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Natürliche Eleganz per Computer

Der Kunde sieht sich auf dem Bildschirm und kann so beurteilen, ob ihm der Anzug passt. MIRALab Universität Genf

Mit virtuellen Mannequins können Modeschöpfer Zeit und Geld sparen. Und die Kundin sieht, wie ihr das Kleid aus dem Bestellkatalog tatsächlich steht.

Genfer Forscher haben ein Programm entwickelt, das die Modewelt revolutionieren könnte.

Der Bildschirm ist in zwei Felder geteilt: Links erscheint ein Stück karierter Stoff, rechts ein Mannequin.

Links überträgt der Designer ein Schnittmuster auf den Stoff, einen Mauseklick später ist das Mannequin mit dem entsprechenden Rock gekleidet und kann aus verschiedenen Blickwinkeln begutachtet werden.

Doch der Stoff sitzt noch nicht optimal. Also greift Pascal Volino, einer der Software-Entwickler, zur virtuellen Schere, schneidet aus dem Gewebe ein enges Dreieck aus und näht die Stoffränder zusammen: «So ist es besser!»

Mit weiteren Befehlen über Maus und Tastatur fügt der Forscher einen Gurt hinzu, dann bringt er eine Tasche an.

Und nun der Stoff: Ob leicht oder schwer, fein oder grob, matt oder glänzend, Volino berücksichtigt die spezifischen Eigenschaften jedes Gewebes, er simuliert, wie es fällt, wie es auf Körper und Haut aufliegt.

Erotische Ausstrahlung

«Fashonizer» heisst diese Software. Sie macht es dem Modedesigner möglich, seine Schnittmusterideen zu einem Kleid am Bildschirm so zu prüfen, wie wenn es ein echtes Mannequin tragen würde.

Entstanden ist das Programm an der Universität Genf, im MIRALab, dem Labor für Virtual Reality des Centre Universitaire d’Informatique (CUI).

Die Genfer Forscher haben noch mehr zu bieten. Mit einfachen Mausklicks schreitet das Mannequin auf dem Bildschirm vorwärts, es dreht sich um und läuft zurück.

Für diese Echtzeitpräsentation kommt eine weitere Software zum Tragen, «Virtual Try-on». Die Bewegungen sind elegant und natürlich, die Falten des Rocks schwingen wie echt, das virtuelle Mannequin gibt dem Betrachter den Eindruck einer selbstbewussten Frau, mit einer Spur erotischer Ausstrahlung.

«Wollen wir mit unserer Arbeit in der Modebranche ernst genommen werden, müssen wir sehr auf Schönheit achten», betont Christiane Luible, die bei der Entwicklung der Software ihre Erfahrung als Fashion Designerin eingebracht hat.

Elf Jahre Forschung

«In diesen Computerprogrammen steckt das Know-how aus elf Jahren Forschung mit virtuellen Personen», erklärt Nadia Magnenat-Thalmann, Leiterin des MIRALab und zudem Vorsteherin des CUI.

«Es war von Anfang an selbstverständlich, dass die virtuell animierten Körper bekleidet auf dem Bildschirm erscheinen sollten.»

Inzwischen ist die Technik so ausgereift, dass die Genfer Forscher an kommerzielle Anwendungen denken. So hat zum Beispiel Benetton beim Genfer Institut eine virtuelle Modeschau bestellt.

Für jedes Kleid hat der Auftraggeber Schnittmuster und Stoffproben vorgegeben. Der Modeschöpfer aus Ponzano wollte sich eine Vorstellung über die Möglichkeiten machen – und war laut den Genfer Forschern mit der zweieinhalb Minuten langen Vorführung sehr zufrieden.

Wettbewerbsvorteile

«Es war nicht leicht, Firmen der Kleidungsbranche zu überzeugen, dass wir mit ‚Virtual Reality‘ ihre Arbeit erleichtern können», sagt Nadia. «Inzwischen erhält das MIRALab mehr Angebote, als es erfüllen kann».

Die Leiterin ist überzeugt, dass das «Virtual Clothing» ausschlaggebende Impulse vermitteln wird: «Ohne drastischen Technologievorsprung ist Europa in der Kleidungsbranche der Konkurrenz asiatischer Länder ausgeliefert. Diese nähen schon für die ganze Welt, wieso sollten sie früher oder später nicht auch in der Modeschöpfung den Durchbruch versuchen?», sagt Nadia Magnenat-Thalmann.

Will Europa seine noch führende Stellung in der Modeschöpfung behalten, so die Genfer Wissenschafterin, muss es zu Simulationswerkzeugen greifen, mit deren Hilfe Designer schneller und rationeller entwerfen können.

Körperabmessungen genügen

Von «Virtual Try-on» kann aber auch die Kundin profitieren. Sie kann selber Kleider virtuell anprobieren: Dazu wird sie in einer speziellen Kabine mit Laser gescannt, oder sie gibt einfach ihre wichtigsten Körpermasse ein.

Hat sie ein Kleid ausgewählt, kann sie dieses schliesslich selbst virtuell auf dem Bildschirm anprobieren. Das Mannequin mit den entsprechenden Körpermassen präsentiert das gewählte Kleidungsstück, dreht sich und geht einige Schritte.

Mit «Virtual Try-on» soll es künftig möglich werden, Kleider über Internet virtuell auszuprobieren. Ziel ist, bei Internetbestellungen zu vermeiden, dass zum Beispiel falsche Kleidergrössen gekauft werden.

Doch manche Versandfirmen zögern: «Sie fürchten sich davor, dass sich die Leute sehen, wie sie tatsächlich sind, und deshalb nicht kaufen, weil ihnen die Kleider nicht mehr so toll erscheinen wie im Katalog», erklärt Nadia Magnenat-Thalmann.

Ihre Lösung: «Möglicherweise muss mit der Kundschaft etwas gemogelt werden, indem das virtuelle Doppel auf dem Bildschirm in Richtung des heutigen Schönheitsideals korrigiert wird, wie Maler ihre Modelle idealisiert abbilden.»

swissinfo, Jean-Jacques Daetwyler

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