Italiens Schwarzgeld-Dekret mit Fragezeichen
Über den Erfolg der Amnestie bei der Rückführung von Schwarzgeld nach Italien gehen die Meinungen auseinander.
Diskretion ist ein Markenzeichen der Bankenbranche. Dies gilt auch für Auskünfte zum so genannten Dekret Tremonti, das Italiener und Italienerinnen ermuntert, schwarz ins Ausland transferiertes Geld gegen eine geringe Busse zu repatriieren.
Grosses Schweigen
Sowohl im Tessin als auch in Italien hüllen sich die Banken in Schweigen, wenn es darum geht, konkrete Zahlen zu den Auswirkungen des Dekrets von Finanzminister Giulio Tremonti zu nennen.
Entsprechend widersprüchlich sind die bisherigen Informationen. Gemäss einer Erhebung der Tageszeitung «La Regione» von Anfang Januar haben die Tessiner Finanzinstitute zwischen 4 und 10 Prozent des Kapitals verloren, wobei die höheren Verluste zu Lasten der kleineren Banken gehen.
Keine konkreten Zahlen
Das gesamte im Tessin verwaltete Vermögen wird auf 400 Milliarden Franken geschätzt. Ein Grossteil der Gelder sind italienischen Ursprungs, die schon in den Sechziger Jahren aus Angst vor Linksregierungen und Instabilität über die Grenze flossen.
Der italienische Finanzminister lässt im eigenen politischen Interesse keine Gelegenheit aus, den Erfolg des Dekrets zu unterstreichen. Doch die konkreten Angaben über die Ergebnisse bleiben vage.
In Mailand hielt Tremonti diese Woche fest, dass er inzwischen mit einem effektiven Kapitalrücklauf zwischen 1 und 4% des Bruttoinlandprodukts rechnet, das heisst zwischen 11,9 und 47,6 Milliarden Euro (17,8 /71,3 Mrd. Franken).
Eine weite Spanne. Bei Inkrafttreten des Dekrets Anfang November ging er von 10 Prozent des heimlich im Ausland gehorteten Vermögens aus, dessen Wert auf bis zu 800 Milliarden Franken geschätzt wird.
Unterschiedlich interpretieren lässt sich somit die – noch nicht offiziell deklarierte – Absicht, das Dekret über den 28. Februar hinaus zu verlängern (Abschluss der Umstellungsphase auf den Euro). Es könnte bedeuten, dass der Kapitalrücklauf unter den Erwartungen liegt. Oder auch, dass der Erfolg so gross ist, dass eine Verlängerung auf der Hand liegt.
Aufatmen bei Tessiner Banken
Die italienischen Bankinstitute geben sich unterdessen alle Mühe, ihren Finanzminister zu unterstützen. Sie hoffen, das zurückgebrachte Geld verwalten zu dürfen.
In Tessiner Bankenkreisen ist das Dekret nach wie vor Topthema. Dies zeigt sich beispielsweise am grossen Zulauf von Beratern aus dem Private Banking zu Spezial-Seminaren am Zentrum für Bankenstudien in Lugano-Vezia, wo unter anderem Fragen behandelt werden, ob auch Familien-Stiftungen von der Steueramnestie profitieren können.
Die politisch instabile Situation in Italien in diesem Januar in Zusammenhang mit dem erzwungenen Rücktritt des Aussenministers Renato Ruggiero sowie dem heftigen Streit zwischen der Regierung Berlusconi und der Justiz hat in den Tessiner Bankenkreisen jedoch zu einem gewissen Aufatmen geführt. In Chiasso und Lugano weiss man: Je instabiler die politische Situation in Italien, desto unwahrscheinlicher, dass in die sichere Schweiz gebrachtes Kapital repatriiert wird.
Gerhard Lob, Lugano
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