SBB feiern Jubiläum
Vor 100 Jahren hat die Eidgenossenschaft mit den wichtigsten privaten Bahngesellschaften die SBB gegründet. Heute stehen die Weichen wieder auf Privatisierung und mehr Wettbewerb.
Die SBB wehren sich gegen den Trend zur Privatisierung. Sie lehnen eine Zerschlagung in Einzelteile und eine Trennung von Infrastruktur und Betrieb entschieden ab. Dies erklärte Benedikt Weibel, Vorsitzender der SBB-Geschäftsleitung, beim Start ins Jubiläumsjahr vor den Medien.
«Das Beispiel England hat gezeigt, dass die Zersplitterung der Verantwortung das gesamte Bahnsystem massiv gefährdet», sagte er. Die Privatisierung der Infrastruktur-Gesellschaft habe völlig falsche Anreize gesetzt und auch zu wirtschaftlichem Misserfolg geführt.
Zudem könne eine langfristige Planung des Netzes nur aus der Optik einer Gesamtverantwortung heraus sinnvoll betrieben werden. Damit sei auch die Privatisierungsfrage entschieden, sagte Weibel weiter. Es mache keinen Sinn, ein Gesamtsystem zu privatisieren, das wesentlich auf die Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen sei.
Durch Krise zur Bundesbahn
Zum Bundesbetrieb wurden die SBB aufgrund einer Krise, in welche wichtige private Schweizer Bahngesellschaften Ende des 19. Jahrhunderts geraten waren. Betroffen waren die Nordost- und Südostbahn, Centralbahn, Vereinigte Schweizerbahnen, Jura-Simplon-Bahn oder die Gotthardbahn.
Hohe Baukosten brachten die Privatbahnen in die Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern und Spekulanten. Die Sicherheit wurde vernachlässigt, was zu schweren Unfällen führte.
Verstaatlichung im zweiten Anlauf
Diese Entwicklung verstärkte den Ruf nach einer Verstaatlichung der Bahnen. Ein erster Versuch zur Übernahme der Centralbahn durch den Bund wurde aber 1891 an der Urne mit Zweidrittels-Mehrheit verworfen – was den damaligen Eisenbahnminister Emil Welti zum Rücktritt veranlasste.
An seine Stelle wurde Joseph Zemp gewählt, dessen entschiedene Haltung den Anhängern des Bundesbahn-Gedankens neuen Auftrieb gab. Sie führten ihren Kampf unter dem Motto «Die Schweizerbahnen dem Schweizervolk!».
Das Parlament entwarf 1897 ein «Bahnrückkauf-Gesetz». Dieses wurde nach einem harten Abstimmungskampf am 20. Februar 1898 mit fast 68% Ja angenommen.
Schuldenbelasteter Start
Der Entscheid machte den Weg frei für die Verstaatlichung der wichtigsten Bahnen: Anfang 1902 wurden die Schweizerische Centralbahn, die Nordostbahn und die Vereinigten Schweizerbahnen vom Bund übernommen und zu den Schweizerischen Bundesbahnen zusammengefasst.
1903 folgen die Jura-Simplon-Bahn sowie 1909 die Gotthardbahn. Insgesamt wurden 15 Bahnnetze oder einzelne Strecken verstaatlicht, als letzte 1948 die Uerikon-Bauma-Bahn.
Der Aufkauf der Privatbahnen belastete die jungen SBB mit einer Milliarden-Schuld, von der sie erst 1944 befreit wurden. Gleichwohl wuchsen sie zum Rückgrat des schweizerischen Verkehrswesen heran – mit einem 3000 Kilometer langen elektrifizierten Schienen-Netz.
Strassenkonkurrenz zwingt zu Reformen
Mit dem Bau der Nationalstrassen seit den 60-er Jahren erhielten die SBB Konkurrenz durch den privaten Strassenverkehr. Vor allem der Gütertransport bescherte ihnen rote Zahlen.
Ende des 20. Jahrhunderts antworteten die Bundesbahnen auf diese Herausforderung mit einer Bahnreform sowie grossen Bau- und Modernisierungs-Vorhaben wie BAHN 2000 und der Alpentransversale Neat. Dabei wurde der Personalbestand erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter 30’000 gesenkt.
Die Bahnreform wandelte die SBB von einem Regiebetrieb des Bundes in eine spezial-rechtliche Aktiengesellschaft um. Sie führte Wettbewerbs-Elemente in den Güterverkehr. Dies betonte auch SBB-Chef Benedikt Weibel am Donnerstag vor den Medien.
Das Festhalten an einer SBB in Staatsbesitz sei keine Absage an den Wettbewerb. «Ein diskriminierungsfreier Netzzugang ist auch mit einer ungeteilten SBB möglich», sagte er. Bereits heute würden 15 Prozent der Ganzzüge im Güterbinnenverkehr durch Dritte gefahren.
swissinfo und Agenturen
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