACE können Flugzeugbauer, Produzenten von Einzelteilen und Kunden Kontakte herstellen. Die Ausstellung ist besonders wichtig, weil Europa in den letzten Jahren seinen Rückstand auf die USA teilweise aufgeholt hat.
«In Europa haben die Immatrikulationen von Flugzeugen um fast 50% zugenommen», erklärt ein Mitarbeiter der Firma Dassault Aviation, welche vor genau vierzig Jahren ihre berühmte Falcon auf den Markt gebracht hat.
Noch mehr weist darauf hin, dass der Sektor im Aufwind ist. Auf dem Flughafen Le Bourget bei Paris nahmen die Kerosinverkäufe um rund 5% zu, während das Geschäft mit der Zivilluftfahrt im Jahr 2002 bergab ging.
Ausserdem ist eine Verjüngung der Privatflugzeugflotten festzustellen. Die Lebensdauer einer Maschine liegt heute bei 10,8 Jahren, gegenüber 15 in früheren Jahren.
Fluggesellschaften ohne Flugzeuge
Es gibt verschiedene Arten, Firmenairlines zu finanzieren. Meistens werden dabei die Flugzeuge gar nicht gekauft. «Ein grosses Unternehmen mag ein eigenes Flugzeug kaufen», schätzt Moser, «das macht ab einer grossen Anzahl Flugstunden pro Jahr auch Sinn. Andere Firmen nutzen das Taxi-Modell und mieten das Flugzeug für gewisse Tage.»
«Was immer beliebter wird, ist der Timeshare-Besitz von Flugzeugen. Das ist für solche Firmen interessant, die pro Jahr garantiert eine Anzahl Flugstunden haben, aber zuwenig, um einen eigenen Flieger anzuschaffen.»
Neue Mentalität
Auch die Mentalität hat sich gewandelt. Viele europäische Konzerne wurden sich der Vorteile bewusst, die ein Privatflugzeug hat.
Eine Studie der angesehenen London School of Economics (LSE) zeigt, dass Firmen mit einem eigenen Flugzeug im allgemeinen eine um 11,3% höhere Leistung aufweisen als solche, welche die Dienste der traditionellen Fluglinien in Anspruch nehmen.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Mehr Autonomie und Flexibilität beim Flugplan, die Möglichkeit, in einer vorgegebenen Zeitspanne mehr Orte anzufliegen, um zum Beispiel eine Produktionskette zu kontrollieren oder wichtige Kunden zu besuchen.
Und die Wirtschaft?
Ganz zu schweigen vom grösseren Angebot an Flughäfen. In Europa kann die Privatluftfahrt 2000 Flughäfen anfliegen, während der Zivilluftfahrt nur rund 200 zur Verfügung stehen.
Unsicher ist höchstens noch, ob diese klaren Vorteile gegen das gegenwärtige Stimmungstief der Wirtschaft ankommen. Und ob das Angebot an Produkten eine Kundschaft überzeugen kann, welche zur Zeit praktisch jeden Franken zweimal umdreht.
Wie alle Geschäftszweige leidet auch die Geschäftsluftfahrt seit Anfang Jahr. Aber sie hat vier Jahre ausserordentlichen Wachstums hinter sich, in denen sie ihr Angebot diversifizieren und neue Produkte entwickeln konnte.
swissinfo, Jean-Didier Revoin und Imogen Foulkes
(Übersetzung ins Deutsche: Charlotte Egger)
In Europa wurden 2002 rund 2300 firmeneigene Flieger immatrikuliert.
In den USA waren es 4200.
Am Genfer Salon für Geschäftsluftfahrt rechnet man mit 5000 Besuchern.
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