Gotthard bald wieder offen?
Im Gotthard-Tunnel wird gearbeitet. Die Betriebskommission ist zuversichtlich, dass PWs noch vor Weihnachten wieder durch den Tunnel fahren können.
Noch hat man die Bilder von den brennenden Camions und russbedeckten Autos vor Augen, wenn man an den verheerenden Brandunfall vom 24.Oktober im Gotthard-Strassentunnel denkt, bei dem elf Menschen ihr Leben verloren. Inzwischen laufen die Reparatur-Arbeiten auf Hochtouren.
Die baulichen Interventionen konzentrieren sich auf eine 750 Meter lange Strecke nördlich der eigentlichen Unfallstelle, wie sich bei einer Ortsbegehung am Montag beobachten liess: Die Eingeweide des Tunnels liegen frei; Decke und Seitenwände fehlen.
Gerüste sind montiert, um neue Seiten-Aufhängungen zu installieren; die Wand, welche die Ab- und Frischluftröhre voneinander trennt, ragt vom Gewölbe frei nach unten. Trotz Materialräumung und Putzaktionen sind die Spuren des Brandes gut sichtbar: Die Eingänge zu den Fluchtgängen sind schwarz; die Metalltüren von der Hitze verbogen.
Elektrizität in der roten Zone
Rund um die Uhr und im Schichtbetrieb arbeitet ein Konsortium von drei Firmen, um die Röhre so schnell wie möglich wieder befahrbar zu machen. Von den 50 Personen, die sich während einer Schicht im Tunnel aufhalten, sind 20 Elektriker. Sie müssen die elektrischen Einrichtungen wiederherstellen, die in der sogenannten «roten Zone» und nördlich davon vollkommen zerstört wurden.
Gemütlich sind die Bedingungen im Tunnelinneren nicht gerade: Es ist kalt, der Lärm der Maschinen hallt, die Lichtverhältnisse schlecht.
Wie schnell die Instandsetzung vor sich geht, zeigen einige Daten. Nachdem der zuständige Staatsanwalt den Tunnel am 19.November frei gab, sind alle Fahrzeuge weggeräumt worden. Die teils eingestürzte Zwischendecke wurde auf einer Länge von 350 Metern vollkommen abgebrochen, das Abbruchmaterial von 875 Tonnen entfernt. Dasselbe geschah mit 600 Beton-Seitenplatten. Ausserdem wurden 680 Tonnen Strassenasphalt beseitigt. Nach nur einer Woche, am 26.November, begann der Neuaufbau der Tunnelstruktur.
Ziel: An Weihnachten Autos…
Wer die Baustelle im Tunnelinneren sieht, kann kaum glauben, dass dort in nur drei Wochen wieder Fahrzeuge durchrauschen sollen. «Wir schaffen es mit Sicherheit», meint Mauro Chinotti vom Werkhof Airolo und Gemeinde-Präsident des Bergdorfes. Vor dem Tunnelportal Süd warten bereits die ersten neu gegossenen Beton-Deckenteile auf die Installation.
Die zuständigen Techniker, aber auch der Tessiner Bau- und Umweltdirektor Marco Borradori haben gestern erneut unterstrichen, dass die Öffnung des Tunnels vor Weihnachten ein ambitiöses, aber erreichbares Ziel bleibt. Klar wurde aber, dass der Zustand des Tunnels ein provisorischer sein wird. Konkret: Die Seitenplatten sind bis dahin nicht lieferbar. Die Lüftungspfeifen, die alle acht Meter mit der Ventilationsanlage verbunden sind, werden somit offen liegen. «Die Sicherheit für Personenwagen ist trotzdem gewährleistet», meinte Chinotti.
… bis Ostern Brummis.
Anders sieht es mit dem Schwerverkehr aus. Carlo Mariotta, Leiter des Tessiner Bauamtes und Präsident der Betriebskommission Gotthard, machte unmissverständlich klar, dass er einer Durchfahrt für Camions zum gleichen Zeitpunkt nicht zustimmen wird. Unabdingbare Voraussetzung sei der Einbau von Brandklappen in die Zwischendecke, wie dies auch die Task-Force Schwerverkehr auf der A2 fordere.
Dies sei nötig, selbst wenn der Schwerverkehr durch politische Massnahmen verringert oder im Tunnel nur einspurig geführt werde. Erst bis Ostern 2002 oder bis Juni könnten die zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen beendet werden. Wie der Schwerverkehr dann gelenkt und dosiert werde, sei eine Frage der Politik.
Sicherheit einziges Sperr-Argument
Borradori wies in diesem Zusammenhang Verdächtigungen zurück, der Kanton Tessin wolle den Schwerverkehr auf der San-Bernardino-Route belassen und sich durch eine rasche Öffnung des Tunnels für Personenwagen den eigenen Touristenstrom sichern: «Es ist einzig eine Überlegung aus Sicherheitsgründen.» Bekanntlich sind sich der Bund sowie die Kantone Tessin, Uri und Graubünden in dieser Frage nicht einig. Der Bund will den Gotthard-Tunnel möglichst für alle Fahrzeugtypen gleichzeitig, wenn auch eingeschränkt freigeben. Ein Entscheid wird für diese Woche erwartet.
Unterdessen hält der Streit um die Öffnung des Gotthard-Passes an. Der Kanton Tessin hatte letzte Woche die Passstrasse für Camions mit mehr als 3,5 Tonnen Gewicht und Fahrzeuge mit Anhängern gesperrt. Der Schweizerische Nutzfahrzeugverband kritisierte gestern diese Massnahme angesichts des schönen Wetters als absurd. Der für die Sperrung zuständige Tessiner Ingenieur Denis Rossi verteidigte seinen Entscheid wegen der Windverhältnisse und der Gefahr plötzlich eintretenden Schneetreibens. Letzte Woche habe er diverse querstehende Camions auf der Passstrasse gesehen.
Gerhard Lob, Airolo
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